Lucius Burckhardt lehrt uns, über den Tellerrand zu schauen

Elias Baumgarten
28. Oktober 2021
Foto: Elias Baumgarten

Lange wurde Lucius Burckhardt unterschätzt und bisweilen sogar abgelehnt. Nun verschafft ihm ein Buch den gebührenden Platz in der Schweizer Architekturgeschichte. Höchste Zeit, denn seine Haltung ist aktueller denn je. 

Lucius Burckhardt und die Schweizer Architekturszene – das war eine komplizierte Beziehung, in der es immer wieder knirschte: Er, der Nicht-Architekt und Soziologe, war zwar als Lehrer an der ETH Zürich, Chefredaktor der Zeitschrift werk, brillanter Schreiber und intelligenter Theoretiker ein wichtiger Teil der Szene, doch zugleich für viele auch eine Provokation. Denn immer wieder forderte er die Architektenschaft mit seinen grossartigen Glossen, die im werk in den Rubriken «Fragment» und «Aktuell» erschienen, heraus, um sie zum Nachdenken zu bringen. Auch scharfe Kritiken wusste er zu schreiben. Und vor allem fürchteten manche Architekt*innen die Einmischung von aussen in ihre Disziplin. Heute sind Burckhardts Positionen vielen Schweizer Gestalter*innen nicht mehr präsent. Das ist schade, haben sein Denken und Wirken doch gerade jetzt in Zeiten der Klimakrise und angesichts der tiefgreifenden sozialen und kulturellen Veränderungen, die uns etwa durch die Digitalisierung ins Haus stehen, grosse Aktualität. Eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit seinen Überlegungen fehlte bisher.

Foto: Elias Baumgarten
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Schliessen soll diese Lücke nun ein Buch, herausgegeben von Philippe Koch und Andreas Jud sowie dem Institut Urban Landscape der ZHAW: «Bauen ist Weiterbauen». Mit dem Frontdeckel in Hellblau, dem Buchrücken in Gelb, dem Rückdeckel in Orange, bunten Seiten und poppigen Faksimiles von alten Artikeln und Glossen aus dem werk versetzt das Buch, das von Büro 146 gestaltet wurde, einen in die Zeit zwischen 1962 und 1972, als Lucius Burckhardt für das Publikationsorgan des BSA verantwortlich war. Eben jene Zeit und Burckhardts Tätigkeit für das werk, die bisher kaum näher beleuchtet wurde, sind zentraler Gegenstand des Buches. Obwohl dieses mit seiner Gestaltung und seiner Bildwelt collagenartig wirkt, ist es übersichtlich gegliedert und sehr angenehm zu lesen. QR-Codes, die auf alte werk-Artikel verlinken, bringen dabei ein vertrautes Element aus der Jetztzeit in die 1960er-Jahre-Welt. Das ist emblematisch: Die Leistung des Buches besteht nämlich nicht nur darin, Burckhardts architektursoziologische Haltung verständlich und umfassend darzulegen. Vielmehr wird auch überzeugend erklärt, wieso seine Forderung, das Bauen immer als Weiterbauen zu verstehen, jetzt, da wir uns eine gelungene Innenentwicklung zum Ziel gesetzt haben und endlich schonend und vorausschauend mit Ressourcen umgehen wollen, brandaktuell ist. Besonders gefällt hier der Beitrag des Architekturprofessors Stefan Kurath, der auch für sich stehen könnte und Burckhardts Rolle in der Schweizer Architekturgeschichte, seine Haltung sowie die Bedeutung seiner Positionen für den heutigen Diskurs knapp und präzise auf den Punkt bringt. 

Foto: Elias Baumgarten
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Lucius Burckhardt beschäftigte sich unermüdlich mit Architektur und Gesellschaft. Für ihn bestand zwischen beiden eine komplexe Beziehung; gesellschaftliche Verhältnisse und gebaute Umwelt würden sich gegenseitig bedingen, so seine Grundüberzeugung. Das heisst im Umkehrschluss, dass Architekt*innen ein umfassendes Wissen über die Gemeinschaft brauchen, in der und für die sie arbeiten. Nur so können sie Planungsprozesse richtig aufgleisen und gute Lösungen finden. Dieses Wissen lässt sich wohl nur durch grosse Neugier, Offenheit, unstillbaren Wissensdurst, vielseitiges Interesse und die stetige Auseinandersetzung mit allen möglichen Themen erwerben. Burckhardt machte es vor: Er nahm sich für seine Studien der Nationalökonomie und der Politologie zwölf Jahre Zeit und liess sich von nicht weniger als 22 Dozenten unterrichten. Wer sich immerzu nur in der Architekturszene bewegt und sich maximal für verwandte Disziplinen begeistern kann, wird es schwer haben, überzeugende architektonische Lösungen zu entwickeln, die auf die Gesellschaft zurückwirken. So wird «Bauen ist Weiterbauen» auch zum Appell, über den Tellerrand zu schauen, zu lesen (nein, nicht bloss Architekturbücher), ins Theater zu gehen oder ins Museum (nicht nur ins Architekturmuseum), Konzerte zu besuchen, politische Debatten zu verfolgen (auch wenn sie das Bauen nicht unmittelbar betreffen), Hobbys zu haben (ausser Architektur) und Freundschaften mit Profis aus anderen Disziplinen zu pflegen. 

Foto: Elias Baumgarten

Philippe Koch, Andreas Jud und dem Team des Instituts Urban Landscape der ZHAW ist es gelungen, einen bisher unterschätzten und stiefmütterlich behandelten Experten ins Rampenlicht zu rücken. «Bauen ist Weiterbauen» inspiriert und lädt ein, sich eingehend mit Burckhardt zu befassen. Das Buch hat alles, um dazu beizutragen, Burckhardt seinen angemessenen Platz in der Schweizer Architekturgeschichte doch noch zu sichern. Und es zeigt eindrücklich, wie er das werk öffnete, ihm eine neue Richtung gab. Unter seiner Ägide prägte die Zeitschrift den Diskurs im deutschen Sprachraum entscheidend mit. Architekturmedien können, gehen sie über eine blosse Werkschau hinaus, Schwung in den Diskurs bringen; selbst digitale übrigens, wie die besondere Auszeichnung für Online-Journalist*innen im Rahmen des BDA-Preises für Architekturkritik 2021 eben bewiesen hat, auch wenn manche das noch immer energisch in Abrede stellen – sogar in diesem Buch.

Bauen ist Weiterbauen. Lucius Burckhardts Auseinandersetzung mit Architektur

Bauen ist Weiterbauen. Lucius Burckhardts Auseinandersetzung mit Architektur
Philippe Koch, Andreas Jud, ZHAW Institut Urban Landscape (Hrsg.)
Mit Beiträgen von Daniel Kurz, Markus Ritter und Stefan Kurath

155 × 240 Millimeter
168 Seiten
120 Illustrationen
Fadengeheftete Broschur
ISBN 9783038630647
Triest
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Nina Cattaneo und Pascal Marx sehen das Um- und Weiterbauen als die Aufgabe ihrer Generation junger Schweizer Architekt*innen.

Lorea Schönenberger und Nicola Toscano nehmen einen ungünstigen Wertewandel wahr, dem sie nicht nur mit architektonischen Mitteln entgegentreten.

Auch Saikal Zhunushova beschäftigt sich mit dem Weiterbauen.

Die Verknüpfung zwischen Literatur und Gesellschaft ist extrem eng. Entsprechend viel gibt es aus der Beschäftigung mit der Disziplin über soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen zu lernen.

Denise Tonella, Direktorin des Schweizerischen Nationalmuseums, im Interview über ihre Arbeit

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