Design als Lebenskompetenz

 Susanna Koeberle
19. Oktober 2017
Ray und Charles im Wohnzimmer des Eames House (mit Lounge Chair), 1958 © J. Paul Getty Trust, Los Angeles. Bild: Julius Shulman
Das Vitra Design Museum zeigt unter dem Titel «An Eames Celebration» gleich vier Ausstellungen, die das Werk von Charles und Ray Eames umfassend vorstellen.
Ach, diese Eames. Genau, den Lounge Chair oder den Plastic Chair: Kennen wir. Das Problem mit dem allzu Bekannten ist, dass wir häufig vorschnell Zuordnungen machen und das Thema dabei in des Menschen Lieblingsschublade mit der Aufschrift «vertraut» stecken – und das Ganze dort dann liegenbleibt. Klar, die schon fast ätzende Präsenz dieses bereits in den 1940er-Jahren von Charles Eames entworfenen und 1956 erstmals aufgelegten Sessels in Lifestylemagazinen aller Couleur nervt. Und dass dieser Entwurf auch in jedem Haushalt, der Design mit netten Möbeln gleichsetzt, seinen Auftritt hat, ebenso. Die moderne Version des Klubsessels ist aber das Resultat eines langen Experimentierprozesses. Der für die damalige Zeit ungewöhnlich war. Zeit also für einen frischen Blick auf das Altbekannte. Die vier Ausstellungen auf dem Vitra-Campus geben die Möglichkeit dazu. Die Hauptausstellung «Charles & Ray Eames. The Power of Design» mit über 500 Exponaten basiert auf einer Ausstellung des Barbican Centre London und wurde für die Präsentation im Vitra Design Museum ergänzt.

​Ungewöhnlich waren nicht nur die Entwürfe der Eames, auch die Zusammenarbeit des bis heute bekanntesten Designerpaars war es. Charles und Ray Eames: Er Architekt, sie Künstlerin, bildeten sie eine mustergültige Symbiose von unterschiedlichen Expertisen. 1940 lernten sich die beiden an der Cranbrook Academy of Art in Michigan kennen, heirateten ein Jahr später und gründeten 1947 ihr gemeinsames Büro «Eames Office» in Venice (Kalifornien). Private und berufliche Partnerschaft waren stark miteinander verschränkt, die beiden beeinflussten sich gegenseitig und teilten eine offene Lebensphilosophie. Obwohl nur Charles die Entwürfe signierte, trafen sie alle Entscheidungen gemeinsam. Dass sie keine gemeinsamen Kinder hatten (Charles hatte eine Tochter aus einer ersten Ehe), muss allerdings darauf zurückzuführen sein, dass die Doppelrolle Mutter und berufstätige Frau damals undenkbar war. Soweit ganz kurz zu den biografischen Eckdaten.
Charles und Ray Eames, Filmstill «A Communications Primer», 1953 © Eames Office LLC
Verblüffend ist, dass ihre Arbeit schon früh durch eine multimediale und transdsiziplinäre Herangehensweise geprägt war. Auf diesem Gebiet können sie durchaus als Pioniere gelten. Ein Beispiel dafür ist die 22-teilige Diashow «Think», die sie in Zusammenarbeit mit Eero Saarinen für die New Yorker Weltausstellung 1964 konzipiert haben. Oder die multimediale Installation «Glimpses of the USA», die 1959 in Moskau gezeigt wurde. Die Ausstellung «Ideas and Information. Die Eames-Filme» im Vitra-Feuerwehrhaus widmet sich dem reichen filmischen Schaffen des Powerpaars. Zwischen 1941 und 1981 produzierten sie über 100, vielfach experimentelle, Kurzfilme.
Ausstellungsansicht von «Glimpses of the U.S.A.», American National Exhibition, Moskau, 1959 © Eames Office LLC
Was Möbel betrifft, galt das primäre Interesse der Eames nicht dem Aussehen der Stücke, sondern vielmehr ihrer Alltagstauglichkeit. Kurzlebige Moden interessierten sie nicht. Typisch für diese Haltung ist auch die Tatsache, dass sie keine Einzelmöbel entwarfen, sondern ganze Möbelsysteme. Die Entwürfe widerspiegeln insofern ein Denksystem und bringen scheinbar unvereinbare Gegensätze wie Komplexität und Einfachheit oder Serienproduktion und Handwerkskunst zusammen. Auch bezüglich Materialien liessen sich die Eames auf Experimente ein. Es ging dabei nicht darum, Neues um des Neuen willen zu kreieren, sondern um die Aneignung der aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet von Materialien und Fertigungstechniken und um eine Übertragung auf ihre Disziplin.
Gestapelte Stühle aus Fiberglas, 1957 © Eames Office LLC
Diese Neugierde und Experimentierlust zeigt sich bei den Sperrholz- und Fiberglasentwürfen besonders ausgeprägt. Häufig dauerte die Entwicklung mehrere Jahre. Das geschah wohlgemerkt in ihrem Atelier, erst danach suchten sie Hersteller. Scheinbar entsprach diese eigenwillige und unbeirrte Arbeitsweise auch ihrem Naturell, sie hatten Spass bei der Arbeit und erachteten das Spiel als wichtigen Faktor ihrer kreativen Tätigkeit. Für die Eames war Spielen eine Form von Lernen.

Die zentrale Rolle des Spiels führt die kleine Ausstellung «Play Parade» in der Vitra Museum Design Gallery vor. Selbst Sammler unterschiedlichster Spiele wie Kreisel, Drachen oder Masken (die man auch in der Ausstellung sehen kann), entwarf das Paar auch solche. Wie etwa das bekannte Kartenspiel «House of Cards», ein Set von 54 Spielkarten, aus dem kleine und grosse Kinder bunte Kartenhäuser bauen können. Einem Kartenhaus gleicht auch ihr eigenes Haus, das als eines der «Case Study Houses» 1949 nach einem Entwurf der Eames erbaut wurde und später international Bekanntheit erlangte. Das Haus, in welchem Charles und Ray sowohl wohnten als auch arbeiteten, besteht aus Standardelementen, die jeder aus dem Katalog von Metallwarenhändlern bestellen konnte. Ihre Erfahrungen mit Glasgewebelaminat konnten sie später auch beim Entwickeln der Schalen ihres Fiberglasstuhls verwenden. Leben und Arbeiten waren für die Eames eine Einheit, ein Entwurf ging in den anderen über.
Charles und Ray Eames, Prototypen für Spielzeugmasken, 1950 © Eames Office LLC
Interessant ist auch die Geschichte, wie die Eames-Entwürfe nach Europa fanden. Dabei spielte Willi Fehlbaum (1914 – 2003), der Firmengründer von Vitra, eine wichtige Rolle. Dieser entdeckte bei einer USA-Reise den Fiberglasstuhl der Eames in einem Schaufenster in New York und fragte beim Hersteller Herman Miller Furniture nach einer Produktions- und Vertriebslizenz. Fehlbaum lernte später auch Charles und Ray Eames persönlich kennen, und es entwickelte sich eine Freundschaft daraus. 1984 gingen die Produktionsrechte der Eames Collection für Europa und den Nahen Osten an Vitra über. Die Hintergründe und Details dazu sowie weitere lesenswerte Beiträge können Interessierte im Ausstellungskatalog nachlesen. Eine kleine Eames-Bibel quasi, welche die Bedeutung des Werks der beiden Tüftler und Allrounder veranschaulicht.
Ray Eames mit einem frühen Prototyp von «The Toy» auf der Terrasse des Eames House, 1950 © Eames Office LLC

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