Liberale Urbanität

Manuel Pestalozzi
24. Oktober 2019
Blick vom Zürichberg ins Limmattal bei wechselhafter Witterung. (Foto: Manuel Pestalozzi)

«Liberale Antworten auf urbane Fragen» – dies verspricht ein «Denk- und Arbeitsbuch», herausgegeben von vier Mitgliedern der FDP der Stadt Zürich. Es enthält einen mitunter anregenden Mix von Positionen und Erwartungen.

Das Eigenschaftswort «liberal» wurde in den eben durchgeführten eidgenössischen Wahlen zwar nicht gerade von einer grünen Woge weggespült. Aber es verschwand vor lauter Klima-Dringlichkeiten doch etwas aus dem Blickfeld. Vermutlich nicht für lange Zeit: Gerade bei dem angekündigten, naturwissenschaftlich fundierten und jetzt auch politisch breiter gestützten Zwang, in Sachen Erderwärmungsbekämpfung zu handeln, wird es sicher bald wieder in Erscheinung treten.

Nimmt man den Duden zu Rate, heisst «liberal»: dem Einzelnen wenige Einschränkungen auferlegend, die Selbstverantwortung des Individuums unterstützend; freiheitlich. Nur schon die nicht einwandfreie Geschlechterneutralität dieser Deutung mag darauf hinweisen, dass das Wort auch in einer anderen Richtung unterwegs ist, wie es hierzulande die Operation Libero zeigt: Die 2014 gegründete politische Organisation ist dezidiert anti-konservativ. Ausgerichtet auf Offenheit, Gleichheit und Internationalität, vertritt sie explizit Standpunkte einer jungen Bevölkerungsgruppe.

Die geplante Stadt ist straff organisiert – wo kann sie «liberal» sein? (Foto: Manuel Pestalozzi)
Liberal in der Planung

Dominique Zygmont, Severin Pflüger und Michael Schmid sitzen für die FDP im Gemeinderat der Stadt Zürich, Beat Habegger für die selbe Partei im Kantonsrat des Standes Zürich. FDP steht für Freisinnig-Demokratischen Partei, seit einer Fusion auf eidgenössischer Ebene nennt sich die Partei «FDP.Die Liberalen». Die vier Parlamentarier gründeten mit weiteren Vertreter*innen der FDP-Ortsparteien der acht grössten Schweizer Städte (Zürich, Bern, Basel, Genf, Lausanne, Winterthur, Luzern, St. Gallen) die Gruppe «FDP urban». Sie will liberale Politik aus städtischer Sicht zusammenbringen – wobei «liberal» hier im Sinne der Deutung im Duden verstanden werden soll.

Im Buch «Liberale Antworten auf urbane Fragen» wollten die vier Herausgeber kreative und kontroverse Ideen sammeln, mit dem Ziel, diese in ihre Politik einzubinden. Es soll ihnen und ähnlich Gesinnten die Möglichkeit geben «über den Tellerrand zu schauen». Diese Initiative ist insofern begrüssenswert, als die politischen Anregungen für die urbane Planung seit längerer Zeit eher von der linken Seite zu kommen scheinen, bei der Fragen des Ausgleichs – aber auch der Selbstverwirklichung – und gesellschaftliche Zukunftsvisionen im Zentrum stehen. Wie könnte die «Stadt der für sich selbst Verantwortlichen, freiheitlich Gesinnten» ausschauen und funktionieren? Antworten auf diese Frage sind gesucht.

Viele Richtungen

Insgesamt zwölf Essays umfasst das Buch. Als Ganzes zeigen sie etwas, was echte Liberale irritieren muss: dass nicht kuratierte Freiheitlichkeit ins Chaos führt. Die Autor*innen nehmen ganz unterschiedliche Themen in Angriff, die am Schluss eine Sammlung diverser Standpunkte ergeben. Im besten Falle können sich diese in einer Stadt überlagern, im schlechtesten Falle prallen sie direkt aufeinander, was den Ruf nach Schiedsrichter*innen mit sich ziehen muss. Dennoch bietet das Buch einige attraktive Denkanstösse, die auch für Architekt*innen ihren Wert haben. 

Matthias Daum, Journalist und Leiter des Schweizer Büros der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», fordert die Auflösung der Stadt Zürich. «Nicht in der Innenstadt, an den Rändern und in den Agglomerationen glüht Zürich», schreibt er und sieht an der Stelle der aktuellen Ordnung «neu gegründete Stadtgemeinden von jeweils 50‘000 bis 100‘000 Einwohner*innen, beispielsweise die «Eugen-Huber-Stadt» mit dem Stadtteil Altstetten und den Gemeinden Schlieren Urdorf und Uitikon. (Eugen Huber? Das war der Verfasser des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, seine Eltern kamen in Altstetten zur Welt)

Mehrere Autor*innen befassen sich mit Steuerung der Nachfrage und des Angebots bei Flächen in urbanen Bereichen. Myra Rotermund, Architektin und Beraterin beim Wirtschaftsprüfer KPMG Schweiz, wünscht sich ein Flächenmanagement, welches der individuellen Selbstentfaltung dienlich ist, sie verwendet den vermeintlich antiquierten Begriff der «Zentren» regelmässig. Kurt Fluri, der Stadtpräsident von Solothurn, sieht die herkömmliche Stadt ebenfalls als Zentrum mit Magnetwirkung, die sich von der Umgebung deutlich unterscheidet und Lasten tragen muss, für die sie entschädigt werden soll. «Unsere Stadt braucht keine Mauern, um sich zu schützen», schreibt der sakuläre Publizist Kacem El Ghazzali. Liberalität und Urbanität sind für ihn an erster Stelle eine Gesinnung, die Offenheit signalisiert und sich über die ganze Landschaft ausbreiten sollte.

Partikularinteressen

Bestimmte Menschen haben bestimmte Erwartungen an die Stadt – dieser liberale Grundsatz bedarf einer Bündelung, die in diesem Buch nicht erfolgt. Dass sich Andreas von Euw als Mitglied der Geschäftsleitung von Burri Public Elements AG für eine Aufwertung der öffentlichen Freiräume stark macht, ist augenblicklich nachvollziehbar. Bettina Fahrni, Präsidentin der Jungfreisinnigen präsentiert sich als Vertreterin ihrer Generation. Die will in der Stadt länger und mehr Party machen. Dafür wünscht sie sich den passenden gesetzlichen Rahmen und Sammeltaxis, das ist stimmig und logisch.

Auch die Wirtschaft ist im Buch vertreten. Dr. Thomas Wellauer, Mitglied der Gruppen-Geschäftsleitung der Swiss Re AG, zählt die idealen Bedingungen auf, unter denen Hauptsitze von Grossunternehmen im städtischen Umfeld gedeihen können. Niels Rot, Mitbegründer des Impact Hub Zürich tut dies für das von staatlichen und privaten Institutionen bespielte Bildungsumfeld – bezeichnenderweise in englischer Sprache, worauf er nach Einschätzung dieses Rezensenten besser verzichtet hätte. Dr. Fabian Schnell, Forschungsleiter Smart Government beim Think-Tank Avenir Suisse, möchte in der Stadt wieder mehr Markt und illustriert das am Beispiel Kinderbetreuung.

Sag mir, wo die Nischen sind. Diese braucht die dynamische Stadt. (Foto: Manuel Pestalozzi)
Planungslücken erwünscht

Das eigentliche Bauen und der Planungsbetrieb kommen im «Denk- und Arbeitsbuch» fast gar nicht zur Sprache. Dass sich keine Immobilienentwickler*innen für einen Beitrag gewinnen liessen, ist bedauerlich. Gerade sie hätten sicher Interessantes zur Regeldichte und zu den Realisierungs-Chancen von Projekten in Städten sagen können – immerhin ziert ein Baugespann den Umschlag des Buches. Von Persönlichkeiten wie etwa Balz Halter wären interessante Stellungnahmen zu den politischen Gegensätzen zwischen Stadt und Agglomeration zu erwarten gewesen.

In Zürich befindet sich die FDP seit längerer Zeit in der Opposition. Eigenartigerweise bekräftigt ihr Buch zur Urbanität den Eindruck, dass die Links-Grüne Mehrheit hier vieles richtig macht, auch aus liberaler Warte. Die tatsächliche Entwicklung der Stadt steht in ihrer Gesamtheit jedenfalls keineswegs im Widerspruch zu den in den Essays geäusserten Meinungen und Visionen. Letztere ergeben keinen Gegenentwurf für das aktuell existierende oder geplante Zürich, es bleibt auch diffus, wie «anders» das Idealbild einer liberalen urbanisierten Landschaft ausschauen könnte.

Wenn man ein Fazit aus dieser Leseerfahrung ziehen möchte, dann diese: Eine Stadt ist im Grunde ihres Wesens nicht liberal – seit es sie gibt, ist ihre Gestalt das Resultat einer hohen Dichte an strengen Regeln, gerade auch in baulicher Hinsicht. Was eine Stadt aber immer bieten muss, sind Nischen, die von den Qualitäten der Stadt profitieren aber von den Folgen der rigiden Planung ausgespart werden. Die geplante Möglichkeit der Entscheidungsvielfalt und von offenen Resultaten muss gegeben sein – diese liberale Forderung sollte sowohl die traditionelle wie auch die eher neue Deutung des Begriffs umfassen.

(Foto: FDP Stadt Zürich)

Das Buch kann zu einem Richtpreis von CHF 30 bestellt werden bei der FDP der Stadt Zürich ([email protected], 043 343 99 69).

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