Diskussionsstoff zur Bodenfrage

Manuel Pestalozzi
16. April 2020
Das Projekt «The [email protected]» in Singapur wird im Buch als Wohnungsbau der nächsten Generation präsentiert. (Foto © Stefan Rettich)

Die Bodenfrage ist so aktuell wie politisch. Das lesenswerte Buch «Architektur auf gemeinsamem Boden» liefert interessante Hintergründe und spannende Positionen.

Spätestens seit Menschen sesshaft wurden, beschäftigt sie die Frage nach dem Umgang mit parzelliertem Boden. Dieser muss zwei Bedingungen erfüllen: erstens die Konstituierung einer soliden, sicheren physischen Unterlage für die Existenz vor Ort; zweitens die Aussicht auf eine Leistungsbasis beim Bestreiten des Lebensunterhalts. In anderen Worten: Der Boden soll als Eigentum etwas «abwerfen». Als begrenztes Gut ist er eine begehrte Handelsware; Boden-Eigentumsfragen sind hoch politisch.

Diese Binsenweisheiten gehören zum Allgemeinwissen. Doch das Thema scheint eine neue Brisanz zu erhalten. Dies jedenfalls ist die Überzeugung von Florian Hertweck, dem Herausgeber des Buchs «Architektur auf gemeinsamem Boden», das bei Lars Müller Publishers und über die Universität Luxemburg erschienen ist. Viele europäische Städte, die einem hohen Entwicklungsdruck unterliegen, verfügen heute selbst über so gut wie keinen bebaubaren Bodenvorrat mehr. Angesichts der akuten Wohnungsnot stellt sich somit die Bodenfrage erneut und dringlich: Inwiefern vermögen wir, Boden als gemeinschaftliches Gut zu behandeln und ihn den Exzessen des Kapitalismus zu entziehen?

Bauen auf gemeinsamem Boden war in den 1920er- und 1930er-Jahren ein grosses Thema. Ein Resultat war das Hirzbrunnenquartier in Basel, hier in einer Luftaufnahme aus dem Jahr 1973. Es wird im Buch vorgestellt. (Foto: Hans Krebs / ETH-Bibliothek Zürich)
Probleme der «kapitalistischen Stadt»

Die aktuelle Problematik umreisst Hertweck in der Einführung des Buchs: Sehr wenige Personen verfügen über sehr viel Boden, Grossstädte sind der «Finanzialisierung» ausgesetzt. In deren «Hochglanzmitten» verklumpen sich abgeschottete Wohnresidenzen mit Bürovierteln und Shopping-Centern, weniger Vermögende müssen sich Wohnraum an der Peripherie suchen, was zu grossen Pendlerströmen und starker Luftverschmutzung führt. Das Resultat sei nicht nur eine überlastete Infrastruktur und eine funktionale Ausdünnung, sondern auch eine kulturelle Homogenität, die Langeweile erzeuge. Implizit deutet der Herausgeber an, dass man mit einer neuen Diskussion der Bodenfrage nicht nur die städtebauliche Monotonie bekämpfen, sondern auch die soziale und ökologische Zeitbombe, die buchstäblich unter unseren Hintern tickt, entschärfen kann.

Besonders im Visier des Buchs steht der «neoliberale Ausverkauf», der in den 1980er-Jahren seinen Anfang nahm; er führte unter anderem zur Abschaffung des sogenannten Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes in der Bundesrepublik Deutschland, und diese wiederum zur Privatisierung öffentlicher Wohnungsgesellschaften mit ihren Bodenreservoirs und zu einer allgemeinen Entfremdung der Investor*innen von den gebauten Objekten und ihren Standorten. Die räumliche Nähe und Vertrautheit der Eigentümer*innen wurde durch das Interesse an einer maximalen Rendite abgelöst. Eine Welle der Entstaatlichung erfolgte sodann nach Ereignissen wie der Berliner Bankenkrise 2001 und der Weltwirtschaftskrise 2008: Städte veräusserten Grundstücke mit Liegenschaften und Infrastrukturbauten an Private. Durch den starken Anstieg der Bodenpreise schränkt sich der Kreis an Personen, die sich Grundeigentum leisten können, gerade an begehrten Lagen enorm ein.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Idee des Bodens als Gemeingut als Alternative, welche die Missstände beheben kann. Und sie ist eigentlich seit Menschengedenken immer eine Reaktion auf bestehende Zu- und Missstände oder befürchtete Fehlentwicklungen. So beschreibt Florian Hertweck den «reaktionären» Vorgang in der Antike: Die Tyrannen (welche mit der Übernahme der Macht eine Wende beim Grundeigentum einleiteten) stellten die anderen Aristokraten in den Dienst des Gemeinwesens, das dadurch wiederum in der Lage war, sich der Tyrannen selbst zu entledigen. Der Landverkauf war verboten, weshalb zunächst kein Immobilienmarkt existierte. Das Schachbrettmuster von Milet etwa gilt als «Verräumlichung eines quasi egalitären Gesellschaftsbilds». Auch die Städte des Mittelalters wurden bei der Suche nach Vorbildern unter dem Aspekt des gemeinschaftlichen Bodeneigentums betrachtet, hier traten Adlige als eigentliche Sponsoren und «Entwickler» auf den Plan – wohl nicht ganz ohne Gedanken an den Eigennutz.

Der «egalitäre» Stadtplan von Milet gilt als Symbol für die Idee des gemeinschaftlichen Eigentums im urbanen Raum. (Plan: Wikimedia Commons, PD)
Von der Bodenreform zu Wohnungsbaugenossenschaften

Im späteren 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden zahlreiche volkswirtschaftliche und rechtliche Konzepte zur Bodenreform entwickelt. Dabei ging es um Besitz- und Besteuerungsfragen. Der Staat tritt in diesen Schriften oft als Bodeneigentümer und -pächter auf. Eine Folge dieser Konzepte waren die nichtstaatlichen Wohnbaugenossenschaften, die vom Staat oft begünstigt und unterstützt wurden und bis heute werden. Staatliche und genossenschaftliche Bautätigkeit führten zu weniger verdichteten Siedlungen, aus der «Ware» Wohnung wurde eine «Dienstleistung».

Auch der Städtebau jener Epoche leistet einen Beitrag an die Diskussion. Das Buch präsentiert unter anderem Arturo Soria y Mata (1844–1920) mit seiner «Ciudad lineal» und Bruno Taut (1880–1938) mit seiner Publikation «Die Auflösung der Städte». Auch die CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne) verwendeten sich für die Unterordnung des Privatinteresses zugunsten jenes der Gemeinschaft beim «Verfügungsrecht über den städtischen Grund und Boden».

Dieses Verfügungsrecht wiederum sehen jetzt manche in europäischen Städten immer mehr eingeschränkt. Gesucht wird, so schreibt Florian Hertweck, zwischen den beiden ideologischen Extrempolen der Sozialisierung von Grund und Boden einerseits und der Privatisierung andererseits, «ein gesundes Mass». Bekämpft werden sollen die Bodenspekulation und das Horten von bebaubaren Grundstücken. Die öffentliche Hand soll wieder zu einem grösseren «Bodenreservoir» kommen.

Als Gründe für ein aktuelles Reloading der Bodenfrage werden der Klimawandel und die zunehmende Wanderung der Menschen in die Städte genannt; wohl mit dem Gedanken, dass der Staat als Grossgrundbesitzer die weitere Entwicklung spekulativ aufgleisen soll – nicht mit dem Profit Einzelner als Ziel, sondern geleitet von der Idee des Gemeinwohls.

Immer hat die Idee des gemeinsamen Bodens auch architektonische Utopien hervorgebracht. Die «Freilandstadt» (2019) ist vom Herausgeber des Buchs erdacht. Sie bildet das Leben im kommenden «Symbiozän» ab. (Visualisierung © Florian Hertweck / Dragos Ghioca)
«Halten» statt «Abwerfen»

«Architektur auf gemeinsamem Boden» präsentiert sich als umfangreiches Lesebuch für Architekt*innen. Es ist in vier Kapitel gegliedert. Im ersten werden für die Bodenfrage bedeutende historische Modelle und Ereignisse vorgestellt, unter anderem der Ansatz eines «kommunalisierten» Bodens des Schweizer Architekten Hans Bernoulli (1876–1959). Es enthält auch ein Gespräch zur Boden- und Wohnungsfrage, an dem sich die Macher des Films «The Property Drama» (2017) beteiligen. Das zweite Kapitel widmet sich verschiedenen Stadtmodellen, ebenfalls mit Essays und Gesprächen, beispielsweise eines mit einem Vertreter der Christoph-Merian-Stiftung, die als Sponsor auf die Entwicklung der Stadt Basel wesentlichen Einfluss nimmt. Ein kritischer Blick wird auf die aktuellen Verhältnisse in China geworfen: Die Verstaatlichung von Grund und Boden erzeugt dort nicht unbedingt eine besonders soziale und ökologische Stadtentwicklung. Näher bei Architektur und Städtebau sind die Stadtutopien und die konkreten Beispiele im dritten Kapitel, wo beispielsweise das Quartier Hirzbrunnen in Basel vorgestellt wird, an dem Bernoulli wesentlich beteiligt war. Leider berichtet das Buch nur über sein Entstehen bis in die 1940er-Jahre und nicht von seinem späteren Schicksal. Das vierte Kapitel widmet sich schliesslich explizit Luxemburg. Denn im Grossherzogtum sei die Bodenfrage «extrem virulent».

Allein diese Aufzählung deutet an, dass das Buch ein Konglomerat unterschiedlicher Modelle und Konzepte bildet. Das zeigt: Es gibt keine Standardlösung gegen die Missstände beim Bodeneigentum. Bleibt die Frage, ob es wirklich die Verteilung des Bodens und die Verfügungsgewalt über diesen sind, welche an der Wurzel von Wohnungsnot oder -mangel stehen. Dazu bräuchte es eine kritische Begutachtung der Wirkung und Resultate der diversen Modelle über längere Zeiträume. Denn auffallend ist, dass diese sehr statisch sind und stets auf einen idealen «Endzustand» ausgerichtet zu sein scheinen. Das eingangs bei den Erwartungen an den Boden erwähnte «Abwerfen» wird durch ein «Halten» ersetzt – und dieses «Halten» tönt schon fast nach der Empfehlung der Kundenberater*innen einer Bank.

Jedenfalls liefert das vielseitige und -schichtige, hervorragend gestaltete Buch gute Munition für weitere Debatten um die Bodenfrage.

Architektur auf gemeinsamem Boden

Architektur auf gemeinsamem Boden
Florian Hertweck (Herausgeber)

140 × 200 Millimeter
400 Seiten
65 Illustrationen
paperback
ISBN 9783037786024
Lars Müller Publishers
Dieses Buch kaufen

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie