Halt und Stütze

Manuel Pestalozzi
26. September 2019
Der Platzbedarf der Hand am Lauf bedingt an der Verbindung zwischen der Wohlleb- und Rollengasse in Zürich einen «Eingriff» in die Architektur im wortwörtlichen Sinn. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Handläufe sind allgegenwärtige Teile der Stadtmöblierung. Bisweilen schenken wir ihnen wenig Beachtung. Doch sie markieren eine Zuständigkeitsgrenze, und oft stören sie die Architektur. Zeit also, genauer hinzusehen. Wir sind zur Erkundungstour durch Zürich aufgebrochen.

«Handlauf» ist eines dieser Wörter, für die man die deutsche Sprache lieben muss. Denn «Lauf» deutet eine lineare Bewegung an – etwas, das die Hand jenseits des Zentimeterbereichs nicht selbst vollführen, sondern nur begleiten kann. Es sei denn, man lässt spasseshalber die Finger über den Lauf trippeln. Aber dazu sind Handläufe ja nicht da. Sie sollen gepackt und fest umschlossen werden, einen Körperkontakt mit der Wegstrecke zulassen, das Vorwärtskommen erleichtern und unterstützen. Handläufe sind in diesem Sinne Haptik pur. Man sollte sie deshalb bei einer Würdigung nicht vermischen mit Geländern oder Absturzsicherungen, sondern auf die tatsächliche Berührung fokussieren.

Als Stadtmobiliar sind Handläufe problematisch. Denn eigentlich sind sie Teile des Verkehrssystems und des Wegprofils wie Bordsteine oder Leitspuren für Sehbehinderte. Sie dienen einem bestimmen praktischen Zweck und gehören eher zur Infrastruktur denn zum Dekor. Wäre die Stadt ein Badezimmer, würde man sie wohl als Accessoires bezeichnen: nicht dringend notwendig zwar, aber unter Umständen nützlich; und in ästhetischer Hinsicht oft lästig. Da Handläufe meistens in ansteigendem Terrain zum Einsatz kommen und die Konturen der Erdoberfläche in etwa einem Meter Höhe nachzeichnen, bringen sie diagonale Linien ein, die Fassaden oder Einfriedungen stören. In Zürich kann man davon vielerorts ein Liedchen singen. Doch das muss nicht sein. Dieser Beitrag präsentiert eine bunte Auswahl von Beispiele aus der Limmatstadt und schliesst mit gelungen Objekten.

Beim Aufgang von der Fortunagasse zum Lindenhof bietet der Handlauf einen «Einstieg». (Foto: Manuel Pestalozzi)
Traditionell «fassadenintegriert»

Zürich ist eine hüglige Stadt. Entsprechend gross ist der Bedarf an Handläufen im öffentlichen Raum. Abschüssige Strassen, Wege und insbesondere die sogenannten Steige, wo Treppen und Rampen nebeneinander den Hang frontal angehen, fordern unseren Gleichgewichtssinn heraus. Im Winter drohen sie sich durch Eis und Schnee in Rutschbahnen zu verwandeln, und aus Menschen werden Klammeraffen. Bereits in Zürichs Altstadt findet man deshalb zahlreiche Handläufe. In der Regel handelt es sich bei ihnen um Eisenstäbe, die an den Fassaden montiert sind. Rosetten an den Befestigungspunkten sind teilweise dekorative Zugaben, Krümmungen an den Anfangs- und Endpunkten lassen sich lesen als mehr oder weniger kunstvolle «Einladungen», zuzugreifen oder zumindest dem Lauf zu folgen.

Diese «fassadenintegrierten» Handläufe müssen den Umrissen der jeweiligen Bauvolumen folgen. Auf Vor- und Rücksprünge reagieren sie mit seitlichem Versatz. Stets muss darauf geachtet werden, dass zwischen Lauf und Fassade genügen Raum für die Hand bleibt. Dieser «Zielkonflikt» macht deutlich, dass Baukörper, die direkt an den öffentlichen Raum grenzen, auf Bewegungsströme eingehen und sich ihnen anpassen sollten.

Handläufe sind beliebte Träger für offizielle wie inoffizielle Botschaften. Diese geben dem städtischen «Accessoire» eine Bedeutung über seinen ursprünglichen Zweck hinaus. (Fotos: Manuel Pestalozzi)
Freistehend

Verlassen wir die Dichte der Altstadt, stossen wir auf autonome Handläufe, die mit eigenen Pfosten versehen sind. Die Distanz zwischen Hauswänden und Wegen ist grösser, die Abgrenzung zwischen privatem und öffentlichem Raum vielschichtiger. Zudem kommt das Gesetz ins Spiel: So ist beispielsweise in Zürich an Treppen, die breiter als fünf Meter sind, ein zusätzlicher Handlauf mittig anzubringen. Einerseits folgen die freistehenden Handläufe somit den Konturen des Wegrands, andererseits stehen sie mitten im Weg.

Abfolge von PVC-Handläufen an der Schmelzbergstrasse (Foto: Manuel Pestalozzi)

Hinsichtlich der Wegrand-Variante gibt es Zürcher Standard-Handläufe, die unterdessen Teil des kollektiven Gedächtnisses sind. Besonders weit verbreitet ist die Version aus Flachstahl mit Steg und hellgrauer PVC-Ummantelung. Sie folgen zahlreichen Wegen, Treppen und Steigen. Die Ummantelung lässt sich erneuern, das PVC wird verschweisst und kann über erstaunlich lange Strecken fugenlos geführt werden. Leider bleiben an dem Material viele Staub- und andere Schmutzpartikel haften. Das lässt es schnell schmuddelig erscheinen. Die Enden dieses Handlauf-Modells sind abgeknickt, der Steg erscheint mit einer eingefrästen Sinuskurve als Abstrahierung einer dargebotenen Hand. Eine etwas weniger verbreitere Lösung ist ein schwarzes PVC-Rundprofil, das bei modernen, wandintegrierten Varianten vorkommt. PVC reflektiert das Licht ausgeprägt. So sind die Handläufe auch optisch als «Leitlinien» wahrnehmbar.

Die Nähe der Vegetation kann PVC geradezu poetische Qualitäten verleihen. (Foto: Manuel Pestalozzi)
Materialfragen

PVC gilt – abgesehen von der erwähnten Schmutzanfälligkeit – als nicht besonders sexy, und bei kritischer ökologischer Betrachtung kommt das Material auch nicht besonders gut weg. Allerdings werden die bestehenden Modelle dieses Typs mit frischen Ummantelungen nachgerüstet. Ansonsten geht man zu Materialien über, die einen besseren Ruf haben und als edler gelten. So steht in der «Weiterentwicklung Elementenkatalog» des städtischen Tiefbauamtes: «Bei häufig angefassten Elementen oder Bauteilen, wie Handläufen oder Benutzeroberflächen, ist parallel geschliffener Chromstahl (matt) anzuwenden.» Beim neuen, gewendelten Treppenaufgang vom Maagplatz zur Busstation auf der Hardbrücke wurde sogar ein Handlauf aus Holz eingebaut.

Handlauf ungleich Absturzsicherung – eine Variante mit Stangen aus Chromstahl zwischen dem Gebäude Nord des Kantonsspitals und der Spöndlistrasse (Foto: Manuel Pestalozzi)
Wo überhaupt?

Der Einsatz von Handläufen in Zürichs Stadtraum wirkt ziemlich willkürlich. An manchen Orten gibt es sie, an anderen nicht. Ein System ist dabei nicht zu erkennen. So hat in meinem Wohnquartier der Huttensteig keinen, bei der Haldenbachstrasse steht bloss ein kurzer, in der Kreuzung mit der Huttenstrasse, am Irringersteig fehlt er ganz, bei der Schmelzergstrasse wiederum ist er teilweise durchgehend. Alle diese Strecken liegen mehr oder weniger parallel, haben ähnliche Steigungswinkel, erfreuen sich reger Nutzung und scheinen in ihrer Wichtigkeit gleichwertig. Offensichtlich scheint, dass Ästhetik zweitrangig ist. Es geht um Sicherheit, aber fast immer überlassen diese Handläufe an ihren Enden die Nutzer*innen dem potenziell rutschigen Nichts. 

Ein Hand- ist kein Gesässlauf. Damit das allerseits verstanden wird, sind bestimmte Modelle – wie hier Abgang vom Gebäude Nord des Kantonsspitals zur Spöndlistrasse – mit Knöpfen versehen. (Foto: Manuel Pestalozzi)
Gibt es den «guten Handlauf»?

Zugegeben: Obwohl sie sehr präsent sind, werden viele Architekt*innen nur ungern viel Zeit auf die Gestaltung von Handläufe verwenden. Das belegt exemplarisch die Freitreppe zum Guggenheim-Museum von Bilbao (1997). Sie wird begleitet von einer zittrigen, gewundenen Chromstahl-Linie, die auf dürren Beinchen der exuberanten Fassade folgt – wohl kein Detail, das Frank O. Gehry persönlich entworfen oder angeordnet haben dürfte. Dennoch gibt es Beispiele von überlegten, gelungenen Handläufen, welche die Architektur ergänzen, statt sie zu stören. Die beiden abschliessenden Bildfolgen sollen dies verdeutlichen und zeigen einige Beispiele.

Ein interessantes Beispiel einer guten Handlauflösung beim Aufgang auf die Promenade in der Kantonalen Verwaltung an der Walchestrasse, die sich um vorgeschriebene Absturzhöhen foutiert. (Fotos: Manuel Pestalozzi)
Einige Handläufe in Zürich lassen sich bestimmten Architekt*innen zuordnen. Man urteile über die Nutzer*innenfreundlichkeit der einzelnen Modelle. (Fotos: Manuel Pestalozzi)

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