Wie ein Picknick zu Kunst mutiert

Susanna Koeberle
18. Mai 2022
Ein gigantisches Picknick auf einer rot-weiss karierten Picknickdecke: «BIGNIK» auf dem Rorschacherberg im Jahr 2017. (Foto © Helikopter-Service Triet AG)

 

Picknicken hat etwas Idyllisches: Man sitzt auf einer Decke am Boden, (meist) in der Natur und gibt sich simplen Genüssen hin. «BIGNIK» ist etwas anderes. Dies, obwohl die für ein Picknick gängigen Zutaten nicht fehlen: Textilien und Menschen. Man könnte das Projekt zwar als gigantisches Picknick umschreiben, aber das würde definitiv zu kurz greifen. Für die Riklin Brüder, die dieses aparte Kunstprojekt 2012 in Komplizenschaft mit der REGIO Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee gestartet haben, ist «BIGNIK» keine Wohlfühlaktion. Die beiden Künstler wollen damit Fragen stellen, zur Kunst und zur Gesellschaft im Allgemeinen. Und dadurch etwas verändern.

Frank und Patrik Riklin (*1973) haben beide nach einer Lehre als Hochbauzeichner Kunst studiert und taten sich 1998 als Duo zusammen. Der Name Atelier für Sonderaufgaben indiziert bereits, dass die beiden etwas abseits vom klassischen Kunstbetrieb stehen. Schon zu Beginn ihrer Tätigkeit entwickelten die Künstlerzwillinge ein eigenes System mit dem Ziel, traditionelle Kunstmarktstrategien zu unterwandern, und gingen damit neue Wege. Bekannt wurden die beiden mit dem Projekt «Null Stern Hotel» (2008), das sie später zu «Zero Real Estate» (2018) erweiterten. Zu ihrem Konzept gehört ein entsprechender medialer Auftritt, den sie immer selber «kuratieren». Fast jedes ihrer Kunstprojekte hat eine eigene Website, sie überlassen nichts dem Zufall. So wie das eben Konzeptkünstler*innen tun.

 

2021 fand die Tuchauslegung im Dorfkern von Degersheim statt. (Foto: Beat Schiltknecht)
Radikal und kompromisslos

Bei aller Ernsthaftigkeit haben Frank und Patrik Riklin eine kindliche Sicht auf die Welt ins Erwachsenenleben gerettet. Doch wer ihre Kunst als lustigen PR-Gag sieht, missverstehe ihre Praxis, finden sie. Ja, sie arbeiten mit Unternehmen und Institutionen aus der Wirtschaft zusammen (und eben nicht im geschützten Rahmen von Museen und Galerien), sehen diese aber als Komplizen und nicht als Kunden. Die Kunst gebe den Takt an, nicht die Ökonomie, sagen die St. Galler Künstler; dafür steht ihr Begriff «Artonomie», eine Mischform aus Kunst und Wirtschaft, die keine Kompromisse duldet. Ihre Partner*innen müssen sich auf einen Prozess einlassen.

Das kann auch zu einer radikalen Transformation führen, wie das Beispiel «Fliegen retten in Deppendorf» (2012) zeigt. Die Insektenvertilgungsfirma Reckhaus klopfte bei den Riklins mit der Anfrage an, eine Idee für die Markteinführung einer Fliegenfalle zu suchen. Als Resultat ihrer wohl etwas unerwarteten Antwort wandelte sich der Inhaber zum Insektenretter und gründete die Initiative «Insect Respect». Das klingt ziemlich absurd, ist aber eine wahre Geschichte. Oder eben eine spezielle Form von Kunst, nämlich eine, die direkt in die Lebenswelt der Menschen eingreift. Überhaupt stehen Menschen und ihr Alltag im Fokus ihrer künstlerischen Aktivität.

Das ist auch bei «BIGNIK» nicht anders. Das Duo versteht das Projekt als Langzeitperformance. Initialpartner für die Interventionen im öffentlichen Raum war die REGIO Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee, die den Standort im Rahmen des Vorhabens «Region als Bühne» stärken wollte. Das Atelier für Sonderaufgaben entwickelte 2011 für die REGIO eine besondere Strategie. Das mehrstufige Projekt kulminiert tatsächlich in einer Art Bühne: Einem riesigen rot-weiss karierten Picknicktuch bestehend aus Tausenden Tuchmodulen, die von unzähligen Helfer*innen ausgelegt werden. Die Riklins sprechen in diesem Zusammenhang von «fluten». Wie eine Flüssigkeit entleeren sich die rot-weissen Tücher in die Landschaft oder ins städtische Gewebe. Nach den Wiesenauslegungen zwischen 2012 und 2017 und der Platzierung des Kunstwerks in den Dorfkernen von Trogen (2019) und Degersheim (2021) findet die Tuchauslegung dieses Jahr erstmals in einer Stadt statt, genauer gesagt in St. Gallen.

 

Der partizipative Prozess ist Teil des Konzepts. (Foto: Beat Schiltknecht)
Universell

«BIGNIK» ist kein Tourismusprojekt, sondern eine Art soziale Plastik, die Begegnungen ermöglicht. Jedes Tuch erzählt von einer konkreten Situation, von einem Austausch zwischen Menschen. Zweifellos spielt die ästhetische Dimension eine zentrale Rolle, denn wer einmal eine Aufnahme einer «BIGNIK»-Aktion gesehen hat, vergisst dieses Bild nicht so schnell. Dass dieses Schluss-Happening sehr instagramable ist, wissen die Künstler. Und sie spielen auch damit. Aber die Kernaussage bleibt die Begegnung zwischen Menschen auf gleichem Boden – auch vor der Auslegung. Die Tücher an sich sind sekundär, wichtig ist der Prozess.

Die eintägige sonntägliche Aktion ist, wie gesagt, nur der Höhepunkt von «BIGNIK». Zunächst geht es nämlich um die Materialbeschaffung, das «Jagen» von Tüchern, wie es die Künstler nennen. Mit einem Traktor fahren die beiden jeweils durch die Gegend und suchen in Haushalten nach entsprechenden Textilien. Diese sollten rötlich oder weisslich sein – auch kleinere Muster sind erlaubt –, wobei die Farben nichts mit der Schweizer Nationalflagge zu tun haben, wie die Riklins betonen. Das karierte Muster ist eine Reminiszenz an ihre Grossmutter, die immer eine solche Tischdecke bei sich zu Hause hatte. Der Tisch als Symbol für Gemeinschaft ist universell. Dass Textilien im Zentrum dieses Projekts stehen, ist schon kein Zufall, schliesslich war die Textilherstellung für die Ostschweiz historisch prägend. Auch Frank und Patrik Riklin kommen ursprünglich aus einer Textilfamilie. Die Stoffe stellen eine lokale Ressource dar.

 

Der Dorfkern von Trogen ist Zeuge des Reichtums, der dank des Textilhandels entstand. (Foto © Atelier für Sonderaufgaben)
Pro Kopf ein Tuch

Mit den Jahren kam so einiges an Tuchgut zusammen, mittlerweile beträgt die Tuchfläche 18000 Quadratmeter. Die Vision der Brüder lautet «Pro Kopf ein Tuch», mit anderen Worten sollen am Ende alle rund 290000 Bewohner*innen der Region ein Tuch «haben». Zurzeit ist 6,2 Prozent der «BIGNIK»-Vision erfüllt, das Ziel soll voraussichtlich im Jahr 2050 erreicht sein. Das Iterative und Partizipative ist ein zentraler Aspekt des Kunstprojekts. So ist denn auch das Nähen der Tuchmodule Teil der «BIGNIK»-Agenda. 

Dieses Jahr fand die Nähwerkstatt an zwei Orten statt. Die erste erfolgte im April im Rahmen der Ausstellung «‹gut› – Der Anfang ist weisses Gold» im Textilmuseum St. Gallen. Die beiden Künstler hat es also doch ins Museum verschlagen, könnte man nun sagen. Allerdings ist der Umstand nicht unbedeutend, dass es eben kein Kunstmuseum ist. Es ist zudem nicht eine Ausstellung über die Arbeit des Atelier für Sonderaufgaben, sondern eine Interpretation der textilen DNA der Ostschweiz durch den Kurator und Textilfachmann Martin Leuthold. Seine Schau stellt «BIGNIK» in einen grösseren Zusammenhang, indem sie Parallelen zieht. Etwa zwischen der traditionellen Auslegung der Stoffbahnen zwecks Bleichen und der Tuchauslegung von «BIGNIK». Den Schritten der Tuchherstellung vom Anbauen von Flachs über das Spinnen und Weben bis zum Bleichen und Veredeln werden die Stufen des iterativen Prozesses von «BIGNIK» gegenübergestellt. Die immersive Ausstellung gibt einen historischen Überblick über die Geschichte der Sanktgaller Tuchherstellung vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart und schafft damit einen zeitgenössischen und neuen Blick auf das Thema.

 

Ausstellungsansicht von «‹gut› – Der Anfang ist weisses Gold» im Textilmuseum St. Gallen (Foto © Atelier für Sonderaufgaben)
Produktive Störung

Die zweite Nähwerkstatt fand vom 17. bis zum 19. Mai vor dem St. Galler Rathaus statt. Die öffentlichen Nähateliers tragen zur Sichtbarkeit der Kunstaktion bei und sind zugleich integraler Teil davon. Ohne die Hilfe der Bevölkerung könnte «BIGNIK» gar nicht realisiert werden. Das Projekt ist ein «Arte-Fakt» im wörtlichen Sinne, denn der Charakter des Machens ist dabei wesentlich. Die Aktionen sorgen regelmässig für Verwirrung, was durchaus zum Konzept gehört. Die Riklins suchen bewusst die Reibung und verwischen absichtlich die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst. «Wir setzen auf das Potenzial von Kunst, etwas zu verändern», sagen sie in einem Interview mit dem St. Galler Tagblatt.

Auch als wir die Brüder im Textilmuseum treffen, merkt man, wie eingespielt das Duo ist. Während der eine redet, gibt der andere der Ausstellung den letzten Schliff. Ihr Engagement wirkt echt. Zugleich sind sie darum bemüht, ihre etwas besondere Position innerhalb (oder ausserhalb) des Kunstbetriebs zu rechtfertigen, was angesichts der regelmässigen Missverständnisse auch verständlich ist. Das Kunstsystem ist eine in sich geschlossene Blase, die zur Nabelschau neigt. Natürlich betreiben Künstler*innen auch Institutionskritik und es ist gut, dass Museen sich auf einen solchen Diskurs einlassen. Aber unabhängig ist genau genommen niemand. Wenn andere Protagonisten der Gesellschaft Kunst als Mittel der Kommunikation nutzen wollen, ist das legitim. Und wenn Künstler*innen wie Frank und Patrik Riklin ihre Projekte statt durch den Staat oder private Mäzene durch die Wirtschaft finanzieren lassen, ist das nicht verwerflich. Die Regeln dafür festlegen müssen die Kunstschaffenden. Das geschieht im traditionellen Kunstbetrieb viel zu selten. Noch etwas: Die Prise Humor dieses Projekts tut derzeit besonders gut.

 

Ambulante Umbenennung von Trogen (Foto © Atelier für Sonderaufgaben)

Informationen zur «BIGNIK»-Agenda

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