Der grosse Termin

 Manuel Pestalozzi
21. Dezember 2017
… und wieder hebt das Ren sein Haupt. Einkaufscenter Sihlcity, Zürich, Adventszeit 2017. Bild: Christian Dancker, saltyimages.ch
Weihnachten prägt unser Leben als zuverlässig wiederkehrende Zeit. Bildet sie auch Räume? Architektinnen und Architekten scheinen als Profis mit der Feier nicht viel anfangen zu können. Vielleicht ist das gut so.
Noch ist Advent, die Phase des Anlaufs, der Vorbereitung und der Erwartung, die dem grossen Termin vorangeht. Gemeinsam durchleben wir die Wochen des Schwangergehens, bis sich der wachsende Druck pünktlich am Heiligabend entlädt. Der Black Friday zog vorüber, in Zürich zeitgleich mit den Porny Days. Dann kam und ging der Samichlaus. Immer mehr Kerzen brennen auf dem Kranz, der Countdown erreicht die einstellige Phase. Die Spannung wird so gross und schwer erträglich, dass manche abhauen müssen nach Marokko oder Thailand, wo man diese Sache hoffentlich lockerer sieht und wo die erschöpften, verspannten Ankömmlinge sichere Deckung finden. Und plötzlich ist alles wieder einmal vorbei: Der Spengler Cup kann beginnen.
 
Aber so weit sind wir jetzt noch nicht. Der Moment, an dem sich die Niederkunft des Christkinds jährt, steht uns noch bevor. Karten müssen geschrieben werden, Geschenke ersonnen, gebastelt oder gekauft und eingepackt. Entscheide zuhauf warten darauf, getroffen zu werden. Die Fachschaft der Architektinnen und Architekten unterscheidet sich im Umgang mit ihnen vermutlich wenig vom Rest der Gesellschaft. Weihnachten zieht alle gleichsam in ihren Bann, der Wunsch, das berufliche Können aufblitzen zu lassen ist wohl etwa gleich intensiv oder vernachlässigbar wie bei Buchhalterinnen oder Ernährungsberatern.

​Und doch gibt es zum Weihnachtsfest eine räumliche Komponente, die den gestalterischen Ehrgeiz wecken sollte. Einerseits ist es ein Anlass, an dem man sich versammelt, und dies in der dunkelsten Zeit des Jahres, wenn man ihn nicht gerade in Argentinien oder Australien feiert. Und dann gibt es das ganze Drum und Dran, das eines angemessenen Rahmens bedarf. Etwas Beachtung sollte man dem als Profi schon schenken – aber vielleicht nicht zu viel.
Vier Wochen Duldsamkeit – so viel muss man von Räumen in der Weihnachtszeit erwarten können. Einkaufscenter Sihlcity, Zürich, Adventszeit 2017. Bild: Christian Dancker, saltyimages.ch
Genug dekorgerecht?
Wie viele Architektinnen und Architekten denken daran, dass die Nutzerinnen und Nutzer ihrer Projekte vielleicht mal einen Weihnachtbaum aufstellen, mit einer Krippe darunter, eine Lichtgirlande in Brüstungen flechten, einen Reisigkranz an der Haustür fixieren oder einen bei seiner Klettertour erstarrten Father Christmas an die Fassade hängen möchten? Vermutlich nur wenige. Ganz aus den Augen verlieren, darf man diese Anliegen aber nicht: Der Dekor ist extra Ballast und eine temporäre Attacke auf die Firmitas. Die Wahrscheinlichkeit eines Brand-Ernstfalls steigt auch. Über die Utilitas braucht man sich nicht lange aufzuhalten: Der Krempel tut seinen Dienst und verschwindet dann wieder für ein Jahr. Technisch besonders versierte und inspirierte Spezialisten können sich über das Kompensationspotenzial der Weihnachtsbeleuchtung gegenüber dem normalen Kunstlichtregime Gedanken machen.
 
Bei der Venustas werden sich am Dekorrausch die Geister scheiden. Es kommt zum Zusammenstoss der architektonischen Idee mit den Launen der Schmückungslustigen. Weihnachtsdekor soll Innen- und Aussenräume zur Sonnenwende heranführen, und dazu ist eben jedes Mittel recht, das der Markt zur Verfügung stellt. Ob spontan oder traditionell – Modebewusstsein und Sentimentalität bestimmen Dichte und Rhythmus. Die eigentliche Architektur tritt – wenn sie das nicht ohnehin schon das Jahr über ganz absichtlich tut – in den Hintergrund und lässt dem Spektakel den Vortritt. Zu diesem Spektakel gehört natürlich auch die Krippe, das Architekturmodell zum Fest. Sie erweist sich in unseren Tagen bis auf ein paar Ausreisser (s. weiter unten) als erstaunlich trendresistent. Aufschneiden mit Krippen – das gab es in der schrecklichen bürgerlichen Welt von einst, wie sie etwa von Henrik Ibsen skizziert wurde. Tempi passati.
 
Der Schnitt bringt die Dekortauglichkeit an den Tag. Digitale Grusskarten der Enning-Architekten aus Düsseldorf und der Sigrist Schweizer Architekten AG aus Luzern. Bildvorlagen: enning-architekten.de, sigristschweizer.ch
Wo steht die Krippe? Das warme Licht in der Grusskarte der Sprenger Architekten aus Hechingen erinnert weniger an das eigentliche Fest als an den Stall in Betlehem. Bildvorlage: sprenger-architekten.de
Kindlich, kindisch oder ernst?
Weihnachten ist ein Fest der Hoffnung, Gott setzte die Geburt von Jesus mit Bedacht auf eine der längsten Nächte des Jahres: Von da an kann es nur noch heller und wärmer werden, die Festlichter sorgen dafür, dass uns diese Zuversicht nicht abhanden kommt. Aus der Zuordnung geht allerdings noch nicht klar hervor, ob dieser Moment der Erwartung mit Besinnlichkeit oder Ausgelassenheit begangen werden soll. Innerhalb Westeuropas gibt es ja beide Varianten. In den letzten Jahrzehnten war in unseren Breiten eine Tendenz hin zur eher entsprannten, frivolen angelsächsischen Interpretation zu beobachten. Dies ist insofern passend, als man ja den Anfang des Lebens des Gottessohns feiert. Mensch geworden, durchlebt er eine Kindheit, bevor er sich an der ihm zugewiesenen Rolle misst. Die kindliche Sorglosigkeit muss deshalb doch als Teil des Menschseins von Jesus gewürdigt werden.
Wo ist der passende Baum? Design-Geburtsszene, bestellbar bei Amazon. Alessi Presepe Weihnachtskruppe mit Personal aus Porzellan, handdekoriert. Bild: amazon.de
Für Architektinnen und Architekten bedeutet dies vielleicht, dass sie an Weihnachten loslassen sollten, Abstand nehmen von wichtigen, kohärenten gestalterischen Prinzipien, und sich stattdessen dem Kindlichen, Kindischen hingeben, für ein paar wenige Tage. Möglicherweise muss man Hässliches, Kitschiges über sich ergehen lassen – und akzeptieren. Es geht ja vorüber, tut in der Regel nicht weh. Und wer weiss, vielleicht ist es sogar von therapeutischer Heilkraft?
 
In diesem Sinne wünscht der Redaktor von Swiss Architects den Leserinnen und Leser schöne Festtage und für das neue Jahr von Herzen alles Gute!

 
Vielleicht war sie zu korrekt, zu ernst? Die Architekturprofessoren Fabio Gramazio und Matthias Kohler entwarfen für Zürichs Bahnhofstrasse eine Weihnachtsbeleuchtung. 2005 war sie erstmals zu bewundern, 2010 hatte man sie bereits ersetzt. Aufnahme aus der Adventszeit 2007. Bild: Manuel Pestalozzi

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