Louis Soutter, Le Corbusier und ein verstörend-grossartiger Roman

Nadia Bendinelli
22. April 2021
Foto: Nadia Bendinelli

Lukas Hartmanns neuestes Werk ist bewegend. Nicht allein die Kunstfertigkeit des Autors macht das Buch lesenswert – die Entdeckung einer komplexen Persönlichkeit ist ein Genuss. 

«Schattentanz. Die Wege des Louis Soutter» hat mich sofort fasziniert, zugleich aber auf eine seltsame Art verstört. Als Le Corbusier das erste Mal die Zeichnungen seines Cousins in Händen hielt, soll er ähnlich empfunden haben. Sowohl Soutters Arbeiten als auch Hartmanns Buch über ihn scheinen eine ausserordentliche Kraft zu besitzen. Beide erzählen historische und interessante Hintergründe mit einer Wucht an Emotionen, die vor allem von Schmerz zeugt. Und beide haben eine anhaltende Wirkung. 

Das Buch besteht aus Fragmenten. Man muss es bis zum Ende lesen, um ein mögliches Gesamtbild zu bekommen. Wieso «mögliches» Gesamtbild? Zuerst, weil es sich um einen Roman handelt: Neben einer gründlich recherchierten Biografie geht es um Gespräche und Gefühle, die zwar plausibel sind, aber doch Interpretationen des Autors bleiben. Dazu kommt dieses nachhaltig verstörende Gefühl beim Lesen, das weitere, ganz persönliche Schlüsse ermöglicht, die über die reine Geschichte hinausgehen. Die Ereignisse werden nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt, viel interessanter sind die Unterschiede in der Wahrnehmung der Figur Soutters durch seine Mitmenschen. Verschiedene Perspektiven werden ineinander gewoben: Die Wahrnehmung der Mutter, des berühmten Cousins, der Familienmitglieder und weiterer Akteure ergeben ganz unterschiedliche Bilder von ihm.

Louis Soutter, 1871–1942

Geboren in Morges, der Vater Apotheker, die Mutter Musikerin – eine wohlhabende, gebildete Familie. Gute Voraussetzungen? Nicht für Soutter: Der Vater ignorierte ihn, die Mutter quälte die Kinder mit äusserst strengem Musikunterricht und harten Worten. Zeichen der Zuneigung blieben aus. Immerhin eröffnete der Wohlstand Raum zum Experimentieren: Soutter nahm ein Studium als Ingenieur auf, wechselte zur Architektur und brach schliesslich auch dies ab, um sich gänzlich der Violine zu widmen. 21-jährig wurde er Schüler von Eugène Ysaÿe, Professor am Königlichen Konservatorium in Brüssel, Geigenvirtuose und Komponist. Ysaÿe war eine wichtige, positive Figur in Soutters Leben. Er war es auch, der den Künstler ermutigte, seiner zweiten Liebe, der Malerei, nachzugehen. Daher auch die zusätzlichen Studiengänge in Malerei und Zeichnen in Lausanne und Paris. 

Auch die zuerst schleierhafte Beziehung zu Madge Fursman, die reiche und reizende Amerikanerin, die seine Frau wurde, ist erst am Ende des Buches, nachdem man alle Fragmente kennt und zusammenfügen kann, etwas fassbarer. Mit ihr lebte Soutter in Colorado Springs, wo er widerwillig die Leitung des neu gegründeten Art Department des Colorado College übernahm. Beides wurde schnell zum Alptraum – die Ehe wie auch die Position an der Schule. 

Nach der Trennung kehrte ein seelisch gebrochener und körperlich zerfallener Mann nach Morges zurück. Beim Lesen wird der Schmerz mehr durch das darüber Schweigen als in Gesprächen spürbar. Der Schatten der Abweisung lag von nun an auf Soutters Gemüt. Er hörte vorerst auf zu malen. Als Violinist sicherte er sich einen Platz unter den ersten Geigern des Genfer Sinfonieorchesters. Ab diesem Zeitpunkt wird deutlich, dass seine lädierte Figur vorwiegend auf Abneigung stiess. Soutter konnte – oder wollte – sich nicht mehr richtig in ein Konstrukt einfügen. Versunken in die eigene Gedankenwelt, zog sich immer mehr zurück. Zuerst wechselte er zum Orchestre symphonique de Lausanne, wo er eine weniger wichtige Position innehatte. Mit der Zeit stieg er weiter ab und nahm immer unbedeutendere Tätigkeiten an. In den Augen der Welt wurde die hagere, sonderbar gekleidete Figur zum Kuriosum. Das härtere Urteil fällte seine Familie: Louis verschwende nur ihr Vermögen und sei ausserdem nicht mehr im Stande, das eigene Leben zu meistern. 1923, gerade 52-jährig und bereits entmündigt, wurde der Künstler in ein billiges Seniorenheim in Ballaigues (Waadtländer Jura) gesteckt. Abgeschottet lebte er dort 19 Jahre lang, bis er 1942 starb.

Der verkannte Künstler

Die teure Violine durfte Soutter immerhin behalten. In Ballaigues begann er wieder zu zeichnen – auf eine ganz andere Weise als früher. Mit der Zeit verbreitete sich das Gerücht – zuerst im Heim, dann in der Umgebung und schliesslich auch bei seiner Familie, die ihn nicht besuchte –, der «extravagante Mann» kritzele den ganzen Tag in Schulbüchern und auf allerlei Blättern «fremdartige und erschreckende Figuren. Und Nackte!». Diese merkwürdige Geschichte erreichte schliesslich auch Le Corbusier.

Der Architekt mit seiner Vorliebe für nüchterne, klare Linien und Ordnung fand in Soutter seinen Gegensatz. Bei seinem ersten Besuch in Ballaigues liess er sich die Zeichnungen zeigen. Zuerst befremdet und dann immer mehr fasziniert, erkannte er die Kraft dieser Werke, die einen starken Eindruck auf ihn machten. Le Corbusier war zwar nicht der einzige, der in den Bildern etwas zu sehen vermochte, im Allgemeinen erntete Soutter aber mehr Spott als Bewunderung – zumindest zu Lebzeiten. Über zehn Jahre stattete ihm der Architekt Besuche im Heim ab und setzte sich für Louis’ Kunst ein. Von Anfang an merkte er, dass Soutter keineswegs weltfremd war. Der «Sonderling» erwies sich als gebildet und drückte sich gewählt aus. Meist jedoch blieb er wortkarg. Aus der Zeitung und dem Radio war er genauestens über die politischen Ereignisse im Europa der Zwischenkriegszeit informiert. Genau das war aber auch regelmässig Streitgegenstand der beiden: Le Corbusier war von den Ideen des Faschismus fasziniert und bewunderte Mussolini – er sah in der neuen Bewegung (berufliche) Möglichkeiten und erhoffte sich eine positive Erneuerung. Soutter ermahnte ihn eingehend: Der Faschismus und dessen Gedankengut führten unausweichlich zu Krieg und Elend, sagte er, und gewiss nicht zu etwas Positivem. Nach vielen Besuchen und einem regen Austausch kam es so zum endgültigen Bruch. Soutter warf seinen Cousin aus seinem Zimmer, Le Corbusier suchte ihn fortan nicht mehr auf. Gerufen wurde er erst wieder, um den Nachlass, im Grunde zahlreiche hoch aufgetürmte Stapel von Zeichnungen, die das ganze Schlafzimmer füllten, zu sichten. Heute werden einige von Soutters Werken für bis zu CHF 200 000 gehandelt.

Die wichtigsten Aussagen des Romans werden oft über die Beschreibung von Blicken und unausgesprochenen Gedanken transportiert. Die Gefühlswelt, die sich hinten dem Schweigen verbirgt, ist von Lukas Hartmann mit solcher Intensität und Kunstfertigkeit beschrieben, dass sie mehr Aussagekraft erhält als die tatsächlichen Dialoge. Die Geschichte – oder vielmehr das Geflecht aus Eindrücken – stimmt vielleicht traurig, das Buch ist aber auf jeden Fall zu empfehlen. Aus heutiger Sicht mag die Entmündigung zurechnungsfähiger Menschen befremden – oder genauer, wie einfach diese möglich war. Louis Soutter war leider kein Einzelfall. Ob wir aber toleranter gegenüber Sonderlingen geworden sind? Wahrscheinlich nicht. Lediglich haben sich die Methoden verändert und die Massnahmen, die gegen sie ergriffen werden. Das Buch «Schattentanz. Die Wege des Louis Soutter» ist durch und durch eine Bereicherung. Lukas Hartmanns Schreibkunst ist grossartig.

 

«Nicht korrekt, nicht schön, sondern richtig. / Mal ich mit Tinte und Blut, male wahr. / Wahrheit ist schrecklich.»

Hermann Hesse, Gedicht über Louis Soutter

Schattentanz. Die Wege des Louis Soutter

Schattentanz. Die Wege des Louis Soutter
Lukas Hartmann

256 Seiten
Hardcover Leinen
ISBN 9783257071092
Diogenes
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