ETH Forum Wohnungsbau 2017

13. April 2017
Konventionelle Wohnform? Und wenn ja, für wen? Bild: jn
Nachdem in den vergangenen beiden Jahren mit «Dichte» und «gerechter Preis» sehr greifbare Themen behandelt worden waren, wagte sich das ETH Forum Wohnungsbau dieses Mal an ein philosophisches Thema.
In der Begrüssungsrede zum diesjährigen ETH Forum Wohnbau unter dem Thema «Die Qualität des Konventionellen» skizzierte Marie Glaser das zu erkundende Feld und lieferte einige Beispiele für den Wert – oder eben die Qualität – der Konvention. Diese kann als gesellschaftliche Abmachung gesehen werden. Sie verbindet und übermittelt, bestenfalls über verschiedene Alters- und Gesellschaftsgruppen hinweg. Man einigt sich auf einige Grundsätze, die allseitig akzeptiert werden können. Gerade das Verbindende jedoch kontrastiert mit den aktuellen Beobachtungen, dass sich die Gesellschaft immer weiter differenziert; sowohl beim Einzelnen als Person als auch bei der Ausdifferenzierung in zunehmend zahlreichere Millieus und Gruppen. Das Verlangen nach einem Alleinstellungsmerkmal, sei es durch Ernährung, Fortbewegungsmittel, politische Gesinnung oder sexuelle Präferenz, scheint eine der treibenden Kräfte der Gegenwart zu sein.
 
Keynote zu Gesellschaft und Gemeinschaft
Als Keynote-Redner knüpfte der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer eher an den bereits eingangs erwähnten gesellschaftlichen Phänomenen und Entwicklungen an. Den neuen, und doch schon überholten Panamakanal als Anschauungsbeispiel nehmend, holte Welzer zu einer umfassenden Kritik des Wachstums aus. Die Entwicklung der modernen Gesellschaft hat Züge und Dimensionen erreicht, die sich gegen sie selbst richten. Die meisten Innovationen sind Symptombekämpfungen, während die eigentlichen Ursachen aus dem Blick verschwinden. So mögen selbstfahrende und elektrisch betriebene Autos tolle Erfindungen sein. Allein, sie tragen in keiner Weise dazu bei, das Verkehrsproblem in den Städten zu lösen, da das Problem durch die schiere Zahl an Fahrzeugen zu Stande kommt. Ein zukunftsfähiges Konzept für die Städte wäre keine Autos. Dies würde die Möglichkeit eröffnen, über andere Gebrauchsformen der Stadt nachzudenken. Dieses Ziel verfolgt Welzer mit seinen Engagements, etwa bei der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei oder dem Projekt Flussbad Berlin, in dessen Beirat er sitzt.
 
Die Gemeinnützigkeit solcher Projekte dient als gesellschaftliches Bindemittel. Menschen müssen wissen, wovon sie ein Teil sind. Erst mit der Identifikation und dem Erkennen des Sinns der Gemeinschaft werden sie bereit sein, sich daran zu beteiligen. Damit schaffen sie sich einen Platz in der Welt und ihre eigene Heimat. «Heimat ist, wo es nicht egal ist, ob es mich gibt», war Welzers Definition dieses oft strapazierten und doch in seinem Kern wichtigen Begriffs, den es übrigens in kaum einer anderen Sprache in entsprechender Art gibt.
Mode und Architektur
Nach der gut und klug vorgetragenen Gesellschaftskritik Welzers sollte der Blick nun auf das Thema der Tagung gerichtet werden, also auf die Qualität des Konventionellen. Der Vortrag von Monika Kritzmöller vom Forschungs- und Beratungsinstituts Trends + Positionen bezog sich weitgehend auf die Mode. Deren Erneuerungszyklen sind bekanntermassen saisonal und somit wesentlich kürzer als jene des Bauens. Anhand der Geschichte der Stadt St. Gallen verwies Kritzmöller auf ähnliche Entwicklungen in Mode und Architektur, etwa den Übergang von der viktorianischen Strenge zum freiheitlichen Jugendstil, der sich modisch in weiteren, lockereren Kleidern manifestierte, architektonisch im Abschied von strengen Symmetrien. Was zunächst avantgardistisch wirkt und tatsächlich auch ist, wird mit der Zeit Eingang in den gesellschaftlichen Kanon finden, womit es konventionalisiert wird.
Dass gewisse Entwicklungen zwar breit akzeptiert sind, aber bei eingehender Betrachtung Zweifel aufkommen lassen können, wies Kritzmöller anhand zweier Grundrisse nach. Als erstes Beispiel eine Wohnung aus den 1910er-Jahren mit zentralem Korridor und vier bis fünf recht ähnlichen Räumen, die sich in Dimension und Proportion nicht einer bestimmten Nutzung aufdrängen. Je nach Lebenslage lässt sich ein Schlafzimmer in ein Büro oder ein Esszimmer umwandeln. Gleichzeitige unterschiedliche Aktivitäten sind in diesem Rahmen leicht vereinbar, etwa eine gesellige Unterhaltung in einem Raum und konzentrierte Arbeit in einem anderen.

Ein modernerer Grundriss (Baujahr 2010) etwa gleicher Grösse als zweites Beispiel bietet deutlich weniger Flexibilität. Der offene Grundriss mir der starken Gewichtung des zusammenhängenden Wohn-Ess-Kochbereichs beansprucht knapp die Hälfte der Fläche und lässt sich nicht unterteilen. Übrig bleiben zwei Räume, deren Hierarchie und Nutzung vorgegeben und unflexibel sind. Das offene Bad für das Junior-Suite-Gefühl tut sein übriges dazu, dass Reaktionen auf Veränderungen der Lebensform und deren Bedürfnisse so gut wie nicht möglich sind.
Links: Grundriss mit gleichwertigen Zimmern aus 1910, Fläche ca. 110m2, Rechts: Grundriss mit grossem Wohn-Ess-Kochbereich aus 2010, ca. 105 m2. Bild via Wohnforum ETH
Wo ist die Mittelschicht?
Mit dem Vortrag Patrik Schellenbauers von Avenir Suisse wurde ausschliesslich die Schweiz ins Visier genommen. Als Land der Mitte im Wortsinn bezeichnet, wurde die Schweiz und insbesondere der Mittelstand als bedeutende Schicht analysiert. Eine starke Beanspruchung des Mittelstandes diagnostizierte der Volkswirt in zweierlei Hinsicht: ökonomisch wie auch politisch. Letztere sei eine Frage der Definition, Statistiken und Erhebungen gebe es zu Hauf. Gemäss einer aktuellen Publikation (20 Minuten vom 13.3.17) gehören, einkommensabhängig klassiert, beinahe zwei Drittel (genau 58%) der Bevölkerung zum Mittelstand. Dieser bildet weitgehend auch das Selbstverständnis des Landes aus. Die Schweiz definiert sich gemäss Schellenbauer aus der Mitte heraus, eine soziologische Differenzierung erfolgt verstärkt durch soziale Milieus (siehe oben), die medial noch zusätzlich befördert wird.

Derweil spürt Schellenbauer eine zunehmende Unzufriedenheit trotz guter wirtschaftlicher Lage. Die Kaufkraft ist in letzter Zeit gestiegen, was der allgemeinen Wahrnehmung widerspricht. Die Wahrnehmung hat Gründe, jedoch andere als gedacht. Eine Polarisierung des Arbeitsmarktes führt zu sinkender Nachfrage mittlerer Qualifikationen, während in zunehmend höheren Lohnklassen die Löhne auch zunehmend gestiegen sind: Ein Aufstieg aus dem Mittelstand ist kaum möglich, ausserdem verhindert die hohe steuerliche Progression Aufstiegsambitionen und Arbeitsanreize, etwa für Doppelverdiener.

Währenddessen haben sich auch die Löhne der unteren Einkommensschichten im Vergleich zum Mittelstand deutlich verbessert. Das Segment des Mittelstandes erfährt also gewissermassen eine Verdichtung, und traditionellen Mittelständlern fällt eine Abgrenzung «nach unten» aus den oben genannten Gründen zunehmend schwer.

Eine bedeutende, erhaltende Rolle kommt übrigens den Frauen zu: Ihre gestiegene Erwerbsbeteiligung und die gestiegene Entlöhnung haben zur Stabilisierung des Mittelstandes beigetragen. Gewiss ist hier noch nicht eine Egalität erreicht, aber die Tendenz stimmt. Schellenbauer plädierte stark für den Abbau der Progression durch die Einführung der Individualbesteuerung. Dies könnte sich letztlich auch positiv auf die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt und umgekehrt auf ihre Entlöhnung auswirken, da der zumeist als Zweiteinkommen angesehene Lohn durch die Frauen in ehelichen Gemeinschaften erwirtschaftet wird. Im Falle der drohenden Progression ist wohl meistens der Verzicht auf die Erwerbstätigkeit der Frau die nächstliegende Lösung.
Die Vorträge Miroslav Šiks und Yung Ho Changs (China) boten zwar interessante Einblicke in Theorie und Schaffen der beiden Architekten. Einen direkten Bezug zum zugegebenermassen nicht sehr griffigen Thema der Veranstaltung mochten sie kaum schaffen. Bei aller Internationalität des Forums, die mit der Übergabe der Leitung von Dietmar Eberle an Hubert Klumpner vielleicht sogar noch verstärkt zu spüren sein wird, ist die überwiegende Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Schweizer Markt zuhause und erwartet Beiträge, die in irgendeiner Weise auch einen Bezug dazu herstellen können.
In den Nachbarländern
Mit der Referatsleiterin Stadtplanung und Bauordnung München, Elisabeth Merk, und dem französischen Architekten Dominique Perrault kam noch einmal etwas internationales Flair auf. Die Herausforderungen der Bayrischen Hauptstadt sind jenen in der Schweiz nicht unähnlich. Allerdings ist die Ausgangslage der drittgrössten Stadt Deutschlands (rund 1,5 Mio. Einwohner) etwas grösser als hierzulande: Zürich West soll 7'000 neuen Bewohnerinnen Platz bieten, der Stadtteil Freiham in München 20'000.
 
Dominique Perrault plant einen Grossteil seiner aktuellen Projekte in die Tiefe, verdichtet gewissermassen also den Boden. Er sieht unterirdische Infrastrukturen als Wurzelgeflecht für das Leben über der Erde. Der Vorplatz des Hauptbahnhofs von Neapel erfährt derzeit eine vertikale Erweiterung. Dank grosszügiger Schnitte wird Tageslicht von der Platzebene in die Tiefe der U-Bahn geführt. Bereits bei seinen früheren Arbeiten, etwa der Bibliothèque Nationale in Paris oder dem Velodrom und der Schwimmhalle in Berlin, kann die starke Verflechtung von Topografie und Architektur erfahren werden.
Vor dem Schlusswort wurde in einer kurzen Podiumsdiskussion die Kohäsionskraft von Architektur hinterfragt. Die Meinungen gingen in sehr unterschiedliche Richtungen. Als gelungenes und funktionierendes Beispiel wurde die Tate Modern in London erwähnt. Das Museum mit seinen öffentlich zugänglichen Räumen hat sich zu einem beliebten Treffpunkt der Einwohner Londons entwickelt. Es bildet damit einen der wenigen nicht-privaten Räume direkt an der Themse und schafft so einen für jedermann erlebbaren Zugang zum Fluss, der die Stadt durchquert.

Dieser positiven Auffassung widersprach Patrik Schellenbauer. Seiner Auffassung nach könnten entgegengesetzte (!) Milieus nicht durch öffentliche Räume zusammengeführt werden. Diese Geste sei überflüssig, denn: «Sie hätten ja schon vorher miteinander sprechen können».
 
Schlusswort
Gewohnt souverän und vermittelnd ergriff schliesslich Dietmar Eberle das Wort und teilte seine Erkenntnisse des Tages: Konvention ist so selbstverständlich, dass wir es nicht gewohnt sind, darüber zu sprechen. Auch ihm waren die ökonomisch-gesellschaftlichen Fragen nicht entgangen, die er in zwei Definitionen der Konvention skizzierte, die sich zugleich als Spielregeln für eine funktionierende Gesellschaft lesen lassen:

  1. Die ökonomische Verteilung soll so sein, dass das Interesse an einer Beteiligung an der Gesellschaft gegeben ist.
  2. Die Konventionen bestimmen die Grundlagen und Grenzen unserer Freiheitsgrade. 

Zuletzt richtete Eberle noch einen Appell an Planer und Architekten, den wir teilen möchten: «Die Jammerei über die Dichte langweilt! Das Problem ist die Verschwendung des Platzes. Wir sind nicht bereit, Städte zu bauen. Vergessen Sie die Siedlung und denken Sie an die Stadt.»

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