Mit Räumen die Menschen berühren

Daniela Meyer
23. Februar 2023
Filippo Berardi und Lucia Miglio haben 2019 das Studio Berardi Miglio in Zürich gegründet. (Foto: Nadia Bendinelli)

Die «School of Social Development» in Bodgaun, Nepal, ist der erste von Filippo Berardi und Lucia Miglio realisierte Neubau. Als die beiden 2020 von einer karitativen Organisation mit der Aufgabe betraut wurden, in dem kleinen Dorf nördlich von Kathmandu eine Ausbildungsstätte mit Wohnheim zu erstellen, war es aufgrund der Covid-19-Pandemie nicht möglich, dorthin zu reisen. Der ferne Bauplatz und das offen formulierte Programm stellten sie vor eine ähnliche Aufgabe, wie sie sie aus ihrer Studienzeit an der Accademia di architettura in Mendrisio kannten. Dort schlossen Lucia Miglio und Filippo Berardi, die beide aus Norditalien stammen, 2010/2011 ihr Studium ab. Was sie damals an der Architekturakademie gelernt haben, dient ihnen als solides Fundament und prägt ihre Arbeit bis heute. Für die beiden war rasch klar, dass mit der Ausbildungsstätte in Nepal in erster Linie ein Ort geschaffen werden sollte, an dem sich nicht nur die Schulkinder, sondern auch die Erwachsenen aus dem Dorf begegnen können. Mit Modellen und Skizzen suchten sie nach einer passenden Form, die auch dann einen kraftvollen Raum bildet, wenn sie mit einfachsten Mitteln und geringer Kontrolle über die Ausführung erstellt wird. Dies gelang ihnen, indem sie fünf simple, rechteckige Baukörper so anordneten, dass in ihrer Mitte ein offener Hofraum entsteht.

Die Ausbildungsstätte in Nepal besteht aus fünf markanten Baukörpern, die sich um einen offenen Hof gruppieren und so zu einem Begegnungsort werden. (Foto: Filippo Berardi)
Den Bauplatz bekamen Filippo Berardi und Lucia Miglio erst zu Gesicht, als ihr Erstlingswerk bereits fertig war. Davor mussten sie sich mithilfe von Bildern und Videos über den Ort und den Bauverlauf informieren. (Foto: Nadia Bendinelli)

Wenn Filippo Berardi und Lucia Miglio von ihrer Herangehensweise und der Beziehung zwischen Raum, Idee und Form erzählen, zeigt sich der Einfluss der Accademia unweigerlich, und es überrascht nicht, dass beide unter anderem am Lehrstuhl von Valerio Olgiati studiert haben. Doch es waren nicht die Kontakte zu den Schweizer Professor*innen, die das Duo nach Zürich geführt haben, sondern schlichtweg die Aussicht auf eine bezahlte Arbeit nach dem Studium. Als Angestellte in renommierten Büros tasteten sie sich an die lokale Praxis heran. Bevor sie 2019 ihr eigenes Studio gründeten, waren sie als Entwurfsarchitekten in leitenden Positionen tätig.

Vom «Zürcher Niveau», seien es Wettbewerbe oder realisierte Bauten, zeigen sich die beiden beeindruckt. Diese Qualität zu erreichen, habe eine Weile gedauert – und in den Projekten nach klaren Strukturen verlangt. Nach über zehn Jahren Berufstätigkeit in der Limmatstadt wissen sie heute, dass sie den Vergleich mit der starken Konkurrenz nicht länger zu scheuen brauchen. Manchmal ernüchtert sie der Blick auf die Wettbewerbsresultate allerdings: Obwohl bei öffentlichen Bauaufgaben in Zürich jeweils ein bunter Strauss an Ideen eingereicht werde, erhalte dann doch häufig ein Projekt den Zuschlag, das sich unauffällig, ja beinahe schon banal zeige. Mit dem pragmatischen Erfüllen eines Programms wollen sie sich nicht zufriedengeben. Stattdessen lautet ihr Ansatz, erst sämtliche Anforderungen zu erfüllen, um dann eine eigenständige Architektur zu entwickeln. Dabei sind sie überzeugt, dass schon kleine Ausnahmen und Kniffe zu einem prägnanten Bild oder einer besonderen Sinneswahrnehmung führen können.

Wettbewerbsbeitrag für einen Kiosk auf der Zürcher Stadthausanlage, 2022. Manchmal wünscht sich das Duo Projekte mit mehr Eigenständigkeit und Strahlkraft für die Limmatstadt. (Visualisierung: © Studio Berardi Miglio)
Mit seinem Beitrag für ein Begegnungszentrum der reformierten Kirche in Sarnen gewann das Studio Berardi Miglio 2021 den dritten Preis. (Visualisierung: © Studio Berardi Miglio)

Filippo Berardi spricht von einer Reise, die man antreten muss, um seinen eigenen Platz, seine Sprache zu finden. Am Anfang gelte es, alles auszuprobieren, um zu verstehen, was man gut finde. Das braucht Zeit, denn unterdessen entwickelt sich auch die Architektur fort. Während sie früher dem Beton huldigten, zeichnen sich ihre Wettbewerbsbeiträge heute meist durch naturbelassene Materialien wie Holz aus. Es verwundert nicht, dass es sich bei den Podestplätzen, die sie bisher erreicht haben, um je zwei Kirchen und Mehrzweckhallen handelt. Einerseits Bautypologien, bei denen das Raumerlebnis eine wichtige Rolle spielt. Andererseits betrachten es Berardi Miglio als eine zentrale Aufgabe der Architekturschaffenden, für die Menschen und die Gemeinschaft zu bauen.

Für die Ausbildungsstätte in Nepal mussten sie einfache Mittel finden, um einen prägnanten Begegnungsort zu schaffen. Gegen aussen zeichnet sich das Ensemble durch seine himmelblaue Farbe aus, die einen Kontrast zu den grünen und erdigen Tönen der Umgebung bildet und für die Kinder von Weitem erkennbar ist. Im Hof verströmt ein sonnengelber Anstrich eine warme Atmosphäre. Auch beim Ausbau eines Kosmetikstudios in Zürich, an dem sie derzeit arbeiten, werden sie Farbe dazu einsetzen, dem Raum eine eigene Identität zu verleihen und unterschiedliche sinnliche Erfahrungen hervorzurufen.

Gegen aussen verleiht ein blauer Anstrich der Ausbildungsstätte in Nepal ein unverwechselbares Erscheinungsbild. Im Hof wirkt die sonnengelbe Farbe raumbildend und schafft eine warme Atmosphäre. (Foto: Filippo Berardi)
Auch beim Ausbau eines Kosmetikstudios setzen Berardi Miglio Farbe ein, um die Sinne der Nutzer*innen anzuregen und dem Raum einen unverwechselbaren Charakter zu verleihen. (Visualisierung: © Studio Berardi Miglio)

An diesem Projekt ist auch ein Grafiker beteiligt, der im selben Atelier wie sie in Zürich-Altstetten arbeitet. Den Austausch mit den dort anwesenden Kolleg*innen aus unterschiedlichen Disziplinen erfahren Berardi Miglio als grosse Bereicherung. Auch den Dialog mit der Kundschaft betrachten sie als Inspirationsquelle, da es gelte, aufgrund der Bedürfnisse der Bauherrschaft ein passendes Bild zu entwickeln. Begeisterungsfähige, offene Auftraggeber*innen, wie sie bisher auf sie trafen, wünschen sie sich auch für die Zukunft. Lucia Miglio gibt zu bedenken, dass man in Zürich im Alter von 38 Jahren immer noch zum Nachwuchs zähle – da sei es besonders wertvoll, das Vertrauen in die eigene Arbeit zu spüren. Und noch etwas liegt dem Duo am Herzen: Allem voran wollen sie Spass haben an der Architektur und ihrer Arbeit mit Freude nachgehen. Ihre authentischen Schilderungen lassen keine Zweifel daran, dass dem so ist.

Lucia Miglio an ihrem Arbeitsplatz in Zürich-Altstetten. Den Austausch mit den Kolleg*innen der interdisziplinären Ateliergemeinschaft empfinden Berardi Miglio als eine grosse Bereicherung. (Foto: Nadia Bendinelli)

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