Ein Grossereignis

Inge Beckel
13. Juli 2017
Hallenbauten der SAFFA 1958. Chefarchitektin Annemarie Hubacher-Constam. Bild: Archiv Familie Annemarie und Hans Hubacher

Seit Yvonne Farrell & Shelley McNamara zu den Kuratorinnen der Biennale 2018 in Venedig ernannt wurden, häufen sich international Beiträge zu Frauen in der Architektur. Wir stellen die SAFFA 1958 in Zürich mit einigen ihrer Protagonistinnen kurz vor.

Der Name SAFFA ist ein Kürzel und heisst ausgeschrieben: «Schweizerische Ausstellung für Frauen-Arbeit». Die erste SAFFA fand 1928 in Bern statt – Chefarchitektin war Lux Guyer. Damals ging es den Veranstalterinnen darum, Frauen den Weg in die ausserfamiliäre Arbeit (sei es ausserhalb der eigenen Kernfamilie oder ausserhalb des Hofs des Vaters oder Bruders) zu ebnen – und ihnen damit eigenes Geld und, parallel dazu, den öffentlichen Raum1 selbstverständlicher zugänglich zu machen. Aus der Ausstellung von 1928 ist die Bürgschaftsgenossenschaft SAFFA hervorgegangen, die heute noch existiert.

30 Jahre später wurde die zweite SAFFA in Zürich am linken Seeufer unter Leitung der Chefarchitektin Annemarie Hubacher-Constam durchgeführt. Die Ausstellung hiess nun: «SAFFA 1958: Die Schweizerfrau, ihr Leben, ihre Arbeit». Das Jahr 1958 stand politisch in einem Spannungsfeld zwischen einerseits der kommenden ersten Abstimmung zur Einführung des Frauenstimm- und wahlrechts von 1959 (mit negativem Ausgang), andererseits erschien Iris von Rotens provokatives Buch Frauen im Laufgitter im Jahr 1958. Die politische Ausrichtung der Ausstellung sowie die der ausschlaggebenden institutionellen Akteure der SAFFA 1958 war nicht dergestalt, dass avantgardistische, feministische oder provokative Inhalte den Ton bestimmt hätten. Dennoch bot die SAFFA 1958 eine damals einzigartige Plattform für die gestalterisch aktiven Frauen der Schweiz, die die Vorteile einer weitläufigen, nationalen und gut beworbenen Schaustellung nutzen konnten.
 
Sichtbarkeit
Bis heute stellt die Dokumentation aller an der SAFFA 1958 geplanten und realisierten Arbeiten eine unschätzbar wertvolle und nutzbare Quelle für die noch nicht verfasste hiesige Geschichte von Künstlerinnen, Planerinnen, Gestalterinnen und (Innen-) Architektinnen der Nachkriegszeit dar. Sie ist sinnreiche Ausgangslage für eine Diskussion um die heutige Sichtbarkeit von Frauen in künstlerischen und gestaltenden Berufen. Eine Debatte wohlverstanden, die sich von den utopischen Plänen einer neuen SAFFA für das Jahr 1988 (mit Ines Lamunière, Flora Ruchat-Roncati und Beate Schnitter) oder dem von Alliance F lancierten Projekt «2020. Der weibliche Blick auf die Zukunft» abzukehren scheint und neuen Modellen der Vernetzung und Präsentation zuwendet.

​Zurück zu 1958: So erschufen der Masterplan sowie die ephemeren Architekturen, die unter der Regie von Chefarchitektin Hubacher und weiterer Planerinnen entstanden, ein modernistisches Szenario für eine Leistungsschau weiblicher Gestaltung, Kunst und Kompetenz. Realisiert wurde die Ausstellung von einem Team aus 22 Architektinnen, sieben Innenarchitektinnen, zwei Landschaftsarchitektinnen, 45 Grafikerinnen und einem Ingenieur. Der Anlass dauerte zwei Monate von Mitte Juli bis Mitte September 1958; es war ein Grossanlass und die Ausstellung zählte rund zwei Millionen Besucherinnen und Besucher. Überdies schloss sie, sage und schreibe, mit einem Gewinn von damals über zwei Millionen Franken ab.

Im Alltag der Stadt Zürich erinnert heute einzig die Saffa-Insel bei der Landiwiese an jenes Ereignis vor bald 60 Jahren. Die Insel ist eine Aufschüttung aus den Jahren 1956 bis 1958 – konnte man damals doch noch relativ einfach eine Bewilligung zur Veränderung der Uferlinie erwirken. Die Insel umfasst rund 26'000 Kubikmeter Erde, es handelt sich um Aushubmaterial der Baustelle zum Schulhaus Freudenberg von Jacques Schader, das damals in Bau war.

Der Wohnturm, das Wahrzeichen der SAFFA 1958, im Bau, mit vielen der beteiligten Architektinnen im Vordergrund. Bild: Archiv Familie Annemarie und Hans Hubacher

Altbewährtes
Wirbt die Zürcher Kantonalbank im Jahre 2017 auf ihrer Homepage mit dem Bau einer Gondelbahn über den See und einem Erlebnispark auf der Landiwiese im Hinblick auf das 150-Jahr-Jubiläum der Bank 2020, so greifen die Verantwortlichen auf schon Dagewesenes, sicherlich Bewährtes zurück. Denn die beiden Seeufer verband erstmals 1939 eine Gondelbahn anlässlich der Landi39, ein zweites Mal anlässlich der G59. Im Jahre 1958 führte die Gondelbahn der SAFFA nicht zum Tiefenbrunnen hinüber, sondern zum Bürkliplatz.

Noch in einem anderen aktuellen Projekt lassen sich Spuren finden, die auf die SAFFA 1958 verweisen können. So wird das Architektenteam von Alessandro Bosshard, Li Tavor und Matthew van der Ploeg den Schweizer Pavillon an der nächsten Architekturbiennale 2018 in Venedig bespielen. Ihr Projekt heisst «Svizzera 240» und thematisiert den Wohnungsbau, denn «Das ist, was wir tun. Das ist, was wir Schweizer Architektinnen und Architekten immer und überall tun. Wir zeichnen Wohnungen», sagen die Verantwortlichen von 2018.

Auch den Verantwortlichen von 1958 war der Wohnungsbau ein wichtiges Anliegen. Sie wünschten explizit die vermehrte Mitarbeit von Frauen im Siedlungs- und im Wohnungsbau. Im neunstöckigen Wohnturm, dem Wahrzeichen der SAFFA 1958, gehörten zwei Geschosse dem neuzeitlichen Wohnen für die verschiedenen Lebensalter mitsamt einer Wohnberatung. Ziel war, dass die «Wohnungseinrichtungen für untere und mittlere Einkommensschichten gedacht sein (sollen). Ferner sollen einige Wohnungen für den obern Mittelstand eingerichtet werden; ausgesprochen luxuriöses und zu teueres Ausstellungsgut wird ausgeschieden.»2 Diese zwei Etagen wurden von Innenarchitektin Martha Huber-Villiger verantwortet. Einige der von ihr entworfenen und dort gezeigten Möbel hat der Globus nachher in seine Kollektion aufgenommen.
 
Zeitzeuginnen und Nachkommen
Anlässlich des anstehenden sechzigjährigen Jubiläums sollen ab 2018 verschiedene Projekte an dieses historische Grossereignis erinnern. Eine Ausstellung ist für Herbst 2018 im Forum Schlossplatz in Aarau geplant. Hierfür suchen die Kuratorinnen (Eliana Perotti, Katia Frey, Helene Bihlmaier, Annemarie Bucher und Inge Beckel) nach Zeitzeugen, die Erinnerungen und Souvenirs haben. Oder nach Kindern und Verwandten der Zeitzeuginnen, denen das Eine oder Andere vererbt wurde. Haben Sie etwas Entsprechendes, melden Sie sich bitte hier.


Anmerkungen:
1) etwa Elizabeth Wilson. Begegnung mit der Sphinx. Stadtleben, Chaos und Frauen. Basel, 1993.
2) Sozialarchiv, Zürich. BUND SCHWEIZERISCHER FRAUENVEREINE, Ausstellung über Wohnfragen veranstaltet durch den Bund Schweizerischer Frauenvereine, 1. Ausstellungsprogramm vom 18. Januar 1954, S. 1, Ar. 17.10.1.

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