Hoteltrends auf der Spur

John Hill
1. Dezember 2016
Der Salon des Marktgasse Hotels. Bild: Studio Roth&Maerchy

John Hill hat den Innenarchitekten Karsten Schmidt im Zürcher Marktgasse Hotel* getroffen und mit ihm über die neusten Trends im Hotel-Design gesprochen.

Welche Erfahrung in Sachen Gastronomie und Hotellerie und bei der Arbeit mit historischen Gebäuden bringen Sie mit?
Vor zwanzig Jahren habe ich mein Architekturbüro IDA14 gegründet, und seither arbeite ich leidenschaftlich an Projekten in der Gastronomie und Hotellerie. In dieser Zeit habe ich die Innenarchitektur von mehr als 15 Hotels gestaltet, manche davon waren traditionelle Betriebe in historischen Gebäuden. Die Herausforderung bei historischen Gebäuden ist, die richtige Balance zwischen moderner Ästhetik, warmen Lebensräumen und der Geschichte des Gebäudes zu finden. Das Marktgasse Hotel zeigt, wie historische, ja sogar denkmalgeschützte Details mit zeitlosem, eklektischem Design und modernen technischen Features kombiniert werden können.

Lobby des Marktgasse Hotels. Bild: Studio Roth&Maerchy

Von 2010 bis 2013 war ich Leiter Interior Design für Swissôtel Hotels & Resorts, dafür reiste ich um die ganze Welt: von Chicago nach China, von Kairo nach Kuwait – 200’000 Meilen pro Jahr. Es war eine grossartige Erfahrung, die mich gelehrt hat, wie eine Marke funktioniert in ihrer Struktur, von ihren Bedürfnissen her etc.

Innenarchitektur ist dabei kein Zufallsprodukt und weit mehr als hübsche Möbel, Beleuchtung und Dekoration. Sie muss eine Geschichte erzählen, die Essenz einer Marke und gleichzeitig die Tradition und den Charakter eines Hotels widerspiegeln. Und natürlich muss sie funktionieren, sowohl für die Gäste als auch für die Angestellten und das Management eines Hotels.
 

Das Restaurant Baltho im Marktgasse Hotel. Bild: Studio Roth&Maerchy
Die Baltho Bar. Bild: Studio Roth&Maerchy

War die Strategie hier beim Hotel Marktgasse eine ähnliche wie bei Swissôtel, also die die Kombination der Marke mit etwas Lokalem?
Bei Swissôtel war es logisch, die «Swissness» zu betonen und zu benutzen. Ein durchaus positiv besetzter Begriff. Trotzdem sollte der lokale Aspekt, egal, wo man sich befindet, nicht vernachlässigt werden. Die Hotels auf der Welt hatten individueller zu werden. Man fragte sich, «wo befinden wir uns gerade?», anstatt einen Plan mit einem international gültigen Business-Hotel auszurollen. Immer mehr Hotels verstehen es heutzutage, dass die Gäste einzigartige Hotels suchen. Deshalb haben grosse Hotel-Ketten Boutique- und Life-Style-Hotels in ihrem Portfolio, die sich von der Masse abheben – durch ihr Design und die Innenarchitektur. Der lokale Faktor rückt dabei mehr und mehr ins Zentrum.
 

Die Bibliothek im Marktgasse Hotel. Bild: Studio Roth&Maerchy

Woher kommt es, dass Reisende heute ein Hotel suchen, das ihnen Erfahrungen und Authentizität bieten kann?
Bei einem Gebäude wie dem Marktgasse Hotel braucht es dafür gar nicht viel. Es wäre ein Risiko, so etwas zu zerstören. Bei einem neuen Gebäude ist es schwieriger, etwas Einzigartiges zu kreieren. In der Hotellerie stellen sich viele Fragen: Woher kommen die Gäste? Um welche Hotelkette handelt es sich? Wo befindet sich das Gebäude? Woher kommt das Essen? Ein Hotel ist ein sehr komplexes System. Um einzigartig zu sein, bedarf es der Beachtung jedes Details und seiner speziellen Hervorhebung: das Essen, die Zimmer, oder das Wasser aus dem Hahn (siehe Foto unten) – es sind die kleinen Dinge, an denen man merkt, ob sich jemand Mühe gegeben hat. Sind die Details individuell, fühlt man sich individuell behandelt. Das macht ein Hotel unvergesslich. Wahrscheinlich erinnert man sich an die letzten fünf Hotels, in denen man war. Bei drei davon hatte man vielleicht das Gefühl, dass es speziell war, und die anderen vergisst man.

Trinkbrunnen im Gang des Marktgasse Hotels. Bild: Studio Roth&Maerchy

Das ist wohl wahr, die meisten Hotels sind in etwa dasselbe. Sind Hotelketten vergleichbar mit Fastfood-Ketten, die man besucht, weil man weiss, was man erhält?
Ja, sie bieten Komfort in ihrer Gleichheit, aber das ist gar nicht mehr so gefragt. Man will heute etwas Neues, Authentisches. Etwas, dass man früher eher bei Resorts kannte. Authentizität ist für mich etwas sehr Wichtiges. Doch man muss vorsichtig sein, will man authentische Dinge kreieren. Das erfordert Aufmerksamkeit bei den Materialien, den Menschen, den Gerüchen, und so weiter. Egal ob es sich um ein Resort, ein Geschäftshotel oder was auch immer handelt, es ist ein sehr wichtiger Trend in der Hotellerie. Ein Mentalitätswandel hat stattgefunden, der einhergeht mit der Kollaboration von Hotelketten und grossen Design-Firmen. Gute, neue Hotel-Firmen wie das 25hours verstehen, dass die Menschen weniger Repräsentation und mehr Kommunikation wollen. Sie wollen keinen Hotelblock in der Stadt, den man betritt und sich dann in der Hotelwelt befindet aber nicht richtig in der Stadt angekommen ist. Heutige Reisende wollen eine Stadt erleben, was bedeutet, dass man eine belebte Lobby braucht, eine belebte Bar, wo man Einheimische antrifft. Ich war im Ace Hotel in Los Angeles, ein Hot Spot!

Badezimmer im Marktgasse Hotel. Bild: Studio Roth&Maerchy

Ja, dasselbe gilt für das Ace in New York.
Ich war am Nachmittag dort und sah Leute Geschäftstermine abhalten, spielen, es war der place to be – für die Bewohner der Stadt. Geht man dorthin, trifft man Gäste, am grossen Gemeinschaftstisch oder in der Bar, das bedeutet «ankommen in der Stadt». Für mich heisst der Megatrend also: Teilen und Kommunizieren.

Am letzten WAF (World Architecture Festival in Singapur) traf ich einen der Architekten des Ace Hotel in London. Er erzählte, dass er den Eingang kleiner entwarf, nicht ganz so beeindruckend. Er schaute sich in der Gegend um, um herauszufinden, welches Handwerk dort ansässig war. Er entwarf für die lokale Bevölkerung, damit sie die Dinge produzieren konnten. Jetzt können sie mit ihren Familien vorbeikommen stolz und sagen: «Das ist das Hotel, das wir gemacht haben». Dieses Vorgehen gibt es häufiger, und das gefällt mir. Auch hier haben wir versucht, Leute vom Quartier zu finden, um gewisse Arbeiten zu verrichten. Es ist so viel schlauer, ein Projekt an seinen Ort zu integrieren. Ich versuche wirklich immer, den lokalen Faktor in meinen Entwurf einzubringen, mit der lokalen Bevölkerung zu kommunizieren und sie zu integrieren.

Ein Zimmer im Marktgasse Hotel. Bild: Studio Roth&Maerchy

Als wir vorhin herumgelaufen sind, haben Sie «Eco-Hotels» erwähnt. Ist damit öko-freundlich gemeint? Was steht dahinter?
Öko ist für mich der nächste Trend. Aber nicht in dem Sinn, dass es nun Mode ist, und in fünf Jahren wird es etwas anderes sein. Für mich sieht die Entwicklung so aus: Zuerst teilen, kommunizieren, Teil der Stadt sein anstatt zu repräsentieren. Und dann kommt der ökologische Aspekt.
 
Ich besuchte das Vigilius Mountain Resort in Südtirol, das Mattheo Thun vor dreizehn Jahren entworfen hat. Der Besitzer gab ihm eine carte blanche und sagte bloss: «Ich will diesen schönen Ort in den Bergen». Es gab zwar ein altes Hotel, doch das wurde abgebrochen, zugunsten von etwas neuem. Der Besitzer meinte zu Thun, «Du wirst nie wieder etwas so schönes schaffen», und Thun sagte, «was wir jetzt machen ist öko anstatt ego». Das finde ich gut.
 
So haben die beiden vor dreizehn Jahren ein wundervolles Hotel gebaut, das noch immer frisch ist. Es befindet sich im Wald, auf 1500 Meter Höhe. Keine Autos fahren dort, es ist nur mit der Seilbahn zu erreichen. Es ist fundamental durchgedacht, in jeglicher Hinsicht. Es gibt keine Fernseher in den Zimmern, es ist modern, es ist designed, es besteht aus dem Holz der Region. Es ist stark gedämmt und braucht wenig Energie, und diese kommt vom Wald: Die Bauern kriegen Geld, wenn sie das alte Holz zum Heizen bringen, was sowohl gut für die Region als auch den Wald ist. Das Essen ist durch und durch regional, saisonal, biologisch. Alles ist komplett durchdacht.

Ein Zimmer im Marktgasse Hotel. Bild: Studio Roth&Maerchy

Heute sieht man so viele Gebäude, auch in der Hotellerie, die in Sachen Konstruktion und Planung nicht anders sind als wie vor zwanzig Jahren. Wenn man ein Gebäude baut, hält die Innenarchitektur 10 bis 15 Jahre, die Entscheidungen für Heizung und Kühlung überdauert vielleicht 20 oder 30 Jahre, das Gebäude selbst etwa 50 Jahre. Wenn die Kinder, die heute von ihren Eltern auf Velos herumgefahren werden, mich in fünfzehn oder zwanzig Jahren fragen, weshalb ich nichts unternommen habe, in einer Zeit, in der alles bereits hier war - die Fragestellung, das Problem, die Ingenieursfertigkeiten, das technische Wissen - dann möchte ich jetzt schon damit begonnen haben, auch wenn ich nicht muss.
 

Marktgasse Hotel, Aussenansicht mit delish Café Take-Out. Bild: Studio Roth&Maerchy

Anmerkungen
* IDA 14 war für die Umsetzung und Vereinheitlichung des Designkonzepts, das von den «Design Consultants» Kessler & Kessler stammt, verantwortlich.
Bauherrschaft: Ospena Group AG, Zürich | Architektur: Miller & Maranta, Basel

Dieser Text erschien erstmals am 3. Oktober 2016 auf World-Architects.com, Übersetzung: Jenny Keller

Das Marktgasse Hotel war bereits Bau der Woche auf Swiss-Architects.com.

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