Déco, Decorum – «Pressa»

Manuel Pestalozzi
9. Mai 2019
Licht- und Schriftsignale am Haus der Kölnischen Zeitung strahlten 1928 anlässlich der «Pressa» durch Nacht und Nebel. Die Gestaltung stammt von Wilhelm Riphahn. Bild aus PKSAR

Bei meinen Recherchen zu Art déco stiess ich auf die Messe «Pressa», die 1928 in Köln stattfand. Im Internet stolperte ich über das antiquarische Buch «Pressa – Kulturschau am Rhein» (PKSAR) und kaufte es mir. Mit diesem wunderbaren Fundstück kann man die bemerkenswerte Schau Revue passieren lassen.

In meinem Artikel «Art déco in Zürich» (zusätzliche Bildstrecke) habe ich zu erläutern versucht, weshalb der Baustil Art déco auch heute noch Aufmerksamkeit verdient. Ein wichtiges Merkmal des Stils ist die zu seiner kurzen Blütezeit gehörende Botschaft der globalen Toleranz, Versöhnung und Verständigung. Dies wird unter anderem dokumentiert durch Beiträge zu internationalen Architekturwettbewerben (etwa um die Gestaltung des Chicago Tribune Tower in 1922 und des Palais des Nations von Genf in den Jahren 1926 und 1927) und an grossen Ausstellungen (etwa die stildefinierende Namensgeberin «Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes», 1925, oder die «Exposició Internacional de Barcelona», 1929).

Die Ausstellung «Pressa» in Köln scheint auf den ersten Blick nicht in diesen Eventkanon hineinzupassen. Sie fand 1928 statt und befindet sich gewissermassen im Sandwich zwischen der Fertigstellung der Siedlung des Deutschen Werkbunds auf dem Weissenhof in Stuttgart (1927) und des Barcelona-Pavillons (1929), zwei epochalen Meilensteinen der Architekturgeschichte, bei denen der «Anti déco-Architekt» Ludwig Mies van der Rohe seinen nachhaltigen gestalterischen Einfluss geltend machte. Die «Pressa» widmete sich der Kultur des Buch- und Zeitungsdrucks, hatte also mit Architektur zunächst gar nichts zu tun. Aber gerade im Jahr des Bauhaus-Jubiläums-Hypes scheint es mir wertvoll, die architektonische Relevanz dieser Ausstellung, die in Sachen Baukultur eine so andere Geschichte als das Bauhaus zu erzählen scheint, in Erinnerung zu rufen.

Haus des Berliner Verlages Rudolf Mosse von Erich Mendelsohn. Man beachte die zwischen den Masten gespannte Radioantenne. Bild aus PKSAR

Ich kannte die «Pressa» aus einer alten Werkmonographie von Erich Mendelsohn. Ihn halte ich für einen wichtigen Impulsgeber für die Art déco-Architektur. Er entwarf, auf dem Gipfel seines Ruhms angekommen, anlässlich der «Pressa» das Haus des Verlages Rudolf Mosse aus Berlin. Meine Recherche bestätigte mir nicht nur, dass die Schau in Sachen Art déco und Architektur ganz allgemein spannendes Material bietet, sondern ich stiess auch auf ein antiquarisches Buch zur Ausstellung, das auf eine Abnehmer*in wartete. Innert Tagen wurde ich stolzer Besitzer eines Exemplars von «Pressa – Kulturschau am Rhein» (PKSAR), herausgegeben von der «Internationalen Presse-Ausstellung Köln» 1928 und erschienen beim Verlagshaus Max Schröder in Berlin.

Die in diesem Beitrag abgebildeten Fotos der Kulturschau stammen aus dieser Publikation. Leider wird dort nicht erwähnt, wer die Aufnahmen gemacht hat. Nach meiner Recherche wurden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest zu einem wesentlichen Teil von Werner Mantz (1901-1983) geschossen. Das Werk des deutsch-niederländischen Architektur- und Baufotografen erfreut sich in den letzten Jahren neuem Interesse. 2017 widmete ihm das Museum Ludwig in Köln eine Ausstellung.

Permanentes, Ephemeres

Die «Pressa» war ein wichtiges und nachhaltiges Prestigeprojekt der Stadt Köln und wohl insbesondere ihres damaligen Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, dem späteren ersten Kanzler der Bundesrepublik. Adenauer war nicht nur Vorsitzender des Präsidiums der «Internationalen Presse-Ausstellung Köln», er war auch seit Jahrzehnten Mitglied des Deutschen Werkbunds. 1914 konnte auf seine Initiative am rechtsrheinischen Deutzer Rheinufer, gegenüber der Kölner Altstadt, die «Kölner Werkbundausstellung» stattfinden, in der Bruno Tauts Glashaus Furore machte.

Nach dieser vom Ersten Weltkrieg unterbrochenen, fast völlig rückgebauten Ausstellung war die Integration des rechten Rheinufers in die Stadt ein wichtiges Anliegen. 1928 war es so weit. «Mit dem Namen ‹Pressa› verbindet sich ein für Köln städtebaulich ausserordentlich wichtiges Ereignis, nämlich […] das Übergreifen der hauptsächlich linksrheinisch liegenden Stadt auf das rechte Rheinufer», schreibt der Baudirektor der Stadt, Adolf Abel, in PKSAR. Der Architekt realisierte zu diesem Zweck bei der Hohenzollernbrücke permanente Ausstellungshallen mit dem Messeturm, einem der Wahrzeichen Kölns. Weiter stromabwärts baute Abel das halbrunde Staatenhaus, das er um das riesige Becken des neuen Tanzbrunnens legte.

Die «Pressa» war der erste Gast in diesen bis heute bestehenden, repräsentativen Bauten. Sie prägen das Rheinufer von Köln-Deutz bis heute. Zur «Bauauffassung» schreibt Abel im erwähnten Beitrag: «Einen herausgestellten Begriff ‹modern› gibt es eigentlich nicht. Alles Selbstverständliche, den Zweck ganz Erfüllende und gut Gestaltende muss modern im guten Sinne sein […] Für die Gliederung im Einzelnen gibt es glücklicherweise kein Dogma, sondern nur die Empfindung.» Diese undogmatische, gefühlsbetonte Haltung der Architektur gegenüber prägte auch den Art déco-Stil.

Beitrag der Sowjetunion im Staatenhaus. Er wurde von El Lissitzky gestaltet. Bild: fostinum.org
Im Buch gezeigte Kölner Messehallen von Adolf Abel. Bild: Manuel Pestalozzi
Ernsthaftes, Frivolitäten

In den permanenten Bauten waren Ausstellungen zu sehen, wie «die moderne Tageszeitung», «das werbewirksame Inserat» oder «Buchgewerbe und Graphik». Das Staatenhaus wurde seinem Namen gerecht: Hier zeigte die weite Welt, wie sie sich mit den neuen Mitteln der Massenkommunikation auseinandersetzt. Ein grosser Teil der europäischen Länder beteiligten sich (auffällige Ausnahme: das faschistische Italien), die Gestaltung war meistens ambitioniert und schwankte zwischen konservativ und avantgardistisch. Aufsehen erregte der Beitrag der Sowjetunion, der vom Architekten und Grafikkünstler El Lissitzky entworfen wurde. Die «Abteilung der Schweiz» wurde vom Architekten Hans Hofmann betreut, einem «Frühmodernen», der später Chefarchitekt der «Landi» und Professor am Architekturdepartement der ETH Zürich wurde. Der Architekturzeitschrift Das Werk war der «Pressa»-Auftritt der Schweiz einen achtseitigen, reich bebilderten Bericht wert.

Hinter dem Staatenhaus wurde der Auenweg angelegt. Er verläuft parallel zum Ufer und verband an der «Pressa» den ernsthaften Teil des Anlasses mit dem Vergnügungspark am anderen Ende des Geländes, einer Art Coney Island en miniature. Entlang dieses Übergangs vom Seriösen zum Frivolen standen die Einzelpavillons, mit denen sich verschiedene Unternehmen und Institutionen unter freiem Himmel profilieren konnten. Licht, Schrift, Glas und Originalität gaben den Ton an und setzten einen Kontrapunkt zu den Abel-Bauten. Entfernt erinnert das Gegenüber an den Architekturpark auf dem Vitra-Gelände in Weil am Rhein – allerdings mit mehr Freiheit bei der Botschaft und ohne das penetrante Namedropping, das wir aus der Gegenwart kennen. Der Gesamteindruck wirkt im Rückblick entspannt, humorvoll, abwechslungsreich und durchaus inspirierend. 

Haus des Verlages Reckendorf von Richard Riemerschmid und der sogenannte «Papierholzstapel», das Ausstellungsobjekt der Rheinisch-Westfälischen Zeitung. Bild: Manuel Pestalozzi
«Weltanschauungsgruppen»

Ein weiterer Teil der Ausstellung bestand in «Sondergruppen» und «Weltanschauungsgruppen». Zu ersteren gehörten Themen wie «das Lichtbild im Dienste der Presse» oder «Frau und Presse». Bei den «Weltanschauungsgruppen» ging es offenbar darum, Köln als katholische, aber weltoffene Stadt zu positionieren. In PKSAR sind Aufsätze zum katholischen Schrifttum, dem deutsch-evangelischen Pressewesen, zur jüdischen Presse und zur deutschen Arbeiterpresse publiziert.

Der Weltanschauungsteil fand auch Niederschlag bei den Pavillons am Auenweg. Und er barg das architektonische Highlight der «Pressa»: die Stahlkirche von Otto Bartning (1883-1959) für die evangelische Sonderschau. Das schlichte und doch feierlich-repräsentativ wirkende, von einem Hof eingefasste Gotteshaus nahm viele Tendenzen aus dem neueren Kirchenbau vorweg und leistete einen interessanten, gefühlvollen Beitrag zur moderne Sakralarchitektur. Von Anfang an war geplant, die Kirche mit ihren 20 aussen mit Kupfer verkleideten Trägern und den über 660 bleiverglasten Fensterfeldern nach der «Pressa» zu demontieren und an einem anderen Standort neu aufzubauen. Dies geschah in Essen, wo das Gebäude 1942 dem Krieg zum Opfer fiel.

Gleich neben Bartnings Kirche stand das Gebäude der jüdischen Sonderschau. Der Pavillon wurde vom Kölner Architekten Robert Stern entworfen. Er orientierte sich konsequent am Art déco-Stil. Das stilistische Nebeneinander war somit auch ein freundschaftliches Nebeneinander der «Weltanschauungen». Die Architektur übernahm an der «Pressa» gewissermassen die Rolle des Katalysators; sie erlaubte eine friedliche Auseinandersetzung mit ihr selbst und ihren Inhalten. Dies scheint mir doch ein wichtiges, erinnerungswürdiges Erbe dieser Ausstellung.

Pavillons der evangelischen und der jüdischen Sonderschauen. Bild: Manuel Pestalozzi
Memorabilia

Ganz vergessen gegangen ist die «Pressa» nicht – online begegnet einem die Messe wiederholt. So finden sich auf YouTube ein kurzen Film eines Messerundgangs und eine Tonaufnahme des «Pressalieds», das vom Kölner Dialektdichter Robert Koppel getextet wurde, gesungen und gespielt von Efim Schachmeister mit seinem Jazz-Symphonie-Orchester. Gerade das Lied zur Schau dokumentiert die fröhliche und gelassene Stimmung, welche den Anlass geprägt haben muss.

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