Streben nach Tiefe

Nadia Bendinelli
28. Mai 2020
Friedrichshafen, Deutschland, 1945 (Foto © Werner Bischof / Magnum Photos)

Qualität braucht Zeit – das sieht längst nicht jeder so. Die Vorstellungen von Auftraggebern und Kreativen liegen hier oft weit auseinander. Werner Bischofs Geschichte zeigt, dass es dennoch möglich ist, sich treu zu bleiben und trotz Widerständen überaus qualitätsvolle Arbeiten zu liefern.

Architekt*innen, Gestalter*innen, Fotograf*innen, Autor*innen – sie alle kennen wohl den Konflikt zwischen einer schnelllebigen, oberflächlichen Arbeitswelt und den eigenen Idealvorstellungen, dem Wunsch nach Qualität, nach Tiefgang. Man könnte meinen, dies sei ein Phänomen unserer Zeit, die so oft «schnell» «gut» vorzieht. Doch Werner Bischofs Geschichte aus der erste Hälfte des 20. Jahrhunderts situiert das Problem – oder sogar seinen Ursprung? – vor mindestens 70 Jahren. Damals wurden Illustrierte mit Sensations-Bildern geschmückt, Vertiefungstexte schrumpften zu knappen Bildlegenden und Fotos, die nicht einfach konsumierbar waren, wurden mitunter sogar aussortiert.

Beschäftigt man sich mit den wichtigsten Personen der Fotografiegeschichte, kommt man nicht an Werner Bischof vorbei. Obwohl seine Karriere relativ kurz war – er starb erst 38-jährig bei einem Autounfall –, gilt er heute als einer der wichtigsten Fotografen überhaupt. Seine Gedanken und seine sensible Wahrnehmung sind nicht nur aus seinem fotografischen Nachlass zu entnehmen: Tagebücher und private Korrespondenzen führen uns in eine Welt, in der eigene Wertvorstellungen und allgemeine Realität aufeinanderprallen.

1916 in Zürich geboren und später Abgänger der städtischen Kunstgewerbeschule, machte Bischof sich bald einen Namen als Werbefotograf, insbesondere in der Objektfotografie und der Modebranche. Schon zu Ausbildungszeiten fiel seine Neigung auf, «etwas mehr in die Tiefe» gehen zu wollen. Unermüdlich experimentierte er in seinem Atelier und probierte alles Mögliche aus, bis jeder Grauton perfekt sass und selbst kleinste Details berücksichtigt waren. Seine frühen Bilder waren tendenziell abstrakt. Zurecht fühlte er sich als Künstler und trat 1942 der Allianz – Vereinigung moderner Schweizer Künstler bei, in der sich Konstruktivist*innen und Surrealist*innen organisiert hatten. Auch wurde die neu gegründete Zeitschrift Du auf seine Werke aufmerksam und publizierte einige Fotografien in den Winterausgaben 1941–42. 

Sinneswandel

Dann geschah, was für Schweizer Fotograf*innen jener Zeit nicht untypisch war: Aus dem Objektfotografen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Fotoreporter. Obwohl er unter dieser Bezeichnung berühmt wurde, missbilligte er sie: Die Kategorie war ihm vielfach zu oberflächlich. Er fand, einige Fotoreporter*innen würden im «Schnellzugtempo» arbeiten, gezwungen von den Forderungen ihrer Arbeitgeber. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Ereignissen und die Beschäftigung mit den Hintergründen nahmen sie sich kaum Zeit.

1945: Die Nachrichten, die nach Kriegsende und der Öffnung der deutschen Grenze die Schweiz erreichten, waren weder vollständig noch zufriedenstellend. Bischof beschloss, sich selbst ein Bild zu machen: Er packte seinen Rucksack und fuhr, die Fotoausrüstung und stapelweise Genehmigungen im Gepäck, mit einem an der Grenze plombierten Velo über St. Margreten Richtung Süddeutschland. Das war der Beginn eines tiefgehenden Wandels: Bischof war im Anschluss neun Jahre in unterschiedlichen Ländern auf Reisen – etwas, das ihn als Fotograf und Mensch tief prägen sollte. Bisher hatte sich Bischofs Motivation auf die «Kunst für die Kunst» gestützt, jetzt aber suchte er nach Erklärungen für das Geschehen. Sein Werk wurde dadurch zutiefst humanisiert. Seinen Tagebüchern und Briefen entnehmen wir starke Eindrücke, die seinen Sinneswandel verdeutlichen und erklären: «Dann kam der Krieg und damit die Zerstörung meines ‹Elfenbein-Turms›. Das Gesicht des leidenden Menschen wurde zum Mittelpunkt», schrieb er in sein Tagebuch, «Bombentrichter mit Wasser gefüllt, diese kleinen Teiche, die über ganz Europa zu finden sind, alles, alles Trümmer. Der Bahnhof ausgebrannt, Lokomotiven und Wagen mit der Aufschrift ‹allied forces›, ich fahre am total verschlossenen Polizeipräsidium vorbei, grau-rote und schwarze Wolken von Rauch, dahinter kein Stein auf dem anderen. Dies ist mein erster Anblick der totalen Vernichtung.» Und später notierte er: «…Die Strassen sind überfüllt und Kinder mit Gewehren und Helmen als Spielzeug sind nicht selten anzutreffen. An der Post, wo ich warte, kommt ein Junge mit zerrissenem Gesicht, blau-violetten Brandmalen von Splittern, ein Glasauge und einer roten Maske, das farbig-rosa Fleisch ist ein grauenhafter Kontrast dagegen. Ich gebe ihm ein Päcklein Ovomaltine.»

Für das Hilfswerk Schweizer Spende bereiste Bischof anschliessend Italien, Österreich und Griechenland, später Osteuropa und Finnland – diesmal mit dem Auto und per Schiff. Seine Haltung dabei: «Ich wollte mich nicht gewissermassen im Schnellzugstempo durch die Länder bewegen, andere Leute sprechen hören, auf den verschiedenen Presse-Bureaus die bereits vorliegenden Berichte einsammeln und zu Hause ein Extrakt mit den wenigen eigenen Beobachtungen brauen. Diese Art von Berichterstattung ist heute schon recht häufig geworden, sie spart Zeit und Geld. Dazu kommt noch, dass man das ‹Fehlende› dazu fügt. Also sind viele der heutigen Berichterstattung zu modernen Märchenerzählern geworden. Diese Überlegungen und die wachsende Unruhe eines Eingeschlossenen, bewogen mich zum persönlichen Erlebnis. Einen Zeittermin hatte ich mir keinen gesetzt, mir schien es richtiger zu sein, aus der Fülle des Stoffes das Notwendige zu schöpfen und dann weiter zu wandern.» Enttäuschungen liessen nicht lange auf sich warten: Bischofs Sehnsucht nach Tiefgang prallte immer wieder auf den Pragmatismus anderer.

Kinderzug des Schweizerischen Roten Kreuzes, Budapest, Ungarn, 1947 (Foto © Werner Bischof / Magnum Photos)
Magnum Photos für neue Möglichkeiten

9. September 1948: In einem Brief an seine künftige Frau Rosellina Mandel schreibt Bischof: «Ich habe den Vertrag von Magnum in Händen. Das ist eine Agentur (auf genossenschaftlicher Basis) von Photographen – der Besten der Welt: [Robert] Capa, Henri Cartier-Bresson, Chim [Pseudonym von David Seymour] und [George] Rodger. Was mir wichtig erscheint, dass alle zuverlässige und sozialistisch gesinnte Menschen sind. Zwei davon waren im Spanischen Bürgerkrieg. Es sind zu freie Menschen, um sich an eine Zeitung fest zu binden.» Es dauerte aber bis November des Folgejahres, ehe er tatsächlich eine Vereinbarung mit Magnum Photos unterschieb. Die Enttäuschungen, die er in der Arbeit mit diversen Redaktionen erlebte, führten zu dieser Entscheidung. Mit Du gab es immer wieder Streit, denn Bischofs Berichte wurden nur stark reduziert gebracht, wenn nicht gar gänzlich gestrichen. Und in Life wurden seine Fotografien zwar auf elf Seiten veröffentlicht, doch, wie er später beklagte, zusammen mit «ganz schlimmen Kalter Krieg-Texten». 

Die Zusammenarbeit mit Magnum Photos war somit vielversprechend: Die Agentur sicherte Rechte und Handlungsfreiheit des Fotoreporters. Man könnte sagen: Magnum Photos hat die Urheberrechte für die Fotografie «erfunden» und abhängige Fotograf*innen zu freien Künstler*innen gemacht. Diese neue Arbeitsumgebung und eine Reise nach Indien brachten Bischof den ersten internationalen Erfolg. Mit dem Bericht «Famine-story» für Life, der über die Situation der Hungernden berichtete, hoffte er, etwas zu bewegen. So schrieb er in einem Brief an seine Frau: «Montag beginne ich mit der ‹Hunger-story›. Keine leichte Arbeit, denn die Regierung liebt in dieser Sache keine Dokumente. Ich glaube nicht, dass jemand an diesen Hungerbildern vorbeischauen kann, dass jemand mit der Zeit all meine Bilder ignorieren kann. Nein, sicher nicht, auch nur wenn jedesmal nur ein wenig hängen bleibt, dann würde mit der Zeit eine Basis geschaffen, die mithilft, Gutes und Verwerfliches zu unterscheiden.»

Sich selbst treu bleiben

Bischofs Schwierigkeiten fanden trotz des Erfolgs kein Ende. Die Überzeugung, dass eine gute Arbeit viel Zeit braucht, blieb schwer vereinbar mit den Vorstellungen seiner Auftraggeber. Solange in einem Land zu bleiben, wie es ihm nötig schien, war ihm aus ökonomischen Gründen nicht möglich. Sein Wunsch, in der Tiefen zu gehen, wurde offensichtlich auch von Magnum Photos nicht gänzlich geteilt. Dazu sorgten die Redaktor*innen seiner Berichte für wiederholte Enttäuschungen: Sie zensierten wichtige Bilder, ignorierten die Aussagen der Fotos, spiegelten Aufnahmen aus Japan-Reportagen – sodass die traditionelle japanische Links-Rechts-Bedeutung verloren ging (vergleiche zum Beispiel das Teehaus) –, beschnitten Fotografien oder kombinierten sie mit falschen Texten. Trotz haarsträubender Momente und Augenblicken, in denen Bischof alles infrage stellte, blieb er seiner Haltung treu und seine feinfühlige Art zu arbeiten intakt. Nach einer Begegnung und eingehenden Gesprächen mit Henri Cartier-Bresson merkte er, dass auch anderen Fotograf*innen mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen hatten – so alleine war er also nicht.

Bischofs Bilder erzählen aus dem Alltag und decken feinfühlig menschliche Aspekte auf – deswegen besitzen sie eine längere Wirkung als herkömmlichen Fotoreportagen. Sie sind keine eingefrorenen Aufnahmen eines Augenblicks, sondern Geschichten, die über längeren Zeitspannen gelten. Das verschafft Bischofs Arbeit eine gewisse Zeitlosigkeit, er fotografierte nicht direkt die Handlungen, den Krieg, sondern die Folgen, die Auswirkungen auf die Menschen – nie auf banale Art oder nach Klischees. Oftmals richtet er einen Blick auf die Kinder: Der Respekt für seine Sujets und die Intention, ihnen gerecht zu werden, sind dabei immer spürbar. Vielleicht sind es gerade die stetigen Schwierigkeiten, seine Arbeit nach seinen Vorstellungen auszuüben, die seine Bilder so besonders machen. 

Aber zurück ins Hier und Jetzt: Unsere Gesellschaft hat «schneller, höher, stärker» zum Leitmotiv gemacht, doch gehen damit Oberflächlichkeit, Mittelmässigkeit und Schnelllebigkeit einher. Hinterfragen, Reflektieren, Sorgfalt und Qualität sind immer weniger gefragt, vielen vielleicht gar zu anstrengend. Wer sich Zeit wünscht, um eine qualitativ bessere Arbeit zu leisten, wird im besten Fall fragend oder misstrauisch beäugt – wenn nicht direkt belächelt. Auf der Suche nach Sensationen, Klicks, Likes, Followern oder einfach nach Aufmerksamkeit ist der Tiefgang wohl auf der Strecke geblieben. Doch sind nicht eben diese «seltsamen» Menschen wie Werner Bischof die relevantesten, jene, die dafür sorgen und gesorgt haben, dass Innovatives, Herausragendes und Wertvolles überhaupt möglich ist und war?


Mehr zu Werner Bischof lesen Sie im Buch «Werner Bischof. Standpunkt», das anlässlich seines 100. Geburtstags erschienen ist.

Werner Bischof. Standpunkt

Werner Bischof. Standpunkt
Marco Bischof, Kristen Lubben, Fred Ritchin, Tania Samara Kuhn

250 x 300 Millimeter
312 Seiten
285 Illustrationen
ISBN 9783858815088
Scheidegger & Spiess
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