Lösungen für die gebaute Welt von Morgen

 Jenny Keller
24. Mai 2018
Werner Sobek im Gespräch mit Jenny Keller. Bild: LafargeHolcim Foundation
Werner Sobek forscht an Lösungen für die gebaute Welt von Morgen. Wir haben den Architekten und Ingenieur im Rahmen des Global LafargeHolcim Awards 2018 zum Gespräch getroffen.
«Noch mehr Tempo im Mietwohnungsbau» titelt die NZZ am 25. April 2018, und beschreibt die anhaltende Überproduktion an Mietwohnungen in der Schweiz. Die Wohnungen werden nicht erstellt, weil gute Menschen attraktiven Wohnraum für alle schaffen wollen, sondern weil Versicherungen und Pensionskassen unter den anhaltenden Negativzinsen «leiden» und einem «Anlagedruck» ausgesetzt sind. Im Klartext wollen sie weiterhin ihr Geld (also das Geld, das wir Arbeitnehmer einzahlen müssen) vermehren und tun das, indem sie Mietobjekte erstellen lassen, die zwar niemand nachfragt, die aber eine Rendite von bis zu 3,6% abwerfen, was sie derzeit zu besonders interessanten Anlageprodukten macht.
 
Deshalb werden zu viele Wohnungen gebaut, die weder nachgefragt werden noch einem architektonisch ästhetischen Anspruch genügen – aber die Zersiedelung der Landschaft vorantreiben. Im Oberaargau, wo Bauland günstig zu haben ist, herrscht heute eine Leerstandquote von über 10%, ist im eingangs erwähnten Artikel zu lesen.
 
Irgendwann kommt der Punkt, wo man sich als Architektin, als Architekt fragen sollte, welche Verantwortung man selbst trägt angesichts dieser Entwicklung. Es gibt diejenigen, die sagen, dass man schon immer für die Entscheidungsträger – also die Reichen in unserer kapitalistisch funktionierenden Welt (ein gerne herangezogenes Beispiel sind die Medici) – gebaut hat; dass das quasi das Los der Architekten sei. Zum Glück gibt es aber auch andere Meinungen.
 
Werner Sobek ist ein Architekt und Ingenieur aus Stuttgart. Er beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren intensiv damit, wie das Umdenken in der Bauwirtschaft aussehen könnte. Er ist Leiter des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) der Universität Stuttgart und Gründer der internationalen Firmengruppe Werner Sobek, die sich der Minimierung von Energie- und Materialverbrauch in Kombination mit Ingenieurskunst und hochwertiger Gestaltung verschrieben hat.
 
Im Gespräch mit dem scharfsinnigen, engagierten und trotz des traurigen Themas optimistischen Werner Sobek fällt das Wort «Nachhaltigkeit» nie. Ein Wort, würden wir es ernst nehmen, das für Umdenken und Handeln steht – weg von Wegwerfgesellschaft und Gewinnmaximierung.
Herr Sobek, erzählen Sie uns, was Sie tun und weshalb.
«Ich bin geprägt von der Überzeugung, dass der Leichtbau, das gewichtsminimierte Bauen die höchste Ebene der Baukunst ist. Wo absolut nichts mehr eingespart werden kann, ohne dass die Struktur ihre Funktionstauglichkeit einbüsst, müssen die Grenzen bekannt sein. Diese Grenzen auszuloten – sei es gestalterisch, konstruktiv oder vom Material her – war und ist ein zentraler Antrieb für mich. Dieses Arbeiten muss aber immer auch mit einer gesellschaftlichen Komponente gekoppelt sein. Diese hat für mein Schaffen in den letzten Jahren eine immer grössere Bedeutung erlangt.
 
Letztlich ist es vielleicht doch ein Luxusproblem, einen Formel-1-Rennwagen oder eine Concorde zu entwerfen, wenn gleichzeitig so viele Menschen völlig andere, grundlegende Probleme zu bewältigen haben. Ich habe deshalb früh angefangen darüber nachzudenken, wie viele Menschen auf dieser Welt eigentlich über welche baulichen Standards verfügen – und welche sozialen Missstände diese ungerechte Verteilung bewirken kann. Dies führte mich zu der Haltung, die ich heute vertrete.»
Das Äquator-Gleichnis
Entsetzt war und ist Werner Sobek darüber, dass man die gesamte gebaute Umwelt noch 2,6 mal neu bauen müsste, wollte man allen heute lebenden Menschen den Baustandard der heutigen Industrieländer ermöglichen – wobei das anhaltende Bevölkerungswachstum und der daraus resultierende Mehrbedarf an gebauter Umwelt noch gar nicht berücksichtigt sind. Bedenkt man, dass zusätzlich noch in den kommenden 18 Jahren für ca. zwei Milliarden Menschen eine neue gebaute Heimat geschaffen werden muss, werden die Dimensionen der vor uns liegenden Probleme erst richtig verständlich.
 
Ein Einwohner der Bundesrepublik Deutschland besitzt im Durchschnitt 490 Tonnen Baustoff. Diese Summe ist nahezu hälftig aufgeteilt in Infrastruktur und Hochbau. Der durchschnittliche Erdenbürger verfügt über demgegenüber nur über 115 Tonnen Baustoffe.
 
Würde man allen in den kommenden Jahren neu hinzukommenden Erdenbewohnern den deutschen Standard von 490 Tonnen Baustoff pro Kopf geben, müsste man pro Sekunde 1.300 Tonnen Baustoffe herstellen, auf die Baustelle transportieren und verbauen (und irgendwann auch wieder zurückbauen und entsorgen). Und weil man sich unter dieser gigantischen Zahl nur schwer etwas Konkretes vorstellen kann, hat Werner Sobek das sogenannte Äquator-Gleichnis aufgestellt: Würde man die in einem Jahr erforderlichen Baustoffe in einer 30 cm dicken Wand verbauen, die entlang des Äquators verläuft (also über eine Länge von 40’000 Kilometern), dann wäre diese Wand 2’000 Meter hoch! Und jedes Jahr müsste diese Mauer aufs Neue errichtet werden…
«Je länger ich dieser Sache nachging, desto unruhiger wurde ich als Wissenschaftler, aber auch als Mensch. Denn wenn man jedem heute lebenden Menschen den gleichen baulichen Standard ermöglichen möchte (wogegen es ja eigentlich kein gutes Argument gibt), dann müsste man die gesamte gebaute Umwelt noch 2,6 mal neu bauen. Eine einfache Massenstromanalyse der hierfür erforderlichen Materialien und der damit verbundenen Emissionen zeigt schnell: Das ist überhaupt nicht möglich! Auch wenn sich die meisten Architekten und Ingenieure nicht damit beschäftigen, ist für mich der Nettozuwachs der Weltbevölkerung pro Sekunde einer der wichtigsten Faktoren für die Zukunft unserer gebauten Umwelt. Unseren Berechnung zufolge liegt dieser Nettozuwachs aktuell bei 2,6 Menschen pro Sekunde.

Die weit in die Zukunft reichenden Folgen der demographischen Entwicklung wurden lange Zeit nicht hinreichend berücksichtigt. Die Politik, das Bauwesen und die Wissenschaft haben es versäumt, Werkzeuge und Methoden für die kommenden Aufgaben bereitzustellen.»

​«Es ist auch eine Aufgabe des Bauschaffens, der Baukunst, gegen das nicht zu leugnende Ungleichgewicht auf dieser Welt zu arbeiten.»

Aber der Club of Rome hat das doch schon 1972 prognostiziert. Kam dies zu spät, oder hat einfach niemand zugehört?
«Den ersten Bericht des Club of Rome haben damals nur wenige wirklich ernst genommen. Die Ölkrisen der 1970er-Jahren haben zwar vorübergehend dazu geführt, dass man sich intensiver mit dem Thema Energie beschäftigt hat. Letztlich ging es aber vor allem darum, die Abhängigkeit vom Öl aus dem Mittleren Osten zu reduzieren, nicht um eine generelle Abkehr von fossilen Brennstoffen. Und die zahlreichen anderen Umweltprobleme, auf die der Club of Rome hingewiesen hat, sind sehr viel weniger beachtet und diskutiert worden. Nur so lässt es sich ja erklären, dass im Jahr 2016 in Deutschland so viele Ölheizungsbrenner verkauft wurden wie nie zuvor. Auch die Zahl der SUVs steigt weiterhin. Die meisten Leute haben sich mit der Situation arrangiert, in dem Glauben, dass das Handeln eines Einzelnen ja nicht wirklich entscheidend für das grosse Ganze sei (was meines Erachtens ein Irrtum ist). Und auch die Politik scheint nicht an einer wirklich radikalen Kehrtwende interessiert, sondern begnügt sich mit der Behandlung einzelner Symptome, arbeitet am Oberflächlichen.»
 
Wann kam bei Ihnen diese Einsicht?
«Die ersten Bedenken entstanden mit dem Aufkommen der Passivhaus-Technologie. Der dahinter stehende Ansatz ist wissenschaftlich gesehen fragwürdig, weil er die Möglichkeiten unserer Zeit nicht nutzt. Warum soll jedes Haus dieselbe energetische Qualität besitzen? Haben wir wirklich ein Energieproblem, wenn man bedenkt, dass die Sonne 10’000 mal mehr Energie auf die Erde einstrahlt als die Menschen in toto benötigen? Warum reden wir von Energieeffizienz anstatt von der Notwendigkeit, die Nutzung fossil basierter Energie zu beenden? Wir packen unsere Häuser dicht ein, überführen sie dabei in Sondermüll, schreiben Luftwechselstandards vor und heizen mit Pellets, emittieren also fröhlich weiterhin CO2.

Ich fragte mich: Warum schreibt die Regierung Massnahmen vor? Wäre es nicht klüger, Ziele vorzugeben und deren Einhaltung tatsächlich auch sicherzustellen? Mir wurde klar, dass wir in der ganzen Energiespar-Diskussion offensichtlich auf eine falsche Fährte gelockt wurden. Die Frage ist nur: warum?»
 
Es ist ja auch eine grosse Lobby, zumindest in der Schweiz...
«Ja, sicher gibt es viele, die durch die Umsetzung bestimmter Technologien mehr Geld verdienen. Das geschieht sicher nicht aus Boshaftigkeit – aber ob es für unsere Umwelt wirklich das Beste ist, steht auf einem anderen Blatt. Klar ist: Es kann doch nicht sein, dass wir in einem Gesetz die Methode vorschreiben und nicht das Ziel.»
 
Sie wirken als Mensch sehr optimistisch, aber was Sie schildern, ist eine Dystopie. Wie bleiben Sie so optimistisch?
«Man kann sagen: Ich gebe auf und betrinke mich hemmungslos. Oder man sagt: Vielleicht besteht ja eine Chance auf Besserung, wenn viele sich zusammentun und jeder daran arbeitet, die Probleme im Rahmen seiner Möglichkeiten zu lösen. Ich bin ein grosser Verfechter der Bedeutung von bürgerschaftlichem Engagement für eine gute, für eine richtige Sache.»
 
Wie zum Beispiel?
«Zum Beispiel der Ausstieg aus der fossil basierten Energie, den wir bisher verschlafen haben. Vielleicht schafft man es ja durch entsprechende Rahmenbedingungen tatsächlich, zeitnah aus der Benutzung fossil basierter Energie auszusteigen. Dies wird sicher nicht allein durch eine Dämmvorschrift gelingen, sondern durch klare Zielvorgaben (wie zum Beispiel der völlige Verzicht auf CO2-Emissionen). Wie genau der Einzelne die Zielvorgaben dann tatsächlich erreicht, sollte ihm überlassen bleiben. Denkbar sind neben Vorgaben zum zulässigen Luftaustausch ja auch völlig andere Ansätze wie beispielsweise der von genossenschaftlicher Selbstorganisation zur Nutzung nachhaltiger Energiequellen. Momentan ist dies für den Normalbürger kaum zu realisieren – obwohl hier meines Erachtens ein sehr grosses Potenzial liegt.»

​«Ich habe mir eine klare Sprache angeeignet, die manche Leute verwundert. Aber als Wissenschaftler halte ich es für meine Pflicht, die Dinge klar, unmissverständlich und offen zu formulieren. Für jedermann verständlich und zugänglich. Es ist inakzeptabel, dass viele Wissenschaftler ihre Erkenntnisse lediglich in englischsprachigen Wissenschaftsmagazinen publizieren.»

Bauen impliziert ja immer etwas Neues. Befinden Sie sich nicht in einem Dilemma? Müssten Sie konsequenterweise nicht sagen: Ich höre auf zu bauen?
«Nein, da bin ich anderer Meinung. Wir müssen ja Heimat für all diejenigen bauen, die noch keine haben beziehungsweise für all diejenigen, die in den kommenden Jahren erwachsen werden und von zu Hause ausziehen. Und das ist schon eine grosse Aufgabe. Die Frage ist, welchen Standard diese gebaute Heimat haben muss oder sollte. Das Kernproblem des Bauens für arme Menschen ist nicht das Dach über dem Kopf. Eine Hütte kann sich jeder selbst bauen. Aber beispielsweise sind sanitäre Anlage, die einen bestimmten hygienischen Mindeststandard garantieren, eine ganz andere Herausforderung. Hierfür benötigt man eine fachliche Ausbildung. Aber wer in den sogenannten Entwicklungsländern hat diese? Wir  stellen fest: Leider wird über solche Probleme viel zu wenig gesprochen.»
 
Wie sensibilisieren Sie ihr Umfeld für Ihre Anliegen? Berufskollegen, die Industrie und die Politik?
«Das ist immer unterschiedlich. Bei den Studierenden erlebe ich einen intellektuellen Umschwung. Während früher in meinem Entwurfsseminar, in dem jeder das Thema selbst wählen kann, fantasievolle Bauten für andere Planeten oder den nächsten James Bond entwickelt wurden, gestalten die Studierenden heute Lawinen-Fanggitter oder gewichtsminimierte Tragstrukturen aus Gradientenbeton. Eine Gruppe hat untersucht, wie die Ziele des Pariser Klimaabkommens in verschiedenen Städten umgesetzt werden. Sie alle haben erkannt: Wir verfügen nicht über die benötigten Baustoffmengen, um so für die nächste Generation zu bauen, wie wir selbst es bisher getan haben.»

Was folgt daraus?
«Für mich sind dies zwei Forderungen: Erstens: Für mehr Menschen mit weniger Material bauen. Notwendig ist eine dramatische Reduktion des Materialverbrauchs bei einem gleichzeitigen Wechsel der zumeist verwendeten Baustoffe. Diese Hinwendung zum Leichtbau muss mit der Einführung des Recyclingprinzips in das Bauschaffen einhergehen. Zweitens: Notwendig ist der schnellstmögliche Ausstieg aus der Nutzung fossil basierter Energie. Beides zusammen sind die technische Konstituente eines Bauens für morgen.»
 
Und was sagt die Politik? Hört man Ihnen zu?
«Ja, erfreulicherweise immer mehr. Ich berate auch die sogenannten hohen Ebenen der Politik. Die Verantwortlichen dort sind häufig erschüttert, weil ihnen die genannten Probleme von ihren Beratern nie in dieser Offenheit und Transparenz benannt wurden. Dann verstehen sie es. Aber es dauert, bis sich dies tatsächlich in politischen Massnahmen und in gesetzlichen Vorgaben niederschlägt.
 
In der Industrie werden diese Probleme sehr, sehr ernst genommen, denn sie werden als Marktrisiko und als Marktchance angesehen. Der Markt ist riesig, und wir haben bislang weder die erforderlichen Werkzeuge noch die Methoden. Wer sie entwickelt, ist König.
 
In der Gesellschaft im Allgemeinen ist das Beharren auf dem Status quo sehr verbreitet. Man hat sich eben eingerichtet. Und das ist frustrierend. Was mir aber Mut macht, sind meine Studierenden, die sich sehr intensiv mit diesen Fragestellungen beschäftigen und viele gute, neue Lösungen entwickeln.»
 

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