Neues aus dem Norden

Juho Nyberg
30. Mai 2019
Endlose Weite: Finnland wie im Bilderbuch (Foto: Juho Nyberg)

Mit der Bibliothek Oodi und dem Kunstmuseum Amos Rex hat Helsinki vor kurzem zwei vielbeachtete neue Bauwerke erhalten. Doch auch in anderen Bereichen herrscht eine überaus rege Planungs- und Bautätigkeit, deren Einfluss über die Stadt hinaus reicht. Wir blicken daher weit über die Schweizer Grenze nach dem Norden.

Von Landflucht und raschem Wachstum

Die meisten verbinden Finnland wohl vor allem mit endlosen Wäldern und weitläufigen Seen. Und tatsächlich sind weite Teile des Landes von einer unberührten Natur geprägt, die eine kraftvolle Ruhe ausstrahlt. Die Bevölkerungsdichte liegt mit nur gut 16 Einwohner*innen pro Quadratkilometer unter einem Zehntel derer der Schweiz (205). Den dünn besiedelten ländlichen Gebieten stehen einige Ballungszentren gegenüber, allen voran Helsinki mit seiner Metropolitanregion. Die Hauptstadt zählt derzeit rund 643’000 Einwohner*innen und wird neusten Prognosen zufolge bis ins Jahr 2040 um weitere 140’000 zulegen, was knapp einem Fünftel entspricht. Für die vierzehn Gemeinden umfassende Region um Helsinki herum ist ein Wachstum in gleicher Grössenordnung vorausgesagt. Rund 180’000 Menschen werden demnach in die Nähe der Hauptstadt ziehen. Dieser Trend wird vor allem von einer ausgeprägten Landflucht hervorgerufen. Damit wird sich Helsinki zahlenmässig noch weiter von den anderen Städten des Landes entfernen. Tampere und Turku, die im Nordwesten beziehungsweise Westen der Kapitale liegen, kämpfen weit abgeschlagen um den Rang der zweitgrössten Stadt Finnlands. Ihre Bevölkerungszahlen rangieren je bei rund einer Viertelmillion.

Internationaler Tunnelbau

Entsprechend gross sind die verschiedenen Projekte in und um Helsinki geschnitten, die, sollten sie tatsächlich alle wie geplant realisiert werden, das Stadtbild nachhaltig verändern werden. Die Vorhaben umfassen sowohl Wohn- und Gewerbebauten als auch infrastrukturelle Projekte. Das grösste ist dabei eine Eisenbahnverbindung von Finnland nach Estland. Sie könnte zum entscheidenden Motor zukünftiger Entwicklung des Landes werden. Derzeit verkehren die Fähren dreier Betreiber zwischen beiden Staaten. Zusammengenommen werden bis zu zwölf Verbindungen täglich angeboten, was jährlich etwa acht Millionen Passagiere bedeutet. Zukünftig sollen zwei je 100 km lange Tunnel unter dem finnischen Meerbusen hindurch führen. Eine der beiden Röhren soll dabei dem Frachtverkehr vorbehalten sein, die andere dem Personenverkehr. Zeitgleich ist eine Zugverbindung durch die drei baltischen Staaten in Planung. Zusammen hätten die beiden Projekte für Finnland eine immense Bedeutung, würden sie doch das Land endlich auch auf dem Landweg – ohne dabei Russland durchfahren zu müssen – an Europa anbinden. Angesichts der stetig wachsenden Warenströme und des damit einhergehend steigenden Schiffsverkehrs auf der Ostsee wäre eine solche Entlastung äusserst sinnvoll.

Wohin mit dem Aushub des Eisenbahntunnels nach Estland? Künstliche Inseln sollen damit aufgeschüttet werden. (Visualisierung via finestbayarea.online)
Wetteifern um die Bahnlinie

Bei dem Projekt konkurrenzieren sich zwei verschiedene Akteure mit dem selben Ziel: Zum einen gibt es die private Finest Bay Area Development OY. Dahinter steckt Peter Vesterbacka, ehemaliger Inhaber von Rovio Entertainment, dem Erfinder des Spiels Angry Birds. Vor drei Jahren verliess er die Softwarefirma und widmet sich seither Projekten in der realen Welt. In einer ersten Phase finanzierte er das Projekt aus eigenen Mitteln, im Dezember 2018 konnte er dann den Einstieg der ARJ Holding LLC, einer Infrastrukturunternehmung aus Dubai, vermelden. Sie schoss 100 Millionen Euro ein. Und im März dieses Jahres stieg mit Touchstone Capital Partners ein chinesischer Investor ein, der angeblich die veranschlagten Baukosten von 15 Milliarden Euro übernehmen will. Das Auftauchen des Investors aus Fernost erinnert an ähnliche Mammutprojekte mit chinesischer Unterstützung etwa in Afrika oder Laos (beides ebenfalls Bahnstrecken) und weckt teils Misstrauen. China treibt mit «One Belt, One Road» die Entwicklung einer neuen Seidenstrasse voran. Helsinkis Flughafen ist geografisch günstig gelegen für Flugverbindungen nach Fernost, was Finnland zu einem attraktiven Hub für den Verkehr nach China macht.

Bereits hat die Finest Bay Area Development eine Webseite aufgeschaltet, die das Projekt mit den üblichen Renderings anpreist. Ein Teil des Aushubs soll demnach zu künstlichen Inseln aufgeschüttet werden. Auf diesen sind Hochhäuser geplant – Dubai im Norden. Über die Webseite können sogar schon Zugtickets gekauft werden: Das Einwegbillett kostet günstige 50 Euro, für 1'000 gibt es ein Jahresabo. Gemäss Vesterbacka soll der erste Zug am Weihnachtsabend des Jahres 2024 durch den Tunnel brausen. Ob es wirklich so schnell geht, ist derzeit freilich noch völlig ungewiss. 

Der Gegenentwurf zu Vesterbackas Plänen heisst Finest Link. Ebenfalls seit 2016 projektiert eine öffentlich geführte Initiative unter diesem Namen auch einen Tunnel, jedoch mit einer anderen Streckenführung. Die mit solchen Projekten einhergehenden Richtpläne und Umweltschutzprüfungen werden wohl letztlich den Ausschlag für den einen oder den anderen Vorschlag geben. Eine Kooperation schliesst Vesterbacka bisher aus, vielmehr fühlt er sich in seinem Unternehmergeist behindert durch die Behörden.

Nur ein Ausschnitt des Planungshorizontes für die nächsten 20 Jahre in Helsinki (Grafik via uuttahelsinkia.fi)
Shoppingcenter und neue Quartiere

Derweil entwickelt sich Helsinki als Stadt an zahlreichen Orten weiter. Und während die Umnutzung von alten Industriebrachen in und um die Stadt aus Schweizer Perspektive vertraut wirkt, ist das Entstehen grosser Einkaufszentren eine Entwicklung, die überraschen dürfte: Von den fünf umsatzstärksten Zentren hierzulande wurden vier in den 1970er-Jahren eröffnet, nur das Sihlcity an der Zürcher Peripherie stammt aus diesem Jahrhundert. In Helsinki eröffnete derweil im vergangenen Herbst das 64’000 m2 grosse Redi (es läge in der Schweiz hinsichtlich der Grösse an Platz zwei) in attraktiver innerstädtischer Lage direkt am Wasser. Es ist als Teil eines ganzen Quartiers gedacht, das dereinst acht Hochhäuser mit Wohn- und Büronutzungen umfassen soll. Die Eröffnung des Shoppingcenters verlief äusserst harzig. Es hagelte viel Kritik, denn die Besucherzahlen sind deutlich tiefer als erwartet. Die ursprünglich zeitgleich mit der Eröffnung geplante Fertigstellung des ersten Wohnhochhauses hätte für höhere Besucherzahlen sorgen sollen, doch die Arbeiten verzögerten sich. Nun soll das «Majakka» (Leuchtturm) genannte Gebäude dieses Jahr fertig werden. Es wird 283 Wohnungen beherbergen. Von diesen werden nur vier grösser als 100 m2 sein. Der Druck auf das gesamte Projekt dürfte indes weiter hoch bleiben: Der Vertrag zwischen der Stadt Helsinki und dem Baukonzern SRV schreibt die Fertigstellung von 95 Prozent der Gebäude bis ins Jahr 2024 vor. Andernfalls drohen Bussen von 10’000 Euro pro Tag bis zu einer Gesamtsumme von einer halben Million.

Grosser Zeitdruck herrscht beim Bau der Häuser um das Einkaufszentrum Redi in Helsinki. Ein Hochhaus wird bereits zu spät fertig. (Visualisierung via srv.fi)
Surfen im Stollen

Etwas weiter nördlich liegt das Viertel Pasila. Überraschend vergleichbar mit Zürich-Oerlikon bietet es ein grosses Messezentrum und das Hockeystadion Hartwall Arena. Auch hat es eine industrielle Vergangenheit im Eisenbahn- und Lokomotivbau. Der Bahnhof ist einer der am stärksten frequentierten des ganzen Landes. Hier entsteht derzeit ebenfalls ein ganzes Quartier mit verschiedensten Nutzungen unter dem Namen «Tripla». Im Wortsinn herausragendes Wahrzeichen der Anlage wird ein 180 m hohes Wohnhochhaus mit 51 Etagen sein, mithin das höchste Gebäude Finnlands. Zu seinen Füssen wird die Mall of Tripla im Herbst dieses Jahres ihre Tore öffnen. Für dieses Grossprojekt konnte Rem Kolhaas’ OMA gewonnen werden, als finnischer Partner und lokaler Architekt zeichnet das Büro Soini & Horto verantwortlich. Der ebenfalls komplett neu zu erstellende Bahnhof wird vom finnischen Büro Brunow & Maunala geplant. Das Projekt entsteht in mehreren Etappen und wird voll ausgebaut 115’000 m2 Fläche aufweisen, davon 50’000 an Bürofläche, zudem über 400 Wohnungen und ein Hotel mit 430 Zimmern. Ebenso wird ein Busterminal für den Nahverkehr integriert sein und auch an einen späteren Anschluss ans U-Bahnnetz wurde schon gedacht. Bis es soweit ist, wird der Stollen mit einer Indoor-Surfanlage als Zwischennutzung bespielt. Der Betreiber wirbt mit dem ewigen Sommer – unter Tage.

Tripla, das neue Quartierzentrum in Pasila mit Bahnhof (Visualisierung via tripla.yit.fi)
Megazentren versus Landflucht

Ein, wenn nicht gar der Trumpf des Projektes ist seine unglaublich vorteilhafte Lage: Die Hauptachse des finnischen Eisenbahnnetzes führt direkt daran vorbei, zum Hauptbahnhof von Helsinki und somit dem Stadtzentrum sind es gerade einmal vier Minuten, zum Flughafen nur gut zwanzig. Der Vermarkter wirbt damit, dass ein Viertel der Finn*innen in einem Umkreis von nur 30 Minuten lebe. Bei allem Optimismus und Fortschritt ist ein Projekt dieser Grössenordnung eine krasse Zäsur für das Land. Man mag geneigt sein zu hoffen, dass die Prognosen und Hochrechnungen bezüglich des Wachstums in Erfüllung gehen mögen, damit hier nicht eine Planungsleiche an bester Lage entsteht. Doch ist dies eine sehr einseitige Sichtweise. Was solch zentralisierenden Projekte nämlich für das weitere Umland bedeuten, wurde bereits eingangs erwähnt: Landflucht und damit die weiter fortschreitende Marginalisierung anderer Regionen. Dem hohen Norden steht eine spannende Zukunft bevor.

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