Territorien zwischen Urbanität und Natur

Susanna Koeberle
10. Mai 2018
Zeitgleich zur Biennale wurde die von Nina Rappaport kuratierte Ausstellung «Vertical Urban Factory» eröffnet. Bild: zvg

Zum zweiten Mal fand Ende April die Biennale des i2a in Lugano statt. Die Vorträge und Diskussionen zeigten, dass das Thema alle etwas angeht, sowohl Architekten und Landschaftsplaner als auch Politiker – und vor allem die Bevölkerung selbst.

Das Tessin als Rand- und Durchgangskanton kämpft mit vielen Problemen. Allerdings zeigt sich gerade an den Entwicklungen auf diesem Gebiet der Schweiz die Aktualität von Themen, die über das Lokale hinaus auch nationale und internationale Relevanz haben. Das in Lugano ansässige Architekturinstitut «i2a» (istituto internazionale di architettura) nimmt sich seit vielen Jahren der ganzen Bandbreite der Themenbereiche an, welche Stadt, Natur und Landschaft betreffen. Bewusst wird auf einen Austausch mit der lokalen Bevölkerung gesetzt. Dass das Thema «territorio» (das man hier ehesten mit Lebensraum übersetzen könnte) nämlich alle betrifft und gerade heute besonders aktuell und dringlich ist, wird im Institut ernst genommen. Ludovica Molo, Direktorin des «i2a» und seit Mitte 2016 auch Präsidentin des BSA, setzt sich mit einem kleinen Team und trotz spärlichen finanziellen Mitteln dafür ein, eine Brücke zwischen akademischem Diskurs und den Bedürfnissen der Zivilgesellschaft zu schlagen. Zu den Veranstaltungen, die einen solchen Dialog ermöglichen sollen, gehört auch die «Biennale i2a», die Ende April zum zweiten Mal stattfand. Sie stand unter dem Motto «Fortbestand und Veränderung des Lebensraums: Die Gesellschaft der Zukunft zwischen Urbanität und Natur». Zu Recht widmete sich dieser Dialog im Fall der Biennale breit gefassten Fragestellungen. Zum Kuratorenteam des Events gehören neben Molo auch Caspar Schärer (Generalsekretär des BSA) und Ariane Widmer (Architektin und Raumplanerin aus Lausanne).

Während drei Tagen fanden Besichtigungen im Aussenraum sowie Vorträge von und Diskussionsrunden mit geladenen Gästen statt. «Es war uns wichtig, Vertreter aller auf nationaler Ebene in das Thema involvierten Akteure einzuladen», sagte Molo in ihren einleitenden Bemerkungen. Dass die Veranstaltung es schaffte, Vortragende aus allen Landesteilen und allen wichtigen Institutionen an einen Tisch zu bringen und darüber hinaus auch den informellen Austausch bei Speis und Trank pflegte, ist eine beachtliche Leistung. Spezialisten und Spezialistinnen aus den Bereichen Architektur, Raumplanung und Landschaftsarchitektur präsentierten ihre Projekte und stellten sich den Fragen des interessierten Publikums. Besonders erhellend waren auch die Vorträge von Nichtarchitekten etwa der Digital-Anthropologin Stefana Broadbent oder dem Designer Francesco Carra. Sie bereicherten die vorgebrachten Thesen und Beispiele durch neue Aspekte, die zu einem ganzheitlichen Bild der Situation beitrugen. Schliesslich war ja das Thema der Biennale weniger auf Bauten an sich als auf Baukultur und kollektive Räume ausgerichtet – dies in ihrer territorialen, geistigen und digitalen Dimension. Und nicht zuletzt zielten viele Fragen auf die politische Tragweite des Ganzen.

Die Direktorin des i2a, Ludovica Molo, bei der Begrüssung in der «Villa Saroli». Bild: zvg

Gemeisame Sprache als Basis
​Die zwei Einstiegsreferate von Paolo Poggiati (Leiter des Amtes für Raumentwicklung des Kantons Tessin) und Frédéric Bonnet (Architekt, Urbanist und Professor in Mendrisio und Marne-la-Vallée bei Paris) steckten das Feld zwischen lokalen und internationalen Fragestellungen ab; dabei zeigte sich auch, wie verwandt gewisse Thematiken trotz geografischer Ferne zuweilen sind. Während Poggiati auf die Tatsache hinwies, dass die Zonenpläne im Tessin nicht an die spätere politische Fusionierung vieler Gemeinden angepasst wurden und die schiere Anzahl einzelner Regelungen den Handlungsraum einschränke, sprach Bonnet über verschiedene Beispiele in Frankreich. Das zentralistisch organisierte Land bringe zuweilen auch den Glücksfall von Leerstellen mit sich, sprich von Gebieten, die nicht überorganisiert seien. Allerdings müsse auch dort der Fokus auf das Gleichgewicht zwischen privaten Investoren und öffentlicher Hand gelegt werden. Der Schwerpunkt seiner Arbeit als Architekt liegt denn im Urbanismus und in der Entwicklung von öffentlichem Raum. Die zwei Beiträge zeigten anschaulich, dass es auch in der Architektur darum gehen muss, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Ein Sprache, die sich an alle adressiert und die auch dazu führen sollte, dass alle Verantwortung übernehmen – sowohl die Architekten, die Raumplanerinnen wie auch die einzelnen Bürger. Dass dabei letztere nicht einfach passive Nutzer von Räumen sind (was ja häufig bei Kulturpessimisten aller Couleur der Tenor ist), sondern diese sehr wohl aktiv besetzen und beleben, machte beispielsweise Stefana Broadbent deutlich. Die Digitalisierung verändere auch unser Verhalten im öffentlichen Raum, gab sie zu bedenken. Unsere private Interaktion mit physisch nicht präsenten Menschen durch verschiedene Kanäle sieht sie als Ausweitung der Kommunikationszone und durchaus als «agency» (Handlungsmacht) der digitalen Nutzer. Sie plädierte für eine positive Sicht auf die Ressourcen der Digitalisierung, die es erlaube, den öffentlichen Raum auch als privaten Raum nutzen. Die Trennung dieser Bereiche sei eine «Errungenschaft» der Industrialisierung, welche die  Kontrolle über die Arbeitskräfte zum Ziel gehabt habe. Diese Kontrolle (wenigstens ein Stück weit) wieder selbst in die Hand zu nehmen, betrachtet sie als Lerneffekt unseres Umgangs mit den Möglichkeiten der Digitalisierung. Eine frische Sicht auf dieses Thema, denn meistens heisst es ja, wir seien «Sklaven» unserer Devices (was die junge Generation in der Regel anders sieht).

Giovanni Netzer, der Leiter des Origen Kulturfestivals, war nur einer der Vortragenden, welcher über eine Form der Ermächtigung von unten sprach. Bild: zvg

Wir haben es in der Hand
​Als eine Form von Ermächtigung ist das Projekt von Giovanni Netzer, Direktor des Origen Kulturfestivals (und Gewinner des Wakker Preises 2018), zu verstehen. Der Theatermacher nutzt fehlende Strukturen als Chance und entwickelte ausgehend von ungenutzten Bauten neue Formate, die auch unsere Sicht auf die Landschaft und ländliche Gegenden verändern. Eine andere kleine «Utopie» realisierte Dieter Dietz mit seinen  Studenten an der «EPFL». Auch hier ging es um das Potential eines experimentellen Ansatzes. «House 1» fokussiert auf die Interaktion zwischen Menschen, statt einem Masterplan zu folgen. Die Beispiele haben nichts mit Schönrederei oder Naivität zu tun, sondern mit der einfachen Geste des Handelns. Veränderungen fangen nämlich immer von unten an, das ist an sich nichts Neues, heutzutage heisst das Empowerment. In die gleiche Richtung gehen die Plattformen «if you want too» oder das «climate reality project»,  die der Entrepeneur Francesco Carra lancierte und an der Biennale erklärte. Beide Projekte beweisen, dass globale Mobilisation durchaus etwas verändern kann. Und dass jeder und jede seinen Teil zur Veränderung beitragen kann.

​Auch die Beiträge von  Peter Swinnen («The policy whisperer»), Rudi Baur, Stefan Kurath und Joris van Wezemael wiesen in diese Richtung. Die Form unseres Lebensraums ist die Folge gesellschaftlicher Mitwirkung, so die Quintessenz. Auch Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamtes für Kultur, wies in einem Statement auf die Dekalaration von Davos hin. Diese zeigt die Relevanz von Baukultur für die Lebensqualität auf und skizziert fünf Handlungsachsen, die bis 2020 umgesetzt werden sollen. Es ist nicht so, dass die Zuhörerin an der Biennale zur Aktivistin mutierte, aber die Beispiele der Vortragenden regten durch ihre Positivität und Engagiertheit durchaus zu mehr Partizipation an. Man kann das alles auch als Blauäugigkeit oder Modeerscheinung abtun. Tatsache ist, dass Handeln notwendig ist und dass Vernetzung und Austausch ein erster Schritt zur Veränderung unseres Lebensraumes sein kann.

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