Frauen in der Architektur

 John Hill
17. September 2015
Bild: Freundliche Genehmigung der Association of Collegiate Schools of Architecture (ACSA)
Die Gleichstellung der Geschlechter in der Architektur ist ein Thema von wachsender Bedeutung. Am offenkundigsten wurde dies, als Denise Scott Brown im Jahr 2013 vergeblich einen «rückwirkenden» Pritzker Prize gefordert hatte.
Um einige Eindrücke zum gegenwärtigen Stand der Frauen im Architekturberuf zu bekommen, hat John Hill acht Mitgliedsfirmen von World-Architects befragt, deren Inhaber Frauen sind.

Die oben abgebildete Grafik zeigt deutlich die abnehmende Zahl von Frauen in höheren Positionen im Architekturbereich – eine Situation, die nicht auf die USA beschränkt ist. Das Schaubild ist Teil eines ASCA Berichts vom Oktober 2014, der fragte: «Wo sind die Frauen?». Die genannten Zahlen sind gelinde gesagt frappierend: Trotz der hohen Anzahl von Frauen an Architekturschulen (43%) finden schliesslich wenige in den Beruf (25%) oder führen gar ihr eigenes Architekturbüro (17%). Im Bezug darauf haben wir Architektinnen befragt, die in Österreich, Belgien, Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz oder den Vereinigten Staaten arbeiten und ihre Arbeiten auf world-architects.com vorstellen. Sie bestätigen die Missstände, teilen jedoch alle die Hoffnung, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, da sie und andere Frauen weiterhin qualitätsvolle Architektur schaffen. Hier die Reaktionen von Karin Bucher, Winka Dubbeldam, Christine Conix, Carol Ross Barney, Tilla Theus und anderen führenden Frauen in der Architekturszene.

Chebbi | Thomet | Bucher Architektinnen AG

Karin Bucher, Dalila Chebbi, Claudia Thomet.
Zürich, Schweiz

Partner:
Dalila Chebbi, Claudia Thomet, Karin Bucher
 (Profil-Link hier)
Gründungsjahr: 2001



W-A: Wie beurteilen Sie die heutige Stellung der Frau im Architekturbereich?

KB:
Leider besetzen Männer noch immer die Mehrzahl der Führungspositionen in der Architektur und im Baugewerbe. Das bedeutet, dass wir Frauen automatisch generell einen Sonderstatus haben.

Haben (die meisten) Frauen eine andere Herangehensweise an Design/Architektur im Vergleich zu (den meisten) Männern? Wenn ja, welche?

Frauen haben unserer Meinung nach ein anderes Gespür für Architektur als Männer. Der Unterschied fliesst in den Gestaltungsprozess ein und beeinflusst Entscheidungen, die in realen Räumen verkörpert sind.
 


Was betrachten Sie als Schlüssel zur Bewältigung der Probleme, denen sich Frauen in der Architektur gegenübersehen?

Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in Führungspositionen gibt es nicht nur in der Architektur, sondern auch in anderen Arbeitsbereichen. Der Schlüssel um dies zu ändern liegt darin, die zugrunde liegenden Bedingungen zu verändern, sodass mehr Frauen in Managementpositionen arbeiten können. Es wäre ausserdem unerlässlich, dass die Arbeit von Frauen ebenso geschätzt wird wie die der Männer.
Alterswohnungen Hirzenbach, Zürich, 2008.

HELENA WEBER Architektin ZT

Helena Weber.
Dornbirn, Österreich

Inhaber:
Helena Weber

Gründungsjahr: 2008



W-A: Wie beurteilen Sie die heutige Stellung der Frau im Architekturbereich?

HW:
Während ein Grossteil der Architekturstudenten, die in Mitteleuropa ihren Abschluss machen, weiblich ist, bleiben viele von ihnen nicht in Bereichen, die einen direkten Bezug zur Architektur als Kunst und Beruf haben. Nur ein kleiner Teil dieser Frauen arbeitet letztlich als unabhängige Architektin. Als Folge findet man nur wenige weibliche Architekten, die diese Disziplin sichtbar formen. Für dieses Phänomen mag es einige plausible Gründe geben; es ist aber eindeutig ein komplexes Problem mit gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Elementen.

Haben (die meisten) Frauen eine andere Herangehensweise an Design/Architektur im Vergleich zu (den meisten) Männern? Wenn ja, welche?

Ich halte es für äusserst wichtig, dass es bei der Gestaltung von Räumen zusätzlich zum ästhetischen Ansatz auch einen deutlichen Schwerpunkt auf Atmosphäre und Poesie gibt. Authentizität im Hinblick auf regionale Materialien, ökologische Aspekte und ein Augenmerk auf das jeweilige Umfeld sind der Schlüssel dazu. Zudem ist es von herausragender Wichtigkeit, die Bedürfnisse der Nutzer niemals ausser Acht zu lassen. Ob die unterschiedliche Intensität, mit der die jeweiligen Architekten sich auf diese Aspekte konzentriert, eine Frage der Persönlichkeit, Kultur oder des Geschlechts ist, ist nicht ganz klar. Ich tendiere dazu, den kulturellen Hintergrund als den einflussreichsten Faktor zu betrachten.
Es gibt einige stereotype Meinungen dazu, was als maskuline und was als feminine Elemente in der Architektur zu betrachten ist. Genauso wie man allgemein Stereotypen bestimmt, gibt es auch hier ein ganzes Spektrum und man findet Männer, die «femininer» sind als manche Frau (und andersherum), und das trifft auch auf die Architektur zu. Darum denke ich eher im eindeutigen Stil eines Architekten als in Kategorien, und dabei sind männliche/weibliche Elemente dieses Stils nur ein möglicher Ausschnitt. 
 


Was betrachten Sie als Schlüssel zur Bewältigung der Probleme, denen sich Frauen in der Architektur gegenübersehen?

Wenn eine junge Frau in Österreich Architektin werden möchte, gibt es hierfür keine prinzipiellen Hindernisse. Ich beobachte allerdings, dass die typischen Rollen von Mann und Frau in der Gesellschaft nicht geeignet sind, eine grosse Zahl von Frauen zur Ergreifung architekturbezogene Tätigkeiten zu ermutigen, geschweige denn Führungspositionen in Architekturbüros einzunehmen. Dieser Punkt führt zu interessanten Fragen und sollte wesentlich intensiver diskutiert werden: Wie können wir verhindern, dass uns Potential in Form von personellen Ressourcen, Kreativität und Vielfältigkeit für die Gestaltung der uns umgebenden Lebensräume entgeht?
Haus am Fels, Vorarlberg, Österreich, 2014. Bild: Adolf Bereuter.

CONIX RDBM Architects

Christine Conix mit Jorden Goossenaerts & Frederik Jacobs.
Antwerpen, Belgien
Inhaber: Christine Conix, Jorden Goossenaerts, Frederik Jacobs

Gründungsjahr: 1979



W-A: Wie beurteilen Sie die heutige Stellung der Frau im Architekturbereich?

CC:
Ich glaube, dass es heute ein gutes Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen in der Architektur gibt. Architektur wird meines Erachtens weder von Männern dominiert, noch ist es ausschliesslich eher für Männer oder für Frauen geeignet. Wenn wir etwas schaffen, sind wir alle gleich.
 


Wie würden Sie als Inhaberin eines Architekturbüros Ihre Rolle in der Gestaltung der Diskussionen über Frauen in der Architektur beschreiben?

Diese Frage wird mir oft gestellt. Es scheint mir, als hätten die Leute die voreingenommene Einstellung, dass der Architekturbereich von Männern dominiert sei. Aber das stimmt nicht, wie ich bereits sagte.
Das Thema «Männer vs. Frauen» sollte nicht unsere Sorge sein. Es geht um Leidenschaft, Talent und Vision. Ob das von einem Mann oder einer Frau kommt, ist nicht wichtig.

Haben (die meisten) Frauen eine andere Herangehensweise an Design/Architektur im Vergleich zu (den meisten) Männern?
Jeder Architekt oder jedes Architekturbüro hat seine eigenen Ansichten zur Architektur. Wir suchen nach einer einzigartigen Lösung für einen einzigartigen Ort, der Identität und dauerhafte Werte schafft.
 Unser Büro beginnt die Bearbeitung eines Auftrags immer auf der Basis von Emotionen. Dieser EQ oder Emotionale Quotient eines Gebäudes ist mir wirklich sehr wichtig und führt zu – wie ich es gern nenne – einem Mehrwert. Ich bin überzeugt, zumindest was mich angeht, dass diese Emotionen, Greifbarkeit und Raffinesse meistens von Frauen in den Architekturprozess eingebracht werden und sich zu einer durchgängigen Eigenschaft unserer Arbeit entwickelt haben. Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie sich Männer und Frauen in dieser Weise gegenseitig beeinflussen und miteinander gestalten.
 


Was betrachten Sie als Schlüssel zur Bewältigung der Probleme, denen sich Frauen in der Architektur gegenübersehen?

Bei CONIX RDBM Architects ist die Bezahlung nicht abhängig vom Geschlecht. Jeder Mitarbeiter wird auf der Basis seiner oder ihrer Fähigkeiten und Leistungen vergütet. Die Unterrepräsentation ist nicht unbedingt eine Folge einer Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. Es hat mehr mit der Verfügbarkeit und dem Wunsch /der Möglichkeit zu tun, ganztags zu arbeiten oder sogar Überstunden zu leisten. Der Beruf «Architektur» ist sehr zeitintensiv, nicht jeder – Männer wie auch Frauen – kann oder will dies leisten.
Umicore Hoboken, Antwerpen, Belgien, 2009.

Tilla Theus und Partner AG

Tilla Theus.
Zürich, Schweiz

Inhaber:
Tilla Theus
 (Profil-Link hier)
Gründungsjahr: 1969/1985



W-A: Wie beurteilen Sie die heutige Stellung der Frau im Architekturbereich?

TT:
Die Zeiten haben sich verändert. Heutzutage wird es akzeptiert, dass Frauen über technische Fähigkeiten verfügen. Um unsere Ziele allerdings zu erreichen, brauchen wir noch immer ein hohes Mass an Engagement, grosse Leidenschaft, einen starken Willen und authentische Überzeugungsfähigkeiten. Wir Frauen besitzen diese Eigenschaften ebenso wie Männer. Aber es stimmt, dass wir uns selbstbewusster und stärker präsentieren müssen. Das schafft Respekt. Unsere persönlichen Bemühungen lohnen sich, da sie einen positiven Einfluss auf die Qualität unserer Gebäude haben.



Wie würden Sie als Inhaberin eines Architekturbüros Ihre Rolle in der Gestaltung der Diskussionen über Frauen in der Architektur beschreiben?

Für eine Architektin mit eigenem Büro ist es von Vorteil, wenn sie nach ihrem Studium für einige Jahre praktische Erfahrung gesammelt hat und eine Erfolgsbilanz vorweisen kann. Dadurch erübrigen sich alle Fragen hinsichtlich ihrer Kompetenz. Ihr bester Qualifikationsnachweis sind jedoch ihre eigenen Gebäude. Diese erregen Aufmerksamkeit, wecken Erwartungen und fordern dich heraus, diese zu übertreffen. Dann kommt es auf dein Geschlecht nicht mehr an. Auch Frauen müssen sich durch ihre Arbeit beweisen.

Haben (die meisten) Frauen eine andere Herangehensweise an Design/Architektur im Vergleich zu (den meisten) Männern? Wenn ja, welche?

Männer und Frauen können sich in ihrem Ansatz sehr wohl unterscheiden. Letztlich kommt es auf das Ergebnis an. Wie im Fall Roms: viele Wege führen dorthin. Weibliche Architekten erläutern ihre Visionen zunächst im Hinblick auf die Atmosphäre, die äusseren und inneren Stimmungen, und erst danach mit Blick auf die technischen Aspekte. Bei männlichen Architekten ist das eher umgekehrt. Das ändert aber überhaupt nichts an der vorrangigen Bedeutung der Räume und ihrer Atmosphäre. Für heutige Architekten, egal ob Männer oder Frauen, gilt noch immer, was Leon Battista Alberti vor 600 Jahren sagte: Ein Gebäude mit seinen Fluren, Hallen und Räumen ist wie eine Stadt mit ihren Gassen und Plätzen. Die Stadt und das Gebäude funktionieren nicht als Ikonen, sondern dadurch, dass sie ihren Bewohnern eine Vielzahl von möglichen Erfahrungen bieten. Egal ob Mann oder Frau, man sollte immer für den Menschen und zu seinen Nutzen bauen.
 


Was betrachten Sie als Schlüssel zur Bewältigung der Probleme (gleiche Bezahlung, Unterrepräsentierung, etc.), denen sich Frauen in der Architektur gegenübersehen?

Einerseits ist der Beruf des Architekten ein Segen für familiäre Beziehungen. Es war und ist ein besonderes Vergnügen, meine Brüder und Schwestern, meine Nichten, Neffen und Patenkinder in ein fertiggestelltes Gebäude einzuladen, gemeinsam darin herumzugehen und über ihre Eindrücke zu sprechen. Das fördert wertschätzende Beziehungen.
Andererseits ist der Beruf des Architekten für Frauen mit einer eigenen Familie prinzipiell nachteilig, insoweit als es schwer ist, diesen Beruf mit weniger verfügbarer Zeit auszuüben. Architektur als Teilzeitbeschäftigung bedeutet normalerweise, dass man sich mit der Ausführung einfacherer Aufgaben zufriedengeben muss. Wenn man eine wahre und erfüllende Herausforderung sucht, muss man auch ausserhalb der gewöhnlichen Arbeitszeiten zur Verfügung stehen und in der Lage sein, auf jedes aufkommende Problem sofort zu reagieren. Kein Bauherr zeigt Verständnis, wenn man dies nicht zu leisten vermag, insbesondere angesichts des heutigen Kosten- und Zeitdrucks. Grössere Büros sind eher in der Lage, Teilzeitstellen anzubieten als kleine Firmen, d.h. die Verantwortung auf mehrere Personen zu verteilen, weil sie andere Mitarbeiter bereitstellen können, die im Bedarfsfall einspringen.
Aus den hier aufgezeigten Gründen gibt es im Architekturbereich weniger Frauen als Männer in Führungspositionen. Das hat strukturelle Gründe, die nicht leicht zu beheben sind. Meiner Meinung nach sollte die gleiche Bezahlung für Männer und Frauen, die die gleiche Arbeit leisten, eine Selbstverständlichkeit sein.
Gipfelrestaurant Weisshorn, Arosa, 2012.

Bekkering Adams Architecten

Monica Adams und Juliette Bekkering.
Rotterdam, Niederlande

Partner:
Juliette Bekkering, Monica Adams

Gründungsjahr: 1997 von Juliette Bekkering, zusammen mit Monica Adams im Jahr 2005



W-A: Wie beurteilen Sie die heutige Stellung der Frau im Architekturbereich?

B-A:
Unserer Ansicht nach sind Frauen noch immer viel zu unsichtbar in der Architekturwelt. Obwohl die Zahl der Frauen in allen Bereichen (Bauherrschaften/Projektleitung/Architekturbüro) langsam ansteigt, ist Architektur noch immer überwiegend eine Männerdomäne, wie auch das Baugewerbe insgesamt. Im akademischen Bereich ist die Zahl der Studentinnen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich auf etwa 40-50% angestiegen, aber die Zahl der aktiv im Architekturbereich arbeitenden Frauen fällt rapide nach dem Studienabschluss. Im Lehrbereich sinkt der Anteil bis auf circa 20%. Weibliche Professoren sind sogar noch seltener. Die gleiche Tendenz beobachtet man in Architekturbüros. Der Anteil der Architektinnen in Führungspositionen in Architekturbüros ist niedriger als man angesichts der Vielzahl der weiblichen Architekten, die ihr Universitätsstudium abschliessen, erwarten würde. Betrachtet man die Zahl der Frauen, die ihr eigenes Büro leiten, wird die Situation noch extremer. Schaut man sich grafische Darstellungen der Ist-Zahlen an, wie zum Beispiel diese hier (More men named John run big companies then all women), erscheinen diese wie ein guter Witz, sind aber leider in 2015 noch immer Realität.



Wie würden Sie als Inhaberin eines Architekturbüros Ihre Rolle in der Gestaltung der Diskussionen über Frauen in der Architektur beschreiben?

Wir denken, dass es unsere Aufgabe ist, ein Vorbild für andere Frauen zu sein, für junge Studentinnen, Berufsanfängerinnen und Kolleginnen. Wir müssen ihnen zeigen, dass die Architekturwelt und das Baugewerbe insgesamt nicht nur von Männern geleitet werden. Aus diesem Grund wollen wir bei unseren Mitarbeitern ein gutes Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen beizubehalten. Dies war auch einer der Gründe für Juliette Bekkering, ordentliche Professorin für Architekturgestaltung und Ingenieurwesen in Eindhoven zu werden. Als Büro haben wir zu diesem Thema kein Manifest, aber wir finden es wichtig, jungen Frauen zu zeigen, dass selbstverständlich auch sie in der Architektur erfolgreich sein können. Nur indem wir uns und unsere Arbeit sichtbar präsentieren, zeigen wir, dass es möglich ist. Es ist ebenso wichtig, für seine eigene Meinung und Ideen zur Architektur einzutreten. Männer und Frauen müssen gleichermassen dafür kämpfen, ernst genommen zu werden. Die Architektur ist kein einfacher Beruf, man bekommt nichts geschenkt. Andererseits ist es in der Architektur unbedingt erforderlich zu agieren und selbstbewusst zu sein, um zu beweisen, dass man sich in Diskussionen behaupten kann und in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen – dass man kämpfen kann und zu seinen ursprünglichen Ideen und Vorstellungen steht.

Haben (die meisten) Frauen eine andere Herangehensweise an Design/Architektur im Vergleich zu (den meisten) Männern? Wenn ja, welche?

Wir finden nicht, dass es zwischen Architekten und Architektinnen eine andere Herangehensweise an Architekturgestaltung als solche gibt. Wir sehen jedoch unterschiedliche Ansätze bei den Architekten als Person. Vielleicht könnte man sagen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Männern und Frauen bezüglich der Herangehensweise an den Designprozess. Hier geht es nicht so sehr um den Architekturstil, sondern um die Art, wie der Prozess geleitet und wie Kommunikation eingesetzt wird, um ein komplexeres und «reicheres» Endergebnis zu erkennen. Wir glauben, dass der weibliche Ansatz umfassender ist: er erlaubt die Berücksichtigung von mehr abweichenden Meinungen und Elementen bevor man zu einer abschliessenden Entscheidung gelangt. Der männliche Ansatz ist zielgerichteter, ausschliesslicher. Das heisst nun allerdings nicht, dass eine Frau nicht auch einen eher männlichen Ansatz verfolgen kann, und ein Mann einen eher weiblichen. Im Idealfall, so unsere Meinung, sollte jeder in der Lage sein, beide Herangehensweisen zu nutzen, je nachdem, was für den jeweiligen Anlass benötigt wird.



Was betrachten Sie als Schlüssel zur Bewältigung der Probleme (gleiche Bezahlung, Unterrepräsentierung, etc.), denen sich Frauen in der Architektur gegenübersehen?

Sobald mehr Frauen an der Spitze arbeiten, werden sich Fragen zu Ungleichheit und Unterrepräsentation usw. verändern. Die Auflösung alter Seilschaften, die Schaffung von mehr Gleichheit ist der einzige Weg, solche Themen hin zu einer gerechter aufgeteilten Welt zu verändern. Unserer Meinung nach sollten Frauen mehr stolz sein auf das, was sie erreicht haben. Frauen neigen dazu, zu bescheiden zu sein; im Allgemeinen gehen Männer offener mit ihren Errungenschaften um. In der New Economy sehen wir Chancen für Frauen: Es ist zunehmend wichtiger, gemeinsam in Teams zu arbeiten, Wissen und Sachverstand zu teilen. Das können Frauen hervorragend. Wir sollten unsere Fähigkeit, Menschen zu verbinden und unser Kommunikationstalent vermarkten und zur Schaffung komplexerer Netzwerke nutzen und nicht nur auf die Verbindungen alter Seilschaften zurückgreifen. Wir streben einer Bauindustrie an, die hinsichtlich des Geschlechts aller Beteiligen gleichwertiger ist – je weniger es um das Geschlecht geht, desto mehr rücken Inhalt, Sachverstand und Wissen in den Vordergrund. Um zu einer bereits gestellten Frage zurückzukommen: das ist unser Beweggrund, unsere Vorbildfunktion als Architektinnen ernst zu nehmen.
Öffentlicher Spielplatz, Rotterdam. Bild: DigiDaan.

Archi-Tectonics

Winka Dubbeldam.
New York, NY, USA

Inhaber:
Winka Dubbeldam

Gründungsjahr: 1994



W-A: Wie beurteilen Sie die heutige Stellung der Frau im Architekturbereich?

WD:
Es gibt nicht genügend praktizierende Frauen, die ihr eigenes Unternehmen leiten, aber es gibt grossartige Architektinnen, die ein Büro zusammen mit einem Partner führen, und wir haben sicherlich grossartige Frauen im akademischen Bereich. Der eigentliche Kampf geht um gleiche Rechte und Möglichkeiten.



Wie würden Sie als Inhaberin eines Architekturbüros Ihre Rolle in der Gestaltung der Diskussionen über Frauen in der Architektur beschreiben?

Ich arbeite daran als Vorsitzende des Fachbereichs Architektur an der University of Pennsylvania, und ich stelle gleichermassen Frauen und Männer in meinem Büro in NYC ein. Zudem coache ich einige Frauen im Verlauf ihrer Karriere.

Haben (die meisten) Frauen eine andere Herangehensweise an Design/Architektur im Vergleich zu (den meisten) Männern? Wenn ja, welche?

Nicht dass ich wüsste!
 


Was betrachten Sie als Schlüssel zur Bewältigung der Probleme (gleiche Bezahlung, Unterrepräsentierung, etc.), denen sich Frauen in der Architektur gegenübersehen?
Dafür können wir als akademische Führungspersonen kämpfen. Einstweilen müssen Frauen wirklich für sich selbst eintreten!
Vestry Building, New York, 2014.

Philipp Architekten

Anna-Theres Marie Philipp
Untermünkheim, Deutschland

Inhaber:
Anna-Theres Marie Philipp

Gründungsjahr: 1987



W-A: Wie beurteilen Sie die heutige Stellung der Frau im Architekturbereich?

AP:
Zu meiner Studentenzeit war die Geschlechterverteilung ziemlich ausgeglichen. Heutzutage überrascht mich, dass nur einige meiner Kommilitoninnen diesen Beruf ausüben oder sogar ihr eigenes Büro leiten. Vielleicht liegt es an fehlendem Mut zur Selbständigkeit, oder die Gründung einer Familie ist wichtiger. Ich glaube, dass die meisten Architektinnen in der zweiten Reihe arbeiten.
 


Wie würden Sie als Inhaber eines Architekturbüros Ihre Rolle in der Gestaltung der Diskussionen über Frauen in der Architektur beschreiben?

Ich bin in einer Architektenfamilie aufgewachsen und konnte mein erstes Haus bereits im ersten Studiensemester bauen. Ich hatte die Möglichkeit, meine Architektursprache im Architekturbüro meines Vaters einzubringen, lange bevor ich dort vor zehn Jahren Geschäftsführerin wurde. In diesem Beruf als Frau zu agieren war niemals ein Thema. Was zählte, waren die Leidenschaft und der Wunsch, Verantwortung zu übernehmen. Und natürlich meine Leistung. Diese Haltung vertrete ich auch meinen Studenten gegenüber. Als Hochschuldozentin unterstütze ich sowohl männliche wie weibliche Studenten darin, diese Berufswahl selbstbewusst und mit Entschlossenheit zu verfolgen. Es geht darum, dass jemand gut ist in dem was er tut und nicht darum, welches Geschlecht er oder sie hat.

Haben (die meisten) Frauen eine andere Herangehensweise an Design/Architektur im Vergleich zu (den meisten) Männern? Wenn ja, welche?

Meine Leidenschaft sind ausgefallene und exklusive Häuser und Villen. Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt des Designs. Darum verstehe ich Architektur als eine zweite Haut, die massgeschneidert werden muss. Meine Herangehensweise an Design ist normerweise sehr intuitiv. Hin und wieder träume ich sogar von Ideen für die Häuser meiner Bauherren. Im Gegensatz dazu gehen Männer diese Aufgabe oft von der technischen Seite an. Sie befassen sich mehr mit der Konstruktion und Statik. Und als Frau betrachte ich ein Haus nicht nur aus einer ästhetischen Perspektive, sondern auch aus einer alltags- und familienorientierten Sicht.
Haus von Stein, Frankfurt, 2012.

Ross Barney Architects

Ross Barney Architects
Chicago, IL, USA

Geschäftsführer: Carol Ross Barney, Laura Saviano, Eric Martin, Roxanne Henry

Gründungsjahr: 1981



W-A: Wie beurteilen Sie die heutige Stellung der Frau im Architekturbereich?

CRB:
Der heutige Status der Frauen in der Architekturwelt ist besser als er war. Aber es liegt noch ein langer Weg vor uns. Obwohl Männer und Frauen seit Jahrzehnten in ausgewogener Zahl Architekturschulen besuchen, muss man sich doch wundern, wo diese Frauen abgeblieben sind, wenn man Internetseiten oder Publikationen über Architektur betrachtet oder Mitteilungen über Führungspersonen in diesem Bereich liest.
 


Wie würden Sie als Inhaber eines Architekturbüros Ihre Rolle in der Gestaltung der Diskussionen über Frauen in der Architektur beschreiben?

Offensichtlich habe ich viele Gründe, mich in die Diskussionen persönlich einzubringen. Mein beruflicher Werdegang fand in einer Zeit statt, die erhebliche Veränderungen für Frauen in der Architektur gebracht hat. Zum Beispiel verzeichnete meine Abschlussklasse 3 Frauen von 100 Absolventen, wohingegen heutige Klassen drastisch anders aussehen.
Obwohl ich sehr stark in der Interessenvertretung von Architektinnen engagiert bin seit ich diesen Beruf ergriffen habe, denke ich, dass es an der Zeit ist, die Diskussion wegzulenken von der Erlangung von Akzeptanz weiblicher Fachkräfte durch das Aufzeigen ihrer Kompetenz  … in den meisten Fällen sogar Super-Kompetenz. Wir müssen uns sowohl auf den Bauherren als auch auf Unternehmenskulturen konzentrieren, die Frauen offensichtlich nicht einschliessen. Bislang haben wir es stets zur Aufgabe der Frauen gemacht, den Beweis zu führen, dass sie «so gut wie ein Mann» sind, wo doch eigentlich die Männer, und ironischerweise oft Frauen, das Problem sind, die keine weiblichen Kollegen oder Berater haben.

Haben (die meisten) Frauen eine andere Herangehensweise an Design/Architektur im Vergleich zu (den meisten) Männern? Wenn ja, welche?

Seit vielen Jahren unterrichte ich Architektur an der IIT (Illinois Institute of Technology) und ich beobachte keinen angeborenen Unterschied in der Arbeit der Studenten im Studio. Ich vermute, dass das Verkaufen oder Zusammenarbeiten an einem Entwurf in der echten Welt einen anderen Ansatz von Frauen als von Männern erfordert und dass dies als eine andere Herangehensweise an Architektur gesehen wird.
UMD James I Swenson Civil Engineering Building, Duluth, MN, USA, 2010.

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