Hallo, hier spricht die Zukunft

Susanna Koeberle
7. September 2017
Die «Electric Animal Plant» im alten botanischen Garten. Bild: Susanna Koeberle

Zum ersten Mal findet in Zürich die Design Biennale statt. Ein Augenschein vor Ort.

Und nun tut es auch Zürich: eine Design Biennale veranstalten. Braucht dies Zürich? Braucht dies die Disziplin Design? Für die mässige Grösse dieser Stadt (Zürich sieht sich zwar gerne als Zentrum der Welt) ist das kulturelle Angebot nämlich mehr als dicht, um nicht zu sagen saturiert (nicht, dass dies eine schlechte Nachricht wäre). Dennoch hielten die beiden Produktdesigner Gabriela Chicherio und Andreas Saxer eine solche Veranstaltung für notwendig. Fast drei Jahre arbeiteten sie daran und dachten schon ans Aufgeben. Doch ihre Netzwerke verdichteten sich, es entstanden spannende Partnerschaften (darunter befinden sich viele Institutionen wie Hochschulen) und sie holten neue Leute an Bord. Mit dabei sind nun auch die Kuratorin Fabienne Barras sowie die Kommunikationswissenschaftlerin Ladina Hurst. Ende letztes Jahr beschlossen sie: Let’s do it!

Gemeinsam erarbeitete das Team ein Konzept, das sich ganz bewusst von kommerziell orientierten Designevents abgrenzt, bei denen die Besucher nur Endprodukte zu sehen bekommen. Das Thema Design wollten sie von einer anderen Seite aufrollen. Es sollte um das Sichtbarmachen von Prozessen gehen, um Design als Denkdisziplin und um das Aufzeigen der Leistung der Designer. Allzu oft wird Design nämlich in eine Lifestyleschublade gesteckt, womit automatisch der Designer und seine Arbeit in den Hintergrund rücken, ausser es geht um die Megastars der Szene. Das Programm, das die Designspezialisten auf die Beine gestellt haben, lässt sich sehen. 18 Projekte an sechs Örtlichkeiten, die man zu Fuss oder mit Bus und Tram auf einer Route erkunden kann, präsentieren sich während vier Tagen unter dem Titel «Hello Future» einem designinteressierten Publikum. Eine Designkonferenz am Freitag soll einen vertieften Einblick in die aktuelle Design-Forschung geben.
 

In der SBB-Halle. Fabio Hendry von Studio Ilio präsentiert seine «Hot Wire Extensions». Bild: Susanna Koeberle

Wie sieht das aber konkret aus? Schaffen es die von den Kuratoren ausgewählten Projekte, uns Designprozesse näher zu bringen, unsere Wahrnehmung dafür zu schärfen? Die überschaubare Grösse (im Vergleich zu den meisten Messen und Designweeks, die wir besuchten) sowie der unterschiedliche Charakter der sechs Standorte sind als Pluspunkt zu werten. Das erlaubt eine nähere Auseinandersetzung mit den einzelnen Präsentationen. Ein zentraler und positiver Punkt dabei ist, dass jeweils Leute vor Ort sind, welche die Objekte erklären. Vieles würde sich nämlich nicht einfach so erschliessen, obwohl die Organisatoren darauf geachtet haben, dass die einzelnen Positionen auf gut sichtbaren Tafeln erläutert werden. Dazu gehört auch ein Statement der Kuratoren, warum sie genau dieses Projekt dabeihaben wollten. Wie etwa die Objekte des Designers Fabio Hendry von Studio Ilio. Andreas Saxer erklärt, dass ihn daran das experimentelle Erforschen von Materialien sowie der mutige Umgang mit neuen Herstellungstechniken interessiert habe. Handwerk und Industrie würden sich hier aufs Beste ergänzen. Hendry zeigt in der Werkstadt Zürich, einer leeren Lagerhalle der SBB, zwei Arbeiten. Für «Hot Wire Extensions» arbeitet er mit Abfallprodukten aus 3D-Druckern, die mit Sand gemischt werden. Mittels eines ausgeklügelten Prozederes, das eher wie Alchemie als wie Design wirkt, entstehen Designstücke (wie Hocker oder Leuchten), die man tatsächlich brauchen kann.

Wiederverwertete Haare, ebenfalls von Fabio Hendry. Bild: Susanna Koeberle

Auch sein Projekt der Wiederverwertung von Haaren fasziniert sowohl durch die Verarbeitung wie auch durch das Resultat. Man könnte sich vorstellen, dass man solche neue Recycling-Methoden weiterentwickeln könnte, auch wenn die Stücke eher als Gedankenspielerei und Experiment daherkommen; das macht aber in diesem Kontext gezeigt genau ihren Reiz aus. Dass neuartige Technologien durchaus ihre Anwendung haben können, zeigt die Arbeit von Léa Pereyre, die für Verity Studios Kostüme für Drohnen entwickelt. Das klingt voll abgefahren, aber ihre Flugwesen kommen etwa in Aufführungen des «Cirque du Soleil» zum Einsatz.

Dame mit Drohne, Léa Pereyre für Verity Studios. Bild: Susanna Koeberle

Ein wesensverwandtes Projekt können Besucher in einer weiteren Location der Design Biennale entdecken. Im Palmenhaus des Alten Botanischen Gartens begegnet man einem hybriden fliegenden Wesen, das sich elegant zu Klängen bewegt. Das durch programmierte Algorithmen gesteuerte Teil erscheint fast als Lebewesen. Die «Electric Animal Plant» bezaubert in diesem Setting durchaus, löst aber zugleich ambivalente Gefühle aus. Doch das könnte der Ausgangspunkt sein, über solche Phänomene nachzudenken, sich ihnen zu öffnen und sie kritisch zu hinterfragen. Das funktioniert manchmal besser, wenn sich Technologie hinter uns vertrauten Erscheinungen versteckt, auch wenn das natürlich auch seine Tücken hat. Aber eben, Menschen funktionieren nun mal über Assoziationen.
 

Vielen Präsentationen ist gemeinsam, dass sie auf verschiedenen Ebenen gelesen werden können. Man kann sich ihnen als staunendes Kind nähern wie auch als nachfragende interessierte Bürgerin. Bestens ist dies in der Installation von François Chalet von der Hochschule Luzern «Silk Memory Garden» zu erfahren. Das interaktive Projekt kombiniert das Kennenlernen des riesigen Online-Stoffarchivs «Silk Memory» mit einem Spiel, bei dem man Stoffbahnen selber animieren kann. Das ist sehr unterhaltsam!

Die Besucher werden auch an ganz ungewöhnliche Orte gelotst. In einem Kellergewölbe im Botanischen Garten werden wir mit Taschenlampen ausgerüstet und ergründen Höhlenforschern gleich Designobjekte, die aus der Zukunft stammen. Fakten und Fiktionen mischen sich hier. Das soll zum Sinnieren anregen und macht bestimmt auch jüngeren Besuchern Spass. Und könnte diese auch dazu ermutigen, selbst mal den Beruf des Designers zu erlernen. Denn das zeigt diese Veranstaltung sehr schön: Dass Designer auch Forscher sind und nicht nur Meisterbehübscher unserer Wohnlandschaften. Insofern weist diese erste Ausgabe in eine gute Richtung. Es gelingt den unterschiedlichen Positionen (von denen wir hier nur einen kleinen Teil erwähnt haben), neue Aspekte von Design zu vermitteln, welche die Rolle von Gestaltung für die Zukunft anschaulich machen.

www.designbiennalezurich.ch

«Inspired by Textile Patterns», ein Projekt von der Hochschule Luzern. Bild: Susanna Koeberle

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