Alpine 1950er-Jahre-Bauten in einer Ausstellung in Stans

Nierenpool und Villa im Tessin

Gerold Kunz
29. September 2016
Bürgenstock, Garderobengebäude. Bild: Christian Hartmann (2016)
Sowohl auf dem Bürgenstock wie auch in der Oberen Leventina diente amerikanische Architektur als Vorbild bei der Erneuerung der lokalen Baukultur in den Nachkriegsjahren. In einer Ausstellung in Stans stehen sich Beispiele gegenüber.
Zwei Architekturbiotope der 1950er-Jahre stehen sich im Salzmagazin von Stans in der Ausstellung «Der Traum von Amerika – 50er Jahre Bauten in den Alpen» gegenüber. Obwohl in zwei voneinander getrennten Welten entstanden, lassen sich die Bauten der Gebrüder Guscetti sehr gut mit den Kleinbauten im Bürgenstockresort vergleichen. Es verbindet sie nicht nur die Verwendung von natürlichen Materialien wie Holz, Naturstein, Beton und Glas, auch ihre Lage im alpinen Kontext ist ähnlich. Damit lassen sich die Bauten vordergründig dem für die Nachkriegsjahre typischen Regionalismus zuordnen, mit ihrer Architektur hingegen nehmen sie unmittelbar Bezug zu einer von der amerikanischen Entwicklung geprägten Moderne.

Die Planer südlich des Gotthards teilten ihre Faszination für die amerikanische Architektur mit ihren Kollegen auf der Alpennordseite. Während das junge Brüderpaar auf Abbildungen in Publikationen oder Zeitschriften zurückgriff, hatte der frisch gekürte Hoteldirektor Fritz Frey (1916-1997) seine Inspiration auf seiner kurz zuvor bestrittenen Amerikareise in Arizona und Kalifornien gefunden. Für Ingenieur Alberto (*1930) und Architekt Aldo Guscetti (*1931) setzten Walter Gropius und Frank Lloyd Wright den Massstab, auf dem Bürgenstock entwickelten Frey und seine Architekten nicht nur eine eigene Architektursprache sondern bezogen in die Gestaltung auch die Umgebung mit ein, was den archithese-Gründungsredaktor Stanislaus von Moos 1975 zur Aussage verleitete, im Bürgenstock das einzige schweizerische Äquivalent zu Las Vegas zu erkennen.
Bürgenstock, Stickereigebäude. Bild: Christian Hartmann (2016)
Von der Architekturgeschichtsschreibung übergangen
Im Unterschied zu den Kleinbauten auf dem Bürgenstock, die zwar geschützt sind, sich gegenwärtig dennoch einem Totalumbau gegenüber behaupten müssen, sind die Wohnhäuser in der Oberen Leventina nahezu original erhalten geblieben. Es scheint, dass im Resort kein Stein auf dem anderen belassen wird, hingegen im Tessin die Entwicklung gänzlich ausbleibt. Beide Werkgruppen wurden bisher von der Schweizer Architekturgeschichtsschreibung übergangen. Mit der Ausstellung in Stans wird dieses Versäumnis nun nachgeholt.

Die Bauten sind in einer Zeit entstanden, als die Heroen der modernen Architektur ihre Meisterwerke schufen. Frank Lloyd Wright bereitete mit dem Guggenheim-Museum sein Schlüsselwerk vor; Le Corbusiers «Unités» gingen in Serie, und Mies van der Rohe verwirklichte in Chicago mit seinen Stahl-Glas-Wohntürmen ein Sinnbild für den urbanen Pfad im American Way of Life. Im Unterricht am Illinois Institut of Technology (IIT) zogen Mies, wie Wright in Taliesin und Le Corbusier im Atelier an der Rue de Sèvres, eine neue Generation von Architekten heran. Doch weder die Gebrüder Guscetti noch die Architekten auf dem Bürgenstock zählten dazu. Dennoch müssen sie, wie viele ihrer Zeitgenossen auch, die Signale aus Amerika empfangen haben. Auch Luigi Snozzi (*1932) errichtete 1958/59 in Faido mit der Casa Lucchini sein Tribut an Frank Lloyd Wright, ebenso Bernhard Hoesli (1923-1984), der 1966 zusammen mit seinem Partner Werner Aebli (1925–2011) in Emmetten ein Wohnhaus im Prairie Style erstellte.
Garage mit Tankstelle und Einfamilienhaus in Ambri, Architektur F.lli Guiscetti (1957). Bild: Willi Borelli, Airolo
Zeitgenössische amerikanische Architektur als Vorlage
Hoesli erinnerte sich, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals Bilder von Wrights Fallingwater in der Ausstellung «USA Builds» zu sehen bekam, die 1946 durch die Schweiz und andere Orte in Europa reiste. Auch fand er Bilder in «Built in USA: A Survey of Contemporary American Architecture», dem Katalog zur 1944 gezeigten Ausstellung des Museums of Modern Art in New York (MoMa), das eine Auswahl neuer amerikanischer Architektur ab 1932 präsentierte, zum Beispiel das 1940 von Gropius und Breuer in Wayland erstellte Chamberlain Cottage, das als Vorlage für einige der Gebäude der Guscettis in Ambrì und Umgebung gedient haben muss.

Als Fortsetzung des MoMa-Katalogs ist Paul Artarias 1947 in Erlenbach bei Zürich veröffentlichte zweisprachige Publikation mit Beispielen zu «Ferien- und Landhäusern/Weekend and Country Houses» zu betrachten. Darin finden sich moderne neben traditionellen Beispielen, aus Europa, den USA und Japan, in die Prärie oder in Gebirgslandschaften eingebettet. Wright ist mit Fallingwater und den Wohnhäusern in Okenos, Taliesin, und Palo Alto vertreten. Letzteres Werk wird mit in einer Innenaufnahme gezeigt, dessen Kamin an die Ausführung des Kamins in der Villa Giovanni Guscetti (1958 in Ambrì-Sopra erstellt) erinnert: Der Eckverbund der Backsteine ist bei beiden Kaminen identisch. Ohne die direkte Übernahme von Grundrissen oder Fassaden zu erkennen, sind alle Bauten der Guscettis getragen von Ideen und Bildern, die sich in diesen Publikationen finden.
Bürgenstock, Garderobengebäude. Bild: Christian Hartmann (2016)
Wie Sterne für die Navigation
Tatsächlich lassen sich auch in den Kleinbauten auf dem Bürgenstock wichtige Verweise auf die Architektur der Zeit herleiten. Denn die Arbeiten der drei Meisterarchitekten Wright, Le Corbusier und Mies waren für die aktive Generation das, «was die Sterne für die Navigation sind: Fixpunkte, denen sich Studenten und Berufsleute ihre eigene Position und Ausrichtung unterzuordnen hatten», erinnerte sich Hoesli in seinem posthum veröffentlichten Text. Der Hotelier Frey nutzte zudem den Hotelbetrieb, um seine Architekturen auch im Gebrauch zu testen.
 
Das Publikum, eine ausgewählte Gästeschar, darunter die Film-Stars Audrey Hepburn und Sophia Loren, unterstützte seine Innovationen. Er entwickelte eine Einkaufsmeile zwischen den Hotelpalästen. Dazu erstellte er Pavillons, die sich an einem Spazierweg aufreihten. Das Schwimmbad im Waldpark Ost mit dem Nierenpool errichtete er in zwei Etappen. Nachdem sich im ersten Betriebsjahr ein Erfolg abzeichnete, wurde die Anlage mit dem kreisrunden Garderobengebäude erweitert. Doch die grösste Attraktion stellte die Unterwasserbar dar, die durch drei Bullaugen eine Innensicht in den Pool freigibt. In der Eröffnungsszene des Bondklassikers Goldfinger, für den 1964 in Andermatt und bei den Flugzeugwerken in Stans gedreht wurde, fand diese Pool-Perspektive knappe zehn Jahre später den Weg zum breiten Kinopublikum.
Blick auf das Bürgenstock-Freibad während einer Modeschau in den 1960er-Jahren, historische Aufnahme. Bild: Privatalbum Fred Hausheer (Direktor der Bürgenstock-Hotellerie in den 1960er-Jahren)
Der Hotelier betrachtete sein Resort als Entwicklungsgebiet. Anschaulich zeigt in der Ausstellung ein Modell aus den späten 1960er-Jahren weitere Bauten, die jedoch nicht realisiert wurden. In deren Architektur mit den klaren Konturen, den kubischen Formen und der horizontalen Ausrichtung ist eine gemeinsame Formensprache zu den Tessiner Bauten der Guscettis zu erkennen. Vielleicht ging es Frei wie Hermann Faller, dem Mitbegründer der deutschen Eisenbahnmodellfabrik, der sich auf seiner Fahrt nach Luino nicht nur von der Villa Giovanni Guscetti inspirieren, sondern diese von seinem Architekten über dem Firmengelände in Gütenbach nachbauen liess. Auch ihn motivierte der Erfolg seines neuen Heims. Er verwendete seine Villa als Vorlage für ein Eisenbahnmodell, um es als Villa im Tessin in tausendfacher Ausführung in die ganze Welt zu liefern.
Guscetti, Villa Giovanni Guscetti. Bild: Christian Hartmann (2016)

«Der Traum von Amerika – 50er Jahre Bauten in den Alpen»
Das Nidwaldner Museum zeigt im Salzmagazin in Stans eine Ausstellung zu zwei Biotopen der Architektur der 1950er-Jahre auf dem Bürgenstock und in der Leventina. Die Ausstellung dauert vom 10. September bis zum 20. November 2016.
www.nidwaldner-museum.ch
 

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