Neue Nutzungen, Module, Architektur für Kinder: Binke Lenhardt im Interview

Elias Baumgarten
26. März 2020
Foto: Matjaz Tancic

Binke Lenhardt und Hao Dong leiten das Büro Crossboundaries in Peking. In China gestalten sie Umbauten und modulare Gebäude, bieten aber auch Kurse für Kinder an und engagieren sich für Nachhaltigkeit und Sparsamkeit. Binke Lenhardt sprach mit Elias Baumgarten über ihre Arbeit und das Architekturgeschehen in China.


Elias Baumgarten Zuerst eine Frage, die dieser Tage noch um vieles wichtiger scheint als sonst: Wie geht es euch? Konntet ihr die Arbeit wieder aufnehmen? Und überhaupt: Wie ist die Lage in China unterdessen?

Binke Lenhardt Wir sind alle wohlauf, danke. Ich lebe seit 2002 in China und habe schon die SARS-Krise miterlebt. Insofern war die Situation nicht gänzlich neu für mich. Wir mussten unser Büro für zwei Tage ganz schliessen, seither arbeiten wir wieder. Für unsere aktuell 20 Mitarbeiter*innen in Peking ist es auch seelisch gut, dass der Betrieb weiterlaufen kann. In der Stadt waren die Massnahmen gegen das Virus streng. Im Restaurant durfte man teils nur alleine einen Tisch besetzen. Es herrschte «Maskenpflicht», man konnte kein Geschäft oder Restaurant ohne Mundschutz betreten. Es gibt noch überall Kontrollpunkte, wo Fieber gemessen wird und manchmal muss man sich zusätzlich in eine Liste eintragen. Supermärkte dürfen nur wenige Menschen gleichzeitig betreten.
Jetzt scheint sich die Situation langsam zu normalisieren, obwohl die Massnahmen für Einreisende aus dem Ausland aktuell verschärft wurden. Es scheint im Moment keine lokalen Neuinfektionen mehr zu geben, allerdings gibt es sogenannte «importierte Fälle», Infizierte also, die aus dem Ausland zurück nach China gekommen sind.

Lass uns über Architektur sprechen. Wir interessieren uns für die Entwicklung Chinas im Allgemeinen und der chinesischen Architektur im Besonderen. In der Schweiz beschäftigen sich derzeit viele (junge) Architekt*innen mit dem Um- und Weiterbauen. Manche sprechen sogar von den Aufgaben der jungen Generation. Ihr habt in Zhengzhou in der chinesischen Provinz Henan das Kinderzentrum «Soyoo» gestaltet. Bei dem Projekt handelt es sich um eine Umnutzung beziehungsweise eine Renovierung – bei weitem nicht die einzige in eurem Portfolio. Das verwundert mich, denn ich dachte bisher, Umbauten wären eher ein europäisches Thema…

Um- und Weiterbauen sind auch in China je länger, je mehr wichtige Bauaufgaben – obgleich die Vorzeichen anders sind als in Europa. Unser Bau in Zhengzhou zum Beispiel stand lange ungenutzt herum. Das ist speziell an China: Öfter werden Gebäude ohne konkretes Nutzungskonzept errichtet. Bisweilen stehen sie dann nach Abschluss der Bauarbeiten einfach leer, oder bleiben halbfertig. Das liegt an der grossen Dynamik des Marktes. Solche Objekte anzupassen und ihnen eine Funktion zu geben, ist eine reizvolle, wichtige, aber anspruchsvolle Architekturaufgabe. Ein Projektbeispiel befindet sich, wie angedeutet, in Zhengzhou, der Hauptstadt der Provinz Henan. Hier baute die Stadt ein Geschäftszentrum mit drei grossen Rundbauten, welche aber nie bezogen wurden. Wir erhielten den Auftrag, eines der Objekte zu einem Spiel- und Lernzentrum umzugestalten. Wir haben es soweit wie möglich entkernt und mit neuen, teilweise diagonal laufenden Erschliessungsachsen versehen, die eine klare Orientierung in dem Rundbau ermöglichen. Für Kinder ist der Ort herrlich: Es gibt vor allem vielfältige Möglichkeiten zum Spielen und Toben, aber auch Bereiche zum Lernen.

Ihr baut generell viel für Kinder. 

Ja! Das ist eine Herzensangelegenheit für uns. Wir bieten auch Kurse für Kinder zwischen 8 und 16 Jahren an, in denen es um Design Thinking, prozesshaftes Lernen und insbesondere natürlich um Architektur geht. Wir zeigen ihnen zum Beispiel, wie Architekt*innen arbeiten und welche Fragen und Aufgaben sie lösen. Die Kurse finden während der Sommermonate, aber auch unterm Jahr an Wochenenden statt (After-school activity). Es geht dabei nicht nur um Wissensvermittlung – vielmehr profitieren auch wir von dieser Arbeit für unsere Bauprojekte im Bildungsbereich. Es ist toll, wie kreativ Kinder sind und auf welch grossartige Ideen sie kommen.
Ausserdem engagieren wir uns auch für Nachhaltigkeit und Sparsamkeit. Seit 2016 bringen wir mit dem Tauschevent LWL (Live with Less) unsere Pekinger Community zusammen. Unser Ziel ist es, auf übermässigen Konsum aufmerksam zu machen und ihn zu reduzieren.

Affiliated High School of Peking University, 2016 (Foto: Yang Chaoying)
Foto: Yang Chaoying
Foto: Lenz Wong

Auch Zhang Xi, die in Shanghai und Zürich arbeitet, hat mir kürzlich in einem Interview erklärt, dass Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Ressourcenschonung für ihr Büro EXH-Design wichtige Themen sind. Werden diese in China derzeit genauso intensiv diskutiert wie in Europa? Hier zeigt man ja in diesem Zusammenhang allzu gerne mit dem Finger auf China…

Diese Themen werden natürlich auch in China diskutiert! Und seitdem die Medien über die starke Luftverschmutzung in den chinesischen Ballungszentren berichtet haben, ist auch die chinesische Bevölkerung in Bezug auf die allgemeine Umweltsituation sensibilisiert. Es gibt viele positive Ansätze. 
Man muss aber den Entwicklungsstand des gesamten Landes sehen. China ist sehr uneinheitlich, es gibt Projekte mit hohem Planungsanspruch und klarer Zielsetzung diesbezüglich, wichtige Regierungsprojekte etwa oder Projekte privater Investoren mit klarer Agenda oder repräsentativer Bedeutung. Sie können an internationale Standards heranreichen.
Grundsätzlich aber gilt landesweit, dass die Bauqualität nicht so hoch ist wie in Europa. Dies hängt mit lange bekannten Problemen zusammen: Es gibt unausgebildete Arbeiter*innen, die nicht auf bestimmte Gewerke spezialisiert sind; es werden minderwertige Materialen verbaut, die nicht langlebig sind. Zudem kommt ein extremer Zeitdruck hinzu und geringe Budgets. 

Lass uns etwas springen: Die Digitalisierung der Bauwirtschaft ist aktuell in aller Munde. Nachdem diese für Jahrzehnte sehr langsam vonstattenging, scheint sie in den letzten Jahren immer mehr an Schwung zu gewinnen. In der Schweiz ist die Arbeit mit BIM ein vieldiskutiertes Thema, schon bald sollen Wettbewerbsabgaben rein digital erfolgen – inwiefern das realistisch ist, sei dahingestellt. In Gesprächen beobachten wir, dass viele Architekt*innen dem neuen Werkzeug offener gegenüberstehen als auch schon. Obwohl zweifellos noch einige Probleme aussortiert werden müssen, gibt es zwischenzeitlich positive Erfahrungsberichte. Wie ist die Lage in China?

Auch bei uns ist BIM ein grosses Thema. Wie in Europa arbeiten viele Büros noch nicht damit, während andere schon sehr fit sind. Ich kann das sagen, weil wir als internationales Büro stets mit unterschiedlichen lokalen Designinstituten kooperieren müssen.
Bei unserem Schulcampus «Jinlong» in Shenzhen haben wir mit der China Construction Science and Technology Company zusammengearbeitet, einer Tochter der China State Construction Engineering Corporation (CSCEC), der grössten Baufirma des Landes. Bei dem Projekt handelt es sich zu etwa 75 Prozent um einen Modulbau – die Anlage umfasst 36 Klassenzimmer, ein Wohnheim, Labors, eine Bücherei und Sportanlagen. Die Firma – sie zählt zu den am stärksten digitalisierten in Chinas Bauwirtschaft – war für Ausführung und Detailplanung zuständig. Sie hat BIM in allen Planungsphasen eingesetzt; auch die gesamte Baueingabe erfolgte digital. Jedes vorgefertigte Element des Baus wurde mit einem QR-Code versehen. Mit diesem konnte man nachvollziehen, in welcher Fabrik das Bauteil produziert wurde, wann es angeliefert wurde, aus welchen Materialien es besteht und so weiter. Man möchte so ermöglichen, Fehlerquellen ausfindig zu machen. Jetzt aber, da das Gebäude fertig ist und die Räume verputzt sind, kommt man an die Codes natürlich nicht mehr heran, man kann sie jedoch immerhin über das 3D-Modell noch identifizieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass in der nahen Zukunft die Elemente mit einem Chip versehen werden, der bestimmte Daten enthält, die man während der Unterhaltung der Gebäude abrufen kann.

Beisha Kindergarten, Jiangsu, 2018 (Foto: Wu Qingshan)
Foto: Wu Qingshan
Foto: Wu Qingshan
Foto: Wu Qingshan

Du hast angesprochen, dass es sich um einen Modulbau handelt. An der Messe «digitalBAU», die kürzlich in Köln stattfand, haben deutsche Firmen modulare Bausysteme gezeigt – sie schienen mir doch noch sehr in den Kinderschuhen zu stecken…

…in China spielt modulares Bauen eine grosse Rolle, viele Architekt*innen beschäftigen sich damit, auch weil oftmals zeitliche Engpässe und Auflagen bestehen, die nur mit der Anwendung einer modularen Bauweise bewältigt werden können. Das ist schon lang so: Zum Beispiel wurde während der SARS-Krise im Jahr 2003 im Norden Pekings ein Spital – oder besser: eine Quarantänestation – als Modulbau innerhalb kürzester Zeit errichtet. Die Anlage hatte eine Kapazität von 1'000 Betten. 
Auch die beiden Krankenhäuser in Wuhan, die Ende Januar innerhalb von 7 Tagen verwirklicht und im Ausland ungläubig bestaunt wurden, sind vorgefertigt. Sie wurden aus unterschiedlichen Modulen zusammengesetzt – wie bei einem Baukasten. Modulares Bauen ist einer der Gründe, wieso in China in manchen Bereichen so schnell gebaut werden kann.
Wir arbeiten aktuell an einem Pavillon für die im kommenden Jahr stattfindende 13. Internationale Garten-Expo in Xuzhou in der Provinz Jiangsu, der auch in modularer Bauweise errichtet werden soll.

Welche Auswirkungen hat die Arbeit mit Modulen auf die architektonischen Gestaltungsmöglichkeiten?

Wir arbeiten im Entwurf nicht mit der Vorstellung von fertigen Modulen oder Volumen, die eingebracht oder angeordnet werden müssen, es geht vielmehr um einzelne Elemente – also Stützen, Bodenplatten und Wände. Dadurch ergeben sich im Planungsprozess zunächst einmal keine zu grossen Einschränkungen. In der Entwurfsphase analysieren wir verschiedenen Typologien genauso, wie wir das auch für einen konventionellen Bau tun würden.
Die technischen Vorgaben, wie beispielsweise das Stützraster, sind allerdings konkreter und auch schon anfänglich klar. Bei einem Schulbau in modularer Bauweise ist das beispielsweise ein 9x9-Meter-Raster, als Basis wird ein Klassenzimmer zugrunde gelegt (mit circa 80 Quadratmetern). Für ein Wohnheim eignet sich dieses auch (80 Quadratmeter für 2 Zimmer) und so weiter. Je mehr man in diesem Stützraster bleiben kann, umso effizienter wird die modulare Planung.
Man muss allerdings prüfen, ob eine modulare Bauweise für jede Funktion Sinn macht oder ob man gewisse Funktionsbereiche nicht besser konventionell ausbildet.
Wir glauben, dass vorgefertigte Gebäude sehr individuell gestaltet werden können, allerdings müssen Architekt*innen sehr eng mit den Bauingenieuren und der Fabrik zusammenarbeiten, um die Gestaltungsmöglichkeiten voll ausreizen zu können. Der Prozess ist anders, viele formale Entscheidungen können nicht unabhängig im Büro getroffen werden, sondern müssen abgestimmt werden.

Kannst du dafür ein Beispiel geben?

Beim Campus «Jinlong» haben wir verschiedene Kombinationen von Elementen (Beton und perforierte Metallpaneele) für die Fassaden verwendet. Für die drei Lehrgebäude wurden vier Arten von vorgefertigten Betonpaneelen mit unterschiedlicher Breite verbaut, die Fenster, horizontal und vertikal ausgebildet, erscheinen in einem abwechselnden Rhythmus. Obwohl die Klassenzimmer auf jeder Etage den gleichen Grundriss haben, hat jedes eine andere Aussenwand.
Für das Wohnheim kamen Paneele mit unterschiedlichen Stärken und Farbtönen zum Einsatz. Die am weitesten hervorstehenden sind am hellsten, die am weitesten zurückliegenden die dunkelsten. Gleichmässig verteilte Öffnungen fungieren als Balkone mit einer zurückgesetzten Fassade für die dahinter liegenden Schlafräume und ermöglichen mehr Tiefe im Gesamterscheinungsbild der Oberfläche.

Campus «Jinlong», Shenzhen, 2019  (Foto: Wu Qingshan)
Foto: Wu Qingshan
Foto: Wu Qingshan

Die Digitalisierung betrifft nicht nur die Bauwirtschaft, sie durchdringt alle Lebensbereiche. Es scheint, dass China etwa bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz, beim autonomen Fahren oder der Gesichtserkennung zum internationalen Vorreiter aufsteigt, die Vereinigten Staaten ein- und teils schon überholt hat.

Durchaus, in China wird in diesen Bereichen mit hohem Aufwand und erfolgreich geforscht. Man muss aber genau hinsehen und differenzieren. China ist, wie schon gesagt, sehr heterogen. Manche Orte und Regionen sind sehr weit entwickelt, andere jedoch noch weniger. Innovationen werden sehr bereitwillig und schnell ausgetestet – in kleinerem Rahmen. Was sich in solchen Vorzeigeprojekten, die oft international viel Beachtung finden, bewährt, wird dann weiterverfolgt. Das ist ein günstiges Klima für technischen Fortschritt, es heisst aber nicht, dass ganz China einer Hightech-Welt gleicht.
Lass mich dir ein Beispiel geben: China hat Umweltprobleme, welche die Regierung zu lindern versucht. Es gibt Pilotprojekte, in denen Anwohner*innen QR-Codes zugewiesen bekommen, über die man jeden Müllsack für den Hausmüll zurückverfolgen kann. So lässt sich nachvollziehen, welche Personen sich nicht an die strengen Regeln zur Mülltrennung halten. Die Ergebnisse können dann in Chinas Social-Credit-System einfliessen, ein Fehlverhalten hat also umgehend Konsequenzen. Sollte sich das Vorgehen bewähren, wird der Einsatz sicherlich ausgeweitet.

Das tönt totalitär…

…das ist ein kompliziertes Thema! Ich möchte nicht schönreden, aber einfach westliche Massstäbe anzulegen, wird der Sache nicht ganz gerecht: In China werden schon immer intensiv Daten über die Bevölkerung erhoben – was heute digital stattfindet, geschah früher analog. Die Menschen denken anders über das Thema als in anderen Teilen der Welt.
Die Frage ist vielleicht eher, was Chinas Umgang mit Daten für den internationalen Wettbewerb bedeutet, den du eben angesprochen hast. Denn viele qualitätsvolle Daten zur Hand zu haben, ist zum Beispiel ein grosser Vorteil bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Ich denke, es steht im Westen ein schwieriger Abwägungsprozess bevor. Ich bin gespannt, inwiefern das COVID-19-Virus und die damit einhergehenden Debatten, etwa um den Umgang mit Mobilfunkdaten, in Europa mittelfristig Veränderungen nach sich ziehen werden.

Binke Lenhardt studierte Architektur an der Fachhochschule Dortmund und dem Pratt Institute in New York. 2002 zog sie nach China und gründete 2005 mit Hao Dong das Büro Crossboundaries in Peking. Sie war als Beraterin für das Beijing Institute of Architectural Design (BIAD) tätig und lehrt regelmässig Architektur an der Central Academy of Fine Arts (CAFA) und an der Tsinghua Universität. 2012 gründete sie mit Antje Voigt die Crossboundaries Partnerschaftsgesellschaft in Frankfurt am Main, wo beide Partnerinnen und Geschäftsführerinnen sind.

Andere Artikel in dieser Kategorie