Dicht, gross, aufrüttelnd – «Architecture Matters»

Elias Baumgarten
18. April 2019
Jan Grarup zeigte an der «Architecture Matters» ausgewählte Aufnahmen aus seiner Arbeit als Kriegsfotograf. Dieses Bild entstand 2005 in Balakot in der Kashmir-Region. Bild © Jan Grarup

2 Tage, 17 Referent*innen, 5 Events – am 11. und 12 April 2019 fand in München die Konferenz «Architecture Matters» statt. Höhepunkt war ein dichtes Programm aus Vorträgen und Debatten am Freitagnachmittag und -abend. Organisiert wurde sie bereits zum vierten Mal vom Kommunikationsbüro für Architektur und Stadt, plan A, der Kuratorin und Autorin Nadin Heinich. Unter den zahlreichen Vorträgen stachen zwei besonders heraus: jener des Gründers des Zürcher Startups Archilyse, Matthias Standfest, und der des Fotografen Jan Grarup aus Dänemark.

  • Thema der Konferenz waren Grossprojekte, grosse Ideen und Katastrophen. Line-up und Fragestellungen setzten über weite Strecken die Debatten aus dem Vorjahr fort. So wurde erneut auch nach Lösungen für die Krise auf dem bundesdeutschen Wohnungsmarkt gefragt. Neu wurde heuer zudem über die Digitalisierung der Bauproduktion gesprochen.
  • Dieser Bericht greift aus dem Programm die Referate von Matthias Standfest (gehalten am «Kick-off»-Event) und Jan Grarup heraus und rückt sie in den Fokus.

Am letzten Donnerstag nahm «Architecture Matters» mit einem Abendanlass zur Digitalisierung der Bauproduktion Fahrt auf. Tags darauf fanden zunächst ein Workshop und zwei Networking-Anlässe für junge Architekt*innen, Projektentwickler*innen und Journalist*innen statt, bevor bis in den Abend hinein die eigentliche Konferenz über die Bühne ging. 

Liebespaar im vom Erdbeben zerstörten Haiti. Bild © Jan Grarup

Besonders an letzterer wurden die Debatten vom Vorjahr fortgeführt. Gesprochen wurde über Nachhaltigkeit, Verdichtung und Lösungen für die angespannte Situation auf dem bundesdeutschen Wohnungsmarkt. Etliche Sprecher*innen standen dabei neuerlich auf der Bühne, so etwa Münchens amtierende Stadtbaurätin Elisabeth Merk oder auch deren Vorgängerin Christiane Thalgott. Es blieb bei recht pauschalen gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Politik und Projektentwicklern. Letzteren wurden dabei fehlende architektonische und soziale Ambitionen vorgeworfen. Lösungsvorschläge zur Beseitigung der Wohnungskrise in Deutschland wurden nicht präsentiert. Spannende Grossprojekte im Sinne des Veranstaltungstitels zeigten indes Christoph Ingenhoven, der über Stuttgart 21 und die riesenhafte Wohnanlage «Green Heart | Marina One» in Singapur sprach, und Jan Knikker. Letzterer vertrat den erkrankten Winy Maas und referierte über die grössten Bauten von MVRDV. Er zeigte etwa die Markthalle von Rotterdam.

Zwei andere Vorträge aber blieben besonders in Erinnerung: Matthias Standfest, Zürcher Jungunternehmer und ausgebildeter Architekt, sprach über seine Software, mit der «Architekturqualität» bewertet werden kann. Und Jan Grarup aus Dänemark hielt ein überaus eindrückliches Referat über seine Erfahrungen als Kriegsfotograf.

Diskutierten die Lage auf dem bundesdeutschen Wohnungsmarkt: Tobias Sauerbier (SIGNA), Regula Lüscher (Stadtbaurätin Berlin), Christiane Thalgott (ehemalige Stadtbaurätin München), Elisabeth Merk (Stadtbaurätin München), Christoph Ingenhoven und Franz-Josef Höing (Oberbaudirektor Hansestadt Hamburg). Bild: Tanja Kernweiss
Matthias Standfest trägt vor. Bild: Tanja Kernweiss
Algorithmen bewerten «Architekturqualität»

Das erste Ausrufezeichen setzte Matthias Standfest am Donnerstagabend beim «Kick-off». Standfest ist Gründer des erfolgreichen Zürcher Startups Archilyse. Er war eingeladen worden, sein Unternehmen und dessen Dienstleistungen vorzustellen. Mit seinem neunköpfigen Team hat er Algorithmen entwickelt, die «Architekturqualität» bewerten sollen. Die Kundschaft erwirbt Lizenzen, um diese nutzen zu können. Gefüttert mit Adressen und Grundrissen liefert die Software Daten zur Aussicht, der Lage, zur Konformität mit Normen und Standards, der Effizienz und Funktionalität von Grundrissen sowie thermische, akustische und statische Analysen. So kann die (ökonomische) Performance eines Gebäudes evaluiert werden. Dieses Material wird im Handumdrehen als PDF mit hübschen, für jedermann verständlichen Grafiken aufbereitet. Standfest erklärte, seine Bewertungen würden derzeit vor allem von Entwickler*innen und Investor*innen genutzt. Diese gewännen damit etwa Erkenntnisse über maximale Mietpreise und könnten so ihre Geschäfte optimieren. Schon oft seien Besitzer*innen dabei ringhörig geworden, dass sie zu niedrige Mieten verlangen. Standfest selbst möchte seine Algorithmen als Werkzeuge zur Optimierung der gesamten Wertschöpfungskette verstanden wissen. Er liess durchblicken, dass die Software auch zur Bewertung von Entwürfen für neue Häuser und von Wettbewerbsbeiträgen eingesetzt werden kann und soll – und sich dies bereits hinter den Kulissen konkretisiert. Zu seinen Kund*innen und Interessent*innen gehören schon heute die wichtigsten Player der Schweizer Immobilienbranche. So arbeiten Migros und Swiss Life bereits mit der Software von Archilyse an der Optimierung ihres Immobiliengeschäfts.

Zu Ende gedacht steckt hierin ein grosses Gefahrenpotenzial für Mieter*innen und Architekt*innen – das sieht auch Standfest. Wenig gerührt meinte er, die Architekturschaffenden liefen grosse Gefahr im Zuge der Digitalisierung obsolet zu werden. Er meinte, sie könnten sich künftig dank seiner Dienstleistungen ganz aufs Design konzentrieren und müssten nicht mehr angestrengt über ideale Grundrisse oder die Beachtung von Normen und Standards nachdenken.

Sprachen über ihre Startups und die Digitalisierung der Bauproduktion: Paul Indinger (Building Radar), Patrick Christ (Capmo), Tobias Nolte (Certain Measures) und Matthias Standfest (Archilyse). Bild: Tanja Kernweiss
In den Pausen gab es viel Diskussionsstoff. Bild: Tanja Kernweiss
Jan Grarup beim Vortrag. Bild: Tanja Kernweiss
Bewegende Bilder

Einen tief bewegenden Vortrag hielt Jan Grarup. Er hat in den letzten Jahrzehnten alle Kriegs- und Krisengebiete dieser Welt mit der Kamera bereist. Seine Fotos und Reportagen erschienen in den grössten deutschsprachigen und auch internationalen Magazinen und Zeitungen. Acht Mal gewann er den World Press Photo Award.

Grarup zeigte einige Aufnahmen und erzählte die Geschichten dahinter. So präsentierte er etwa Bilder, die während des Genozids in Ruanda 1994 entstanden. Die Zeit dort sei die schlimmste in seinem Leben gewesen, meinte er bewegt. Sie verfolge ihn bis heute. Er hatte unter anderem das Bild eines schwer verwundeten Mädchens mitgebracht, das durch Macheten schlimme Kopfverletzungen erlitten hatte. Es überlebte nur knapp. Seine gesamte Familie wurde ermordet. «Ich frage mich, was heute aus ihr geworden ist», sagte Grarup nachdenklich. «Ist sie Mutter? Hat sie eine Familie gegründet?» Er versucht das Mädchen seither ausfindig zu machen – bisher vergeblich. Auch zeigte der Fotograf Aufnahmen fröhlich spielender Kinder aus den Kriegsgebieten Afghanistans, des Irak und Syriens. Sie entstanden mitunter, obwohl Artilleriebeschuss auf dem jeweiligen Gelände lag. Und auch das Bild eines lachenden afrikanischen Mädchens hatte er dabei, aufgenommen in einer Krankenstation. Sie habe ihn ausgelacht, erinnerte er sich, weil er als völlig verschwitzter weisser Mann «wie ein Schwein» ausgehen habe. Kinder hätten, so resümierte er, eine bemerkenswerte Fähigkeit, traumatische Situationen zu meistern.

Jan Grarups Vortrag war ein Appell an die anwesenden Architekt*innen. Bild: Tanja Kernweiss
Aufruf

Grarup wollte seinen Vortrag vor allem als Appell an die Architekturszene verstanden wissen. Keineswegs ging es ihm darum, nur zu schockieren. Derzeit seien, so sagte er, über 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Laut UNHCR waren es in 2018 sogar fast 70 Millionen. Nur ein relativ kleiner Teil davon strebe tatsächlich nach Europa, fuhr er fort. Die meisten wollten zu Hause bleiben und hofften auf eine baldige Rückkehr. Doch für Menschen, die in seine Heimat Dänemark, nach Deutschland oder in ein anderes europäisches Land kämen, gelte es qualitätsvollen Wohnraum zu schaffen und vor allem deren Integration voranzubringen. «Wir können natürlich nicht die Welt verändern», meinte er ans Publikum gewandt. «Ich kann auch nichts bauen. Ich bin nur ein Fotograf. Aber Sie können.»

World-Architects unterstützt indes bereits die Plattformen «Architecture for Refugees» und «Architecture is a Human Right». Insbesondere erstere dient dazu, den Diskurs um die Unterbringung von Flüchtlingen zu entwickeln. Gefragt wird dabei vor allem, inwiefern Architektur Integration und Inklusion moderieren kann.

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