Snozzi-Momente in Basel

 Susanna Koeberle
14. Juni 2018
Luigi Snozzi mit Zigarette kurz nach der Verleihung des Prix Meret Oppenheim. Bild:sk
Luigi Snozzi nahm am Montag in Basel den Prix Meret Oppenheim in Empfang. Eine Begegnung vor Ort.
Als erstes fragt er nach Feuer. Auf der langen Autofahrt vom Tessin nach Basel konnte Luigi Snozzi nicht rauchen. Das geht gar nicht. Nun zündet er sich genüsslich eine Zigarette an. Dann kann es losgehen. Er zieht sich zurück und erschient kurz darauf in einem weissen Hemd und weissen Jackett. Strahlend. Er sei es sich wohl gewohnt, Preise entgegen zu nehmen, er habe ja unter anderem schon drei Mal einen Doktor honoris causa bekommen, sage ich ihm auf dem Weg zur Halle 3, wo der Tessiner Architekt den Schweizer Grand Prix Kunst, den Prix Meret Oppenheim, bekommen wird. Vier Mal, korrigiert er.

Kurz vor dem Betreten des Raumes noch eine schnelle Zigarette. Es herrscht zwar Rauchverbot, aber man lässt ihn dennoch. Er ist ja schliesslich extra nach Basel gekommen, keine Selbstverständlichkeit in seinem Alter. Alles ist perfekt orchestriert, man weiss seine Präsenz in Basel zu schätzen. Die Laudatio von Architekturhistoriker Werner Oechslin skizziert gleich zu Beginn ein prägnantes Bild des Tessiner Architekten: Luigi Snozzi mit Bleistift und Zigarette in der Hand. Er zeichne auch heute noch jeden Tag, erzählt Snozzi später am Tisch. Was er zeichne? La città, sagt er ganz kurz. Eigentlich habe er Künstler werden wollen, die Architektur sei ein Kompromiss gewesen.

​Doch bereits dem Akt des Zeichnens geht ein Nachdenken über das Projekt voraus, ein Reduzieren auf das Wesentliche. Architektur ist für Snozzi ein langsamer Prozess, keine schnelle Skizze. Kein Strich zu viel. Überhaupt scheint sein Werk durch Reduktion gekennzeichnet zu sein, auch sprachlich. Eine Knappheit und Präzision, die auch den Aphorismus kennzeichnet, eine von Snozzis bevorzugten Ausdrucksweisen. Doch das Kurze beschleunigt nicht, sondern verlangsamt. A passo d’uomo (im Schritttempo) muss Architektur funktionieren, denn schliesslich geht es dabei um Bauten für Menschen. Ein banaler Fakt, der heute häufig ausgeblendet wird. Auch wenn zurzeit Entschleunigung in aller Munde ist.
Auf dem Weg zur Halle 3.
«Es braucht ein Projekt»
​Nach der Preisverleihung setzen wir uns hin. Die Idee ist, ein Interview zu führen. Aber davon kann keine Rede sein. Alle wollen Snozzi gratulieren, laufend kommen Menschen an den Tisch, die Stimmung ist ausgelassen. Es wird viel Tessinerdialekt gesprochen, auch Französisch. Seine Antwort auf die Frage, wie man sein Konzept der «Architektur der Ineffizienz» auf das Problem der schnell wachsenden Städte auf der ganzen Welt übertragen könne, geht im Lärm der Gäste unter. Bruchstücke dringen durch: Die Lösung sei nicht einfach, denn man müsse in der Architektur immer die ganze Gesellschaft betrachten. L’insieme bezeichnet auf Italienisch nicht nur das Gesamtbild, sondern ebenso das Miteinander. Das ist bezeichnend für Snozzis Haltung, denn es geht ihm beim Entwerfen in erster Linie um eine soziale Dimension. Was auf keinen Fall heisst, dass die Form sekundär sei, im Gegenteil.

Zu uns setzt sich ein ehemaliger Student der EPFL (École Polytechnique Fédérale Lausanne), wo Snozzi viele Jahre Professor war. Simon Decker findet, das grösste Werk von Snozzi sei seine Unterrichtstätigkeit, sein Denken. Ein monumentales Werk, das noch stärker sei als das gebaute, das man sehen könne. Sehen kann man auch das gemeinsame Projekt von Snozzi und Decker nicht, eine Stadt in Argentinien. Die Stadt wurde schliesslich nicht realisiert, obwohl das Projekt weit fortgeschritten war und auch politisch abgesichert schien. Doch dann änderte die Regierung und die Pläne wurden in die poubelle geschmissen, erzählen die beiden. Decker, der halb Argentinier ist, sah im Land eine wirtschaftliche Revolution entstehen. Seine Idee war, die etwas abgelegene und von Entwicklungen abgeschnittene Stadt Victoria mit Rosario, einer grossen Industriestadt, zu verbinden. Er habe für den Entwurf dieser Stadt den Urbanisten Luigi Snozzi geholt.
Mit seinem ehemaligen Studenten Simon Decker plante er eine Stadt in Argentinien. Bild. sk
Dre Architekt Hans-Jörg Ruch und Diana Segantini (Kulturchefin beim Tessiner Fernsehen) gratulieren auch. Bild: sk
Schliesslich hat gerade das Beispiel Monte Carasso gezeigt, was eine durchdachte Planung für die Entwicklung eines Ortes bedeuten kann. Dieses städtebauliche Konzept habe keine Grenzen, man könne das überall anwenden, sagt Decker. Von dieser intelligenten Form der Verdichtung profitiert Monte Carasso auch heute noch, fast 40 Jahre nach Snozzis «Eingriffen». Monte Carasso sei ein Meisterwerk, das hört man an diesem Abend mehrmals. Es ist eine urbanistische Setzung, die ausgehend von einem leeren Zentrum Grenzen definiert und dadurch Struktur schafft. Eine Planung, die zudem von grosser Geduld und einem unbeirrbaren Glauben an die Kraft der Architektur zeugt. Diese Struktur sei die Basis jeder Stadt, das sagt Snozzi auch heute noch. Erst dieses Raster erlaubt ein nachhaltiges Wachstum. «Il faut un projet», doppelt er hier in Basel nach. Snozzi und Decker lachen. Auch in diesem chaotischen Augenblick zeigt sich Snozzis Fähigkeit, die Sache auf den Punkt zu bringen. Das Gespräch verliert sich immer wieder, aber das Wesentliche geht nie verloren.
Alfredo Häberli scheint sich bestens zu unterhalten mit Luigi Snozzi. Bild: sk
Nun will auch Alfredo Häberli gratulieren. Er bewundere seine Architektur, sagt der Designer. Dann möchte das Fernsehen ein paar Fragen stellen. Es wird langsam anstrengend für den älteren Herrn. Aber die gute Laune bleibt bestehen, es wird viel gelacht an diesem Abend. Ich sitze Snozzi gegenüber und halte das Geschehen fotografisch fest. Die vielen Begegnungen sind wichtiger, der Moment zählt. Gespräche hat der Denker und Architekt schon viele geführt. Ein sehr schönes mit Stefano Moor, einem langjährigen Mitarbeiter, ist auch in der Publikation zum Prix Meret Oppenheim nachzulesen. Dann wird zum Aufbruch aufgerufen, sein Arzt ist eine Art Schutzengel, der über den Abend wacht. Snozzi steigt mit seiner Frau ins Auto und winkt zum Abschied. Danach kann ich getrost auf den Design Miami/Basel Apéro verzichten. Was ich in diesen wenigen Stunden erlebt habe, wird mir immer in Erinnerung bleiben.
Auch das Fernsehen will ein kurzes Interview führen. Bild: sk
Snozzi hat mit seinem Projekt in Monte Carasso gezeigt, was Architektur bewirken kann. Bild: zvg

In der Halle 3 liegt die Publikation zum Prix Meret Oppenheim auf.
Zudem werden Filme von Interviews mit den drei Preisträgern gezeigt.

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