Textile Kunstwerke in Biel

Susanna Koeberle
3. Februar 2022
Installationsansicht von «Stitches. Home as Composition» in der Krone Couronne mit Arbeiten von Pablo Rezzonico Bongcam, Camille Farrah Buhler (Vorhänge) und Clare Kenny (Vorhänge im Hintergrund) (Foto © Nicolas Delaroche Studio

 

Am Anfang dieser Recherche stand der Wunsch, der Renaissance des Themas Textilien in der künstlerischen Praxis vieler Kunstschaffenden auf die Spur zu gehen. Die drei Kunsthistoriker*innen und Kurator*innen Gabrielle Boder, Tadeo Kohan und Camille Regli sind Teil von Collectif Détente und verantworten auch die Ausstellungsreihe «Stitches». Regli wiederum ist seit letztem Jahr zusammen mit Kristina Grigorjeva Leiterin des Projektraumes Krone Couronne in Biel, wo aktuell der zweite Teil der Ausstellungsreihe «Stiches» gezeigt wird. Mit ihren Ausstellungen möchten die beiden neuen Kuratorinnen die lokale Kulturszene unterstützen und zugleich eine Brücke schaffen zwischen Künstler*innen aus den unterschiedlichen Teilen der Schweiz. Biel ist quasi prädestiniert für einen solchen Dialog, zumal die Westschweizer Industriestadt eine der wenigen Städte in unserem mehrsprachigen Land ist, in der die Zweisprachigkeit zum Alltag gehört und auch gefördert wird. Neben Deutsch und Französisch – die beide als Amtssprachen anerkannt sind – werden in Biel auch viele andere Sprachen gesprochen. Die multikulturelle Identität der Stadt zieht auch Kreative an; viele schätzen die offene Atmosphäre Biels. Zudem sind die Mieten (noch) zahlbar und die Freiräume für kulturelle Aktivitäten nicht so dünn gesät wie etwa in Zürich, wo jeder Quadratmillimeter kapitalisiert wird. Viele Kulturschaffende nutzen leerstehende Gewerberäume. Die Stadt Biel selbst stellt solche Brachen als Zwischennutzungen zur Verfügung etwa das «Terrain Gurzelen» in einem ehemaligen Fussballstadion – es wird allerdings nicht lange gehen, bis auch dort gebaut werden wird. 

Wie dem auch sei: Die Krone Couronne trägt definitiv zur kulturellen Diversität der Stadt bei. Camille Regli und Kristina Grigorjeva verbinden mit ihrem Programm gesellschaftliche Themen mit Kunst und schaffen zudem einen Ort der Begegnung. Mit dem historischen Parkett und den grossen Fenstern betonen die Räumlichkeiten einer ehemaligen Herberge den ambivalenten Charakter zwischen öffentlicher und privater Nutzung. Die in «Home as Composition» gezeigten Objekte thematisieren genau diese Spannung. Was kommunizieren Objekte? Welche Geschichten erzählen sie? Gerade Textilien zeugen schon nur durch ihre Machart von der Vielschichtigkeit von Alltagsobjekten, die zwischen reiner Funktionalität und symbolischer Aufladung changieren können. Schliesslich steckt im Wort Textil auch der Text. Textilien funktionieren quasi als Kommunikationsgeneratoren. Dass dieses Gespräch auch über Generationen hinweg funktionieren kann, beweist die aktuelle Ausstellung, die textile Objekte von Künstler*innen ganz unterschiedlichen Alters zeigt. In diesem Zusammenhang interessierten sich die Kurator*innen auch für Genderaspekte, denn die Geschichte des Textilhandwerks ist eng mit Klischees und Stereotypen verknüpft. Handwerk wird bis heute als etwas betrachtet, das der Kunst unterlegen ist, weshalb es besonders für Künstlerinnen der Pioniergeneration nicht immer einfach war, ihre Arbeit in einem Kunstkontext zu positionieren. 

 

Installationsansicht von «Stitches. Home as Composition» in der Krone Couronne; zu sehen ist ein Vorhang von Clare Kenny. (Foto © Nicolas Delaroche Studio) 

 

In den Räumen der Krone Couronne wurde eine Art heimisches Setting geschaffen, das Wohnen als rein private Angelegenheit hinterfragt. Denn wie wir uns einrichten, sagt eben nicht nur über uns als Individuen etwas aus, es reflektiert zugleich auch unsere Familiengeschichte, also Identität in einem erweiterten Sinne. Ebenso sprechen unsere Interieurs über die Art und Weise, wie wir uns nach aussen präsentieren wollen. So gesehen lässt sich aus unseren Wohnräumen ein ganzes Geflecht von Bedeutungen und Geschichten herauslesen. Es geht um mehr als um rein dekorative Aspekte. Genau diese Komplexität interessierte auch das Kuratorenteam. 

Die Gliederung der Ausstellung folgt dem Prinzip einer traditionellen Wohnung, durch die man spazieren kann. Man betritt – gewissermassen als Eindringling in einen privaten Raum – die Räumlichkeiten und befindet sich im Entrée. Dort werden Besucher*innen von einem Teppich der Künstlerin Camille Farrah Buhler empfangen: «Home Sweet Home» steht darauf, ganz wie bei Fussmatten üblich. Das Geräusch, das man hört, stammt von einem knisternden Feuer. Das Ensemble evoziert eine Stimmung zwischen Gemütlichkeit und Bedrohung. Gleich im Eingangsbereich treffen wir an der Wand auf mehrere kleine gestickte Bilder von Sonnenuntergängen, die in einem Raster angeordnet sind. Die Arbeit von Nathalie Diserens spielt mit dem Klischee von billigen Postern, die in vielen Wohnungen zu finden sind. Zugleich verweisen die quadratischen «Bilder» auf das klassische Format von Instagram und den Hashtag #amazingsunset. Die Sonnenuntergänge verwandeln sich gleichsam in Fenster zu Traumwelten: Auch hier verdichtet sich die Repräsentation von Innen und Aussen. Rechts gelangen wir in den grossen, zweigeteilten Raum der Krone mit den Fensterfronten und blicken direkt auf einen Vorhang (Camille Farrah Buhler). Der Stoff dient als Membran, die den Raum unterteilt und eine Art Vestibül kreiert. Dem Einsatz von Stoffen als architektonisches Element wird heute erneut eine gewisse Aufmerksamkeit zuteil. Dabei bildeten Textilien ja gewissermassen die Urform des Wohnens, man denke etwa ans Zelt. Und auch Architekturtheoretiker wie Gottfried Semper (1803–1879) haben schon auf die Beziehung des Textilen zum Raum hingewiesen. Stoffe schaffen auch in unseren Behausungen eine gewisse Intimität. 

 

Installationsansicht mit Arbeiten von Lissy Funk und Shamiran Istifan (Foto © Nicolas Delaroche Studio) 

 

Den Vorhang als theatralisches Element nehmen im Salon zwei Arbeiten von Clare Kenny auf. Sie heissen «Trying to Forget» und «Trying to Remember» und verweisen damit explizit auf das Thema der Erinnerung. Häufig sind Wohnungen mit geerbten Gegenständen eingerichtet, die aus der Familie stammen. Wollen wir diese Stücke zur Schau stellen oder allenfalls verstecken? Welches Bild möchten wir vermitteln, wenn wir Menschen in unser Haus lassen? Die Einrichtung als Form der Selbstinszenierung ist ein Phänomen, das in der Nachkriegszeit einen besonders starken Schub erlebte. Initiativen wie die «Gute Form» gingen davon aus, dass guter Geschmack erlernbar ist und die Bürger*innen demnach zu erziehende Subjekte seien. Die Demokratisierung von Design hat aber zugleich ihre Schattenseiten, denn die Massenproduktion führte auch zu einem gesteigerten Konsum. Die Folgen davon nehmen wir erst heute richtig wahr. Dies nur als Fussnote, um zu zeigen, wie eng unsere häusliche Umgebung mit gesellschaftlichen Themen verbunden ist.

Der dritte Raum der Ausstellung verdeutlicht diese Tragweite in besonderem Masse. Hier werden unter anderem auch Arbeiten von Pionierinnen der Textilkunst in der Schweiz gezeigt. Zu ihnen gehören Elsi Giauque (1900–1989), Lissy Funk (1909–2005) oder Jeanne-Odette Evard (*1930). Alle drei waren (und sind) eindeutig Künstlerinnen. Dass im Wikipedia-Eintrag über Funk steht, sie sei eine Stickerin gewesen, spricht schon Bände. Es ist eines der Verdienste dieser wunderbaren Ausstellung, dass sie solche Frauen honoriert und damit auch einen Diskurs über dieses grosse Missverständnis anregt. Die Textilkunst und ihre kunsthistorische Einordnung wird erst seit kurzem aufgearbeitet. Durch die räumliche Anordnung der Arbeiten wird zudem sichtbar gemacht, wie skulptural diese Werke sein können. Sie sind nicht lediglich als Wandbehang gedacht, sondern als Objekte, die den Raum definieren und strukturieren. 

 

Der dritte Raum mit Arbeiten von Manutcher Milani, Jeanne-Odette Evard, Marie Schumann und Elsi Giauque (Foto © Nicolas Delaroche Studio) 
 

 

Das Werk «Farbiger Seitenklang» von Elsi Giauque etwa hat etwas Dynamisches und Rhythmisches und steht in einem schönen Zwiegespräch mit zwei von der Decke hängenden Arbeiten der jungen Textilkünstlerin Marie Schumann, die ausserdem auch über Giauque forscht. Die enge Beziehung von Körper und Textil wird in Schumanns Objekten physisch erfahrbar; sie erzählen zugleich etwas über das Verhältnis zwischen Körper und Raum und erscheinen so gesehen als Interface. Dabei erfährt die Fertigungsmethode als solche eine neue Dimension, denn Schumann verbindet digitale Produktion mit Handwerk. Wie Textilien auch kulturelle Ebenen miteinander verweben können, beweist die Arbeit von Manutcher Milani, die Motive aus Persien mit Adinkra-Symbolen aus Ghana kombiniert. Das Engagement und die Lust am Ausloten verschiedener Möglichkeiten, die in den Artefakten der heutigen Generation spürbar wird, zeugt vom Nachholbedarf, was die Anerkennung dieser Kunstform betrifft. Denn Textilien haben bis heute den Anstrich des Dekorativen, werden schnell mit einer «Behübschung» von etwas in Verbindung gebracht. Vielleicht ist ihr universeller Charakter an diesem Urteil mitschuldig; aber Urteile kann man stets revidieren. Dazu trägt auch die Ausstellung in der Krone Couronne bei.

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