Orte erfahrbar machen

Susanna Koeberle
1. Juli 2021
Fredi Fischli, Niels Olsen und Christina Hanke (Co-Leitung) mit Philip Ursprung und Samia Henni im Genfer Kino Le Plaza. Dokumentiert wurde der erste Site Visit im Rahmen der NEXPO von der Fotografin Mathilde Agius. (Foto: Mathilde Agius assistiert von Florian Lüthi und Ianne Kenfack)

Das Projekt «NEXPO – die neue Expo» entstand als Initiative der zehn grössten Schweizer Städte. Als Format mit dezentralem Konzept steht NEXPO auch für eine neue Vision einer Landesausstellung. Dazu gehört das Format «Site Visit», das ungenutzte Bauten in der Schweiz neu aktivieren und beleben möchte. Susanna Koeberle sprach mit den künstlerischen Leitern Fredi Fischli und Niels Olsen. Die beiden leiten und kuratieren auch die Ausstellungen des Instituts gta der ETH Zürich.

Wie kam es zum besonderen Format der NEXPO?

Niels Olsen: Seit wir Architekturausstellungen an der ETH Zürich entwickeln, schwebt uns vor, eine Eins-zu-eins-Architekturausstellung zu machen. Also Bauten, Kunstwerke, öffentliche Orte und Landschaften der Schweiz auszuwählen und als Werke einer Schau zu verstehen – quasi einen grossen Spaziergang zu konzipieren. Als die NEXPO entstand, fanden wir, das sei der perfekte Moment, um diese Idee zu testen. Uns interessierte auch die Ambiguität zwischen der schon jetzt reell stattfindenden NEXPO und dem Fantasieprodukt Expo als klassisches Format der Landesausstellung.

Gibt es also 2028 gar keine Landesausstellung? 

NO: Ich muss da vielleicht etwas ausholen: Es gibt ja in der Schweiz die Tradition, für jede Generation eine Landesausstellung auszurichten. Die letzte fand 2002 statt, danach gab es einige Bemühungen für eine weitere; etwa für eine Ausstellung, die am Bodensee hätte stattfinden sollen; dieses Projekt scheiterte allerdings. Für die nächste Landesausstellung, die rund um das Jahr 2028 stattfinden könnte, entstanden verschiedene andere Konzepte. NEXPO ist eine Initiative der zehn grössten Schweizer Städte, daneben gibt es auch noch andere Bestrebungen.

Fredi Fischli: Dass es verschiedene Konzepte gibt, finden wir gut. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass 2028 tatsächlich eine Expo stattfinden wird. Was dann umgesetzt wird, entscheidet der Bundesrat. Das Gute an NEXPO ist, dass die zugehörigen Projekte schon jetzt umgesetzt werden, dazu gehören auch die Site Visits.

Die Orte, die ihr für das Format Site Visit ausgesucht habt, sind ziemlich ungewöhnlich. Und sie befinden sich häufig nicht im städtischen Raum. Hat das bestimmte Gründe? Was interessiert euch an diesen Orten?

FF: Das Besondere an der Idee der NEXPO ist, dass sie eben gerade nicht an einem bestimmten Ort in Form von Pavillons gebaut werden soll, es ist kein Konzept wie die Arteplage der Expo.02. Wir wollen nachhaltiger vorgehen und möchten vielmehr die bestehenden Ressourcen nutzen. Diesbezüglich macht es sicher Sinn, auch in den Städten zu arbeiten. Unsere Idee ist es, Orte neu zu betrachten, die sich im Umbruch befinden – die zum Beispiel leer stehen und sich neu definieren müssen. Die Digitalisierung hat diese Transformationen stark beschleunigt – und natürlich auch die Corona-Pandemie. Die erste Site Visit, die im Mai im Kino Le Plaza in Genf stattfand, erklärt dieses Konzept gut: Das Kino hätte ursprünglich abgerissen werden sollen und konnte gerettet werden. Dort entsteht nun ein neues Kulturzentrum für Architektur und Film. Wir wollen Visionen entwickeln für solche neuralgischen Punkte. 

Das legendäre Genfer Kino Le Plaza wurde vom Schweizer Architekten Marc J. Saugey 1952 entworfen. «Le Plaza Recording Project», 2021 (Foto: Mathilde Agius assistiert von Florian Lüthi und Ianne Kenfack)

Einzelne Sites befinden sich an der Schweizer Grenze. Stellt ihr damit auch die Idee der Nation auf die Probe?

FF: Ja, beziehungsweise die Idee der Landesausstellung als starres Konstrukt. Wir möchten das Konzept erweitern und auch über die Grenze schauen: Wir werden etwa nach Mulhouse gehen. Auch das Casino in Campione d’Italia von Mario Botta, das wir ausgewählt haben, steht nicht auf Schweizer Boden. Städte leben stark von Regionen und definieren sich nicht durch ein fixes Territorium. Es geht uns auch darum, neue Orte in bekannten Städten zu entdecken und daraus neue öffentliche Räume zu schaffen.

NO: Wir möchten auch nicht Stadt und Land gegeneinander ausspielen. Unser Ziel ist es, unhierarchisch an das Thema heranzugehen und die unterschiedlichen Orte nicht anders zu gewichten. Auch ein kleines Dorf kann durchaus kulturell aufgeladen sein. Das ist typisch für die Schweiz. Wir möchten ganz allgemein mit diesem Projekt Stereotypen hinterfragen, denn Fragen aufzuwerfen kann schon viel bewirken.

Worin besteht die Chance einer Landesausstellung in der Schweiz? Kann sie die Diversität dieses Landes abbilden?

NO: Das Besondere an der Schweiz ist, dass es überhaupt so etwas gibt wie eine Landesausstellung. Wir sehen darin ein Potenzial, um auszutesten, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen; etwa der Frage nachzugehen, wie wir nach der Pandemie den öffentlichen Raum nutzen möchten. Die bescheidene Grösse der Schweiz macht es auch einfacher, diese Diversität bewusst zu pflegen.

FF: Wir finden nicht, dass Ausstellungen ausgedient haben, sondern glauben an die Vitalität dieses Formats. Wir verstehen Ausstellungen auch als sozialen Raum und nicht primär als Orte der Top-down-Informationsvermittlung. Was die Diversität der Schweiz betrifft: Wir besuchen seit unserer frühen Jugend Ausstellungen im ganzen Land und beobachten, dass dies viele Kulturinteressierte auch machen. Dieses Netzartige ist auch dank unseres föderalistischen Systems möglich. Es muss gar nicht immer so sein, dass eine Ausstellung in einer grossen Stadt besser ist als eine in einer eher ländlichen Gegend.

Aber die Frage ist doch, wer solche Ausstellungen besucht. Wäre es nicht wünschenswert, ein Konzept zu gestalten, das auch für eine breite Bevölkerungsschicht zugänglich ist?

NO: Das ist eine zentrale Frage. Ich glaube, dass gerade die Idee der Umnutzung dieses Ziel unterstützt: Man kann mit sehr wenigen Mitteln erreichen, dass Menschen ihre Umgebung aufmerksamer betrachten. Schon durch eine kleine Intervention kann man ein Gebäude in seiner Schönheit neu erfahren. Wir denken, dass man dasselbe auch mit einer Landesausstellung machen kann. Wir möchten Neugierde für unseren Lebensraum wecken. Das ist keine Utopie, denn zurzeit befindet sich vieles im Umbruch.

FF: Wir müssen ja nicht alle Orte verändern, sondern möchten versuchen, den Druck zu minimieren, der durch Prozesse wie die Gentrifizierung entsteht. Wir werden aber vor allem an Orten aktiv werden, die gescheitert sind (wie etwa das Casino in Campione d’Italia) und nach einer Neulösung suchen. Es geht uns darum, den negativen Entwicklungen zum Trotz Freiräume zu erhalten. Und zwar jenseits von Klischeevorstellungen.

Die beiden künstlerischen Leiter der NEXPO in Berta Rahm’s Pavillon für die Saffa 1958, der aktuell an der ETH Zürich gezeigt wird. (Foto: Marc Asekhame)

Wie steht es denn um die finanzielle Seite dieses Projekts?

FF: Die Zeiten haben sich geändert, man richtet nicht mehr mit der grossen Kelle an oder geht mit dem früher üblichen Gigantismus an so ein Projekt heran. Heute sind auch Sponsoren an nachhaltigen Auftritten interessiert.

Wie nutzt ihr die Räume der Site Visits für spezielle Events?

FF: Kultur geht heute immer stärker in Richtung soziale Praxis, zum Beispiel, indem Künstler*innen Readers zu brisanten Themen veröffentlichen oder mit dem Publikum durch eine Tätigkeit wie Kochen interagieren. Wir können uns vorstellen, solche Projekte aufzunehmen.

NO: Diesbezüglich sind der interdisziplinäre Ansatz sowie der Austausch zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften spannend. 

FF: Um ein konkretes Beispiel zu geben: Für unseren nächsten Site Visit gehen wir nach Mathon ins Domleschg. Dort befindet sich das Haus einer tibetanischen Community, das nun an eine jüngere Generation übergeben wird. In der Gegend gibt es zudem viele Biobauernhöfe, die auch von Künstler*innen betrieben werden. Bei den Events dort wird es ums Essen gehen. Essen ist heute viel stärker eine politische Entscheidung als je zuvor.

Versteht ihr eure Arbeit auch als anthropologische Recherche?

NO: Nicht in dem Sinne, dass wir etwas herausfinden und dann darlegen, sondern wir stossen ein Programm von Szenarien an. Es liegt auch im Geist unserer Zeit, dass viele Kreative nach anderen Formaten suchen, um Kultur zu generieren. 

FF: Wir verstehen unsere Aktivitäten als modellhafte Interventionen im Kleinen mit der Idee, dass dies später auch auf einer grösseren Ebene aufgegriffen werden könnte. Es soll ein wachsendes Projekt sein, das sich selber weiterentwickelt.

Sind bei der Umsetzung auch die zehn Städte eingebunden worden?

NO: Ja, da läuft schon einiges, es wurden verschiedene Aufrufe lanciert und Themen festgelegt. Wichtig erscheint uns aber, dass nicht nur in den Städten etwas passiert. Das Netzwerk soll breit aufgefächert werden.

«Le Plaza Recording Project», 2021 (Foto: Mathilde Agius assistiert von Florian Lüthi und Ianne Kenfack)

Ist das Projekt längerfristig angelegt?

NO: Ja, das war schon das Grundkonzept, bevor wir dazugestossen sind. Es sollte von Anfang an ein Programm über viele Jahre sein. Genau das interessierte uns auch daran.

FF: Das Konzept ist auch deswegen interessant, weil wir die Site Visits schon jetzt umsetzen können. Darauf basierend sollen sich neue Ideen formieren können. 

Es gibt in der Schweiz auch viele trennende Faktoren zwischen den unterschiedlichen kulturellen Räumen. Möchte NEXPO auch die Vernetzung zwischen den Regionen fördern?

NO: Ja! Das war sicher die Hauptmotivation für diese Initiative. Es gibt ja bereits einen Städteverband. Die Idee der beteiligten Stadtpräsident*innen ist es, noch mehr Synergien aufzubauen. Wichtiger als das Ziel einer Landesausstellung erscheint uns das Nachdenken über das Zusammenleben. Es soll nicht bei einer Studie bleiben, sondern um konkrete Umsetzungen gehen, die auf bescheidene Art etwas erfahrbar machen.

Auch die aktuelle Architekturbiennale von Hashim Sarkis fragt nach dem Zusammenleben. Ist das ein Zufall? Oder befinden wir uns tatsächlich an einem besonderen Wendepunkt?

FF: Ich finde schon, dass wir uns an einem Wendepunkt befinden. Das zeigen verschiedene Debatten, welche unsere Gesellschaft in den letzten Jahren erschüttert haben. Da geht es immer ums Zusammenleben. Vieles verändert sich zurzeit, nicht nur, wie wir arbeiten, sondern ganz grundlegende Fragen des Zusammenlebens. Die Wertefrage wird neu gestellt. Das merken wir auch an der ETH. Als wir begannen dort zu arbeiten, interessierten sich Studierende noch stark für Formen. Heute wollen sie etwa den Pavillon retten, den Berta Rahm für die Saffa 1958 gestaltet hat, weil sie eine Frau war. Es geht weniger ums Aussehen dieses Gebäudes, sondern darum, die Architektin ins Zentrum zu stellen.

NO: Der Hype um das Thema Postmoderne ist vorbei. Viele Professor*innen thematisieren das Modell der Moderne neu, auch kritisch. Zentral ist die Frage, wie man institutionelle Formen des Kollektivs etablieren kann. 

FF: Es gibt an der Biennale zwar viele Arbeiten von Kollektiven zu sehen. Doch das Problem an so einem Format ist, dass es sich in einem repräsentativen Rahmen bewegt. Wir möchten keine Informationsausstellung kuratieren, sondern Orte tatsächlich erfahrbar machen.

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