Relektüre einer Stadt

 Susanna Koeberle
12. Juli 2018
Installation «Tutto» von Matilde Cassani an der Kreuzung Quattro Canti. Bild: Lucas Christi/Traeger Foto
Die nomadische Biennale Manifesta besiedelt dieses Jahr die sizilianische Hauptstadt. Die Arbeiten von Kunstschaffenden lassen neue Sichtweisen auf dieses gebeutelte Juwel zu. Hauptprotagonistin bleibt Palermo selbst.
Pflanzen tun es wie wir Menschen seit Jahrtausenden: migrieren. Sie sind richtige Profis darin, auch was Koexistenz angeht (quasi die Folge von Migration). Wie das funktioniert, zeigt sich zum Beispiel im Orto Botanico von Palermo. 1789 gegründet und 1795 eröffnet, stellt er eines der schönsten Exemplare seiner Art dar; er beherbergt Pflanzen aus allen Ländern. Etwa den immensen, fast 200-jährigen Ficus macrophylla columnaris, der mit seinen Luftwurzeln einer Kathedrale von Gaudí gleicht. Kaum erstaunlich, wurde dieser aussergewöhnliche Garten als eine der Örtlichkeiten für die Manifesta 12 ausgewählt. Die vier Creative Mediators (man meidet neuerdings das Wort Kurator, das mittlerweile fast zum Schimpfwort mutiert ist) haben die Metapher der migrierenden Pflanzen beim Wort genommen.

​Das Motto der Manifesta 12, The Planetary Garden. Cultivating Coexistence, ist den Schriften des französischen Landschaftsarchitekten, Botanikers und Gartenphilosophen Gilles Clément entlehnt. Dieser sieht unsere Erde als grossen Garten, zu dem wir alle Sorge tragen müssen. Das Thema hört sich nicht nur blumig an, es ist angesichts der aktuellen Entwicklungen (Klimawandel und so fort) sogar ziemlich dringlich anzugehen. Kann Kunst für solche Themen sensibilisieren? Ein Augenschein vor Ort macht deutlich, dass es den Manifesta-Machern und -Macherinnen durchaus gelungen ist, mit dieser Ausgabe etwas in Bewegung zu setzen. Ob dies die Stadt nachhaltig verändern wird, ist allerdings fraglich. Kultur und soziale Anliegen unter einen Hut zu bringen, ist kein einfaches Unterfangen.
 
Der Botanische Garten Palermos gehört zu den schönsten seiner Art. Bild: sk
Das Projekt von Leone Contini ist eine von acht künstlerischen Interventionen im Orto Botanico. Bild: Traeger Foto
Als mediterraner Hub mit sozialen, geopolitischen und ökologischen Problemen bietet sich Palermo als Austragungsort jedenfalls für ein solch engagiertes kulturelles Unterfangen an. Zumal auch der Bürgermeister Leoluca Orlando nicht müde wird, Kultur als Instrument für einen positiven Wandel zu verkaufen. Damit mag er Recht haben, denn Veränderung beginnt bekanntlich im Kopf. Kurze Fussnote: Der Pathospegel an den Eröffnungsreden war für meinen «Geschmack» dann doch etwas zu hoch. Kultur fand, wie Orlando auch stets betont, in «seiner» Stadt (er war bereits zwischen 1985 und 2000 Bürgermeister und ist es seit 2012 erneut) eben stets im Plural statt. Palermos Geschichte war und ist geprägt durch Fremdbestimmung und kulturelle Durchmischung. Koexistenz ist also in diesem Fall keine leere Worthülse.

​Um die komplexen Realitäten einer Stadt zu verstehen, bedarf es  allerdings einer vertieften Auseinandersetzung. Im Vorfeld der Manifesta wurde das holländische Architekturbüro OMA  (einer der Mediatoren ist Ippolito Pestellini Laparelli, Partner bei OMA) mit einer Studie zur Stadt  beauftragt. Diese ist nun als «Palermo Atlas» auch in Buchform erhältlich. Ein weiterer wichtiger Pfeiler des Konzepts war der transdisziplinäre Ansatz sowie das Verankern im lokalen Kontext, sprich die Zusammenarbeit mit Einheimischen.
 
Ausserhalb Palermos, in der Zona Espansione Nord (ZEN) ist ein Projekt von Coloco + Gilles Clément zu sehen. Bild: Cave Studio
Viele der mehr als 40 beteiligten Künstler und Künstlerinnen nahmen dies zum Anlass, sich auf die Stadt und ihre vielfältigen Traditionen einzulassen. Palermo ist nicht nur botanisch gesehen ein Schmelztiegel, sondern ist auch geprägt durch kulinarische und kulturelle Durchmischung. Die Architektin Matilde Cassani etwa befasste sich mit den vier Stadtheiligen Palermos. Ihr fiel auf, dass auch ein Teil der tamilischen Gemeinde Palermos katholisch ist. Ihre vier Riesenfahnen an einer wichtigen Kreuzung der Stadt (Quattro Canti) zeigen Santa Lucia, Santa Rosalia, San Antonio und San Francesco, die bei Cassani mit neuen Attributen wie einem Bananenblatt oder einem Äffchen versehen wurden. Regelmässig geht ein Regen aus bunten Papierschnipseln auf die Passanten nieder. Solche einfachen Eingriffe im öffentlichen Raum bilden die künstlerischen Glanzstücke der Manifesta 12. Meist sind die Palazzi selbst nämlich so eindrücklich, dass die teilweise kopflastige Kunst dabei unterzugehen droht. Man muss sich Zeit nehmen, um die vielen Videos anzusehen, das ist heutzutage nicht selbstverständlich.

​Eine der schönsten Videoarbeiten war leider nur an wenigen Wochenenden zu sehen. Das italienische Künstlerduo Masbedo (das auch im Palazzo Costantino mit einer Videoarbeit präsent war) zeigte im Archivio di Stato mit «Protocollo no 90/6» eine Hommage an den italienischen Regisseur Vittorio De Seta. Auf einem riesigen Bildschirm, umgeben von Büchern und Papierbergen, sah man eine vom Puppenmacher Mimmo Cuticchio handgefertigte und animierte Marionette, die sich ruckartig bewegte und einem dabei immer wieder direkt in die Augen schaute. Die schummrige Atmosphäre des eindrücklichen Saals tat das ihre zur Wirkung dieser Arbeit. Gerade solche Installationen beweisen, dass weniger manchmal mehr ist – so abgegriffen das auch klingen mag.
 
«Protocollo no 90/6» vom italienischen Duo Masbedo im Archivio di Stato. Bild: sk
Neben den über 20 Locations der Manifesta (einzelne auch ausserhalb der Stadt, siehe den Bericht über die Zona Espansione Nord in der NZZ) gibt es etliche Sidevents und kollaterale Ausstellungen zu erleben. Eine davon sei löblich erwähnt. Schon nur das Haus ist (gerade für Architekten und Architektinnen) einen Abstecher wert. Da das Nebenhaus 1943 bombardiert wurde, geriet das Gebäude in Schieflage. Die meisten Bewohner glichen die Schräge in den Wohnungen aus. Der palermitanische Architekt Fabio Lombardo, ein Mitarbeiter von Carlo Scarpa (er arbeitete mit ihm am Umbau des Palazzo Steri in Palermo), wohnte viele Jahre dort – in Schräglage. In dieser Wohnung ist «Cassata Drone», eine von G.Olmo Stuppia konzipierte und von Giovanni Rendina kuratierte Ausstellung zu sehen. Die beiden luden drei Künstlergruppen ein, welche mit ihren ortsspezifischen Installationen einerseits mit der Wohnung  interagieren, andererseits auf die im wahrsten Sinne der Wortes vielschichtige Geschichte der Stadt eingehen. Während das sizilianische Dessert Cassata zum Sinnbild für die multikulturelle Identität Palermos wird, nimmt Drone die geopolitischen und militärischen Realitäten Siziliens unter die Lupe. Das Gefühl der Instabilität und Desorientierung wird dabei vor allem in der Arbeit von MDR (Maria D Rapicavoli) physisch spürbar. Ihre im vorderen Raum hängenden Geschosse aus Porzellan und Alabaster zeigen, was der Körper schon beim Betreten der Wohnung weiss: Hier stimmt etwas nicht.
 
Die Arbeit von MDR fokussiert auf das Gefühl der Instabilität des Gebäudes. Bild: F. Cutitta
Das gilt auch andernorts, darüber können selbst die künstlerischen Interventionen nicht hinwegtäuschen. Doch das ist wie gesagt auch nicht das Ziel der Manifesta 12. Sie will nicht Spuren verwischen, sondern vielmehr fruchtbare Spuren hinterlassen. Bestes Beispiel dafür ist die Intervention und Forschungsarbeit  «Giardino dei giardini. Azioni sulla Costa Sud». Der palermitanische Architekt Roberto Collovà beleuchtet damit ein unrühmliches Kapitel der Stadt, nämlich das Abladen von Bauschutt an der südlichen Küste Palermos zwischen 1950 und 1980. Diese Praxis zerstörte die Strände, die jeweils von einfachen Leuten besucht wurden, und hinterliess ein No man's land. Das hielt der Architekt fotografisch fest; Collovà wirft damit gleichzeitig die Frage nach der Neunutzung dieses Landstrichs auf. Eine leuchtende Brücke, in der Art, wie sie bei sizilianischer Weihnachtsbeleuchtung üblich ist, verweist auf das utopische Moment dieses Projekts. Vielleicht trägt es dann auch in der Realität seine Früchte.
 
«Azioni sulla Costa Sud» von Roberto Collovà im Palazzo Costantino. Bild: Traeger Foto

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