Der Siedlungsraum, verstanden als Palimpsest

Wir müssen anspruchsvoller werden

 Inge Beckel
12. Februar 2015
Ariane Widmer Pham und Inge Beckel unterhielten sich über den Siedlungsraum Schweiz: Wie kann er weiterentwickelt werden? Müssen wir auf etwas verzichten? Widmer Pham ist Leiterin des Büros SDOL, zuständig für die Stadtentwicklung von Lausanne West, und seit letztem Sommer Vorstandsmitglied des SIA.
Was gefällt dir in der Schweiz? Wobei hier vom verdichteten Mittelland die Rede sein soll.
Nun, es sind sicherlich die Städte, die grundsätzlich eine hohe Bau- sowie eine ebenso hohe Lebensqualität aufweisen, denken wir etwa an Neuenburg, Lausanne oder Bern. Werden wir uns darüber bewusst, worin deren Qualität besteht, so nenne ich erstens die Nähe der verschienen Orte und Ereignisse zueinander. Man kann zu Fuss zum Einkaufen, zur Schule oder zum Bahnhof, etwas essen gehen und eine Freundin treffen. Dies bedingt eine hohe Durchmischung, das zweite wichtige Kriterium. Als weiteres möchte ich die öffentlichen Räume nennen, ohne die es kein gemeinschaftliches Leben gibt. Sie sind es, die sinngemäss Lebensintensität ermöglichen.
 

«Es gilt, diese Qualitäten in die Agglomerationen und wenig dichten Vorstädte oder kleineren Ballungsräume zu exportieren. Es sind gesellschaftliche oder soziale Qualitäten; über die Form der Siedlungen sagen sie nichts aus.»


Die Frage der Form bleibt offen. Derzeit erleben wir eine Phase, in der viel und sehr unterschiedlich experimentiert wird. Doch weder die wortwörtliche Transposition, also Übertragung der geschlossenen Blockrandbebauungen aus der Gründerzeit noch des Manhattan-Modells als verdichtete Hochhausstadt sind die einzigen valablen Lösungen für diese Transformation der Vorstadt. Hier gilt es, weitere adäquate, räumlich gute und lebenswerte Formen zu entwickeln. Es sind wohl mehrere Modelle, die – je nach Kontext – in Frage kommen.

Verdichtungen müssen sich feinfühlig einpassieren, manchmal können sie vertikal sein, oft lassen sie sich horizontal in das bestehende Gefüge einbinden. Das Modell der flach gehaltenen Siedlungsstruktur wie etwa in Halen vom Atelier 5 bleibt meiner Meinung nach weiterhin eine Alternative. Dabei wird uns das neue RPG helfen, auch wenn dessen Umsetzung mancherorts schmerzen mag.
 

«Doch der Boden ist ein rares Gut. Das heisst, wir müssen anspruchvoller werden gegenüber dem, ‹was› und ‹wie› gebaut wird.»

Halen von Atelier 5: Hohe Privatheit bei grosszügigen gemeinschaftlichen Räumen rundherum. Bild: ib
Wir sind hier im Wallis. Was unterscheidet das Wallis von der übrigen Schweiz, der «Üsserschwiiz»?
2015 ist im Wallis ein Jubiläumsjahr; der Kanton gehört seit 200 Jahre zur Schweiz, ein junger Kanton. Das Wallis, das noch im 20. Jahrhundert grosse Armut unter der Bevölkerung gekannt hat, wurde in nur wenigen Jahrzehnten in die Moderne katapultiert – oder hat diesen Prozess vielmehr selber im Eiltempo vollzogen. Dieser Umstand prägt das Handeln der Walliser nach wie vor. Andererseits ist ihre jahrhundertealte Erfahrung mit der bedrohlichen Natur zu nennen.
Daraus resultiert ein pragmatischer, oft radikaler Umgang gegenüber Veränderungen und Zukunftsfragen.
 

«Denken wir an die vielen pionierhaften Infrastrukturbauten, die in den letzten 100 Jahren gebaut wurden und das Leben und die Landschaft nachhaltig verändert haben.»

Es sind Infrastrukturbauten wie Brücken, Tunnels, Strassen oder die Staumauer Grande Dixence (1950–1961). Im gleichen Tal aber finden wir die wunderbare Kirche Saint-Nicolas von Walter Maria Förderer (1971), die wohl ohne jene Betonkonstruktion – mit einer Mauerhöhe von 285 Metern! – weiter oben im Tal kaum denkbar gewesen wäre.
 
Was gilt es zu tun, um die Lebensqualität in der Schweiz zu halten?
Die dringlichste Aufgabe besteht in der genannten Transformation und «Verstädterung» der Agglomerationsräume. Gleichzeitig müssen wir uns Gedanken über die ländlichen Räume machen, die teilweise von Abwanderung geprägt sind, von Schrumpfung.

Was ich noch erwähnen möchte, ist die Mobilität als System, die ja für die Raumentwicklung des ganzen Landes zentral ist. Qualitätvoll verdichten bedingt, dass man sich mit der Frage der Mobilität auseinandersetzt. Hier braucht es neue Lösungsansätze. Ein wichtiger Aspekt für mich ist wiederum das Prinzip der Nähe oder proximité: kurze Wege dank durchmischter Nutzungen, aber auch neue Arbeits- und Freizeitmodelle ohne Pendlerei.

Wichtig ist zudem der Verzicht auf überdimensionierte Strassen. Je weiter man heute aus den Stadtzentren in die Vororte hinausfährt, desto mehr Platz nimmt sich der Verkehr, desto schneller und sektorieller wird er angedacht, und desto weniger schafft man es, den Strassenräumen urbane Qualitäten zu verleihen, obgleich dies gerade hier so wichtig wäre. Generell möchte ich ergänzen, dass, je rarer der Boden und je vernetzter die Schweiz wird, desto mehr sollten die übergeordneten Steuerungsmechanismen der Raumentwicklung bei der öffentlichen Hand liegen. Die Rolle der Öffentlichkeit darf nicht geschwächt, sie muss vielmehr gestärkt werden.
 
Müssen wir lernen, auf etwas zu verzichten?
Die jüngere Generation setzt auf andere Werte. Besonders Fragen zur Umwelt sind für sie selbstverständlicher als bei uns vor 30 Jahren; das ökologische Bewusstsein ist ausgeprägter. Zudem stellen sie sich auch vermehrt Fragen bezüglich der Gemeinschaft. Sie sind ja meist sehr komfortabel aufgewachsen. Der Wohlstand wird aber wohl schrumpfen.
 

«Die grosse Herausforderungen wird sein, die (Lebens-) Qualität und damit das Qualitative über das Quantitative zu stellen.»

Dann müssen wir uns mit Fragen des Verzichts oder Entschleunigung auseinanderzusetzen. Weniger kann bekanntlich auch mehr sein.
Zürichs alter Güterbahnhof ist gewichen, das Terrain wird neu überschrieben. Bild: ib
Wer arbeitet heute in der Raumplanung – und welche Fachleute braucht es in Zukunft?
Seit ein paar Jahren finden wir vermehrt Architekten in der Raum- und Stadtplanung, aber auch Urbanisten und Raumingenieure, die zum grossen Teil aus der Geografie kommen oder aus spezifischen Hochschulbildungen, die in Frankreich und Deutschland angeboten werden.
Architekten können gut mit der Stadt als physischem Raum umgehen, sie kennen die Baukultur und denken räumlich, was zentral ist. Ihr Arbeitsinstrument ist das Projekt, welches massgebend ist, wenn es um die Gestalt geht. Die Geografen denken eher in Prozessen und ziehen sozio-ökonomische Aspekte bei. Diese komplexen Verständnisse sind wichtig bei Stadt- oder Raumplanungsfragen im grossen Massstab, um so mehr, als die Entwicklungen meist Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern. Auch sind immer eine Menge von unterschiedlichen Akteuren involviert.

Stadt- und Raumplanung braucht eine Vielfalt von Kompetenzen. Sie verlangt ein breites Wissen. Sie bedeutet interdisziplinäre Teamarbeit, aber auch Erfahrungsaustausch und Weiterbildung in den einzelnen Fachgebieten. Sie bedeutet Debattieren und Zusammenarbeit mit der akademischen Forschung. Aber letztendlich ist es wohl so, dass man – wegen der Komplexität der Materie – Stadt- und Raumplaner mit einer guten Flasche Wein vergleichen kann: man wird im Laufe der Jahre besser.
 
Seit letztem Sommer bist du im Vorstand des SIA. Was sind deine Ziele dort – oder generell für den SIA?
Nun, ich bin überzeugt, meine Erfahrung aus den letzten Jahren in der Agglomeration von Lausannes Westen lässt sich sinngemäss auf viele Orte der Schweiz übertragen. Diese Erfahrungswelt kann ich in den Vorstand einbringen; die Problematik bleibt hoch aktuell, wie erwähnt. Das prozessuale und stadtbezogene Denken muss im SIA gestärkt werden.
 

«Denn Stadtplanung ist mehr als die Addition einzelner Bauten!»

Es geht um die Stadt als Ganzes. Sie besteht aus einzelnen Bauten, die dank übergeordneten städtebaulichen Regeln, verbunden über den öffentlichen Raum, ein kohärentes Ensemble bilden. Die Stadt steht in einem steten Transformationsprozess, den es sorgfältig zu begleiten gilt. Dazu gehören die verschiedenen Akteure: sowohl die Unternehmer, die Dienstleister wie Architektur- und Ingenieurbüros und die Auftraggeber, aber auch die Bewohner, für deren kollektive Anliegen sich die öffentliche Hand einsetzen muss.

Eine Stadt braucht Räume für den Einzelnen, kleine Gemeinschaften oder Familien, aber auch fürs Kollektiv. Wichtig ist, die Balance zwischen Privat und Kollektiv zu halten. Hier fällt mir der Holländer Aldo van Eijck ein, dem das Thema der Übergänge zwischen Privat und Öffentlich, Innen und Aussen, so wichtig war. Oder die erwähnte Siedlung Halen, die neben den sehr privaten und schmalen Wohnbereichen auch dem öffentlichen Raum in der Siedlung eine hohe Bedeutung zukommen lässt.
Ouest lausannois. Diese gemeindeübergreifende Planung erhielt 2011 den Wakkerpreis. Bild SHS
Und zum Schluss: Wie könnte oder sollte die Schweiz anno 2035 aussehen?
Meine Hoffnung ist es, die SchweizerInnen werden stolz auf ihre Städte sein, auch auf die jüngeren, verdichteten Quartiere und Vororte ausserhalb der alten Kernstädte. Sie werden sie lieben und als einen relevanten Teil ihrer Identität betrachten. Sie werden eine ausgeglichene Beziehung zwischen Stadt und Land haben.
 

«Ich wünsche mir, dank einer kohärenten Freiraumstrategie werde die Schweiz ihre wunderbaren Landschaften bewahren und ihnen einen neuen Sinn geben können.»


Angesichts der heutigen Entwicklungen im technologischen Bereich, aber auch mit unseren Möglichkeiten, unterwegs zu sein, kann ich mir vorstellen, dass sich ein neues Verständnis herausbildet und dass le clivage ville-campagne kleiner wird. Sich also der politische Gegensatz zwischen Stadt und Land verringert. Etwa so, dass man auf dem Land leben kann, nicht nur als Bauer oder Lehrerin oder Hausfrau oder Rentner. Sondern auch hoch spezialisiert und gleichzeitig vernetzt mit den Zentren der Welt. Und in die Stadt fährt für den persönlichen Austausch oder kulturelle Anlässe. Das würde der demografischen Schrumpfung in den betroffenen Regionen entgegenwirken.

Weiter kann ich mir vorstellen, dass der 2. Sektor mehr gepflegt wird als heute. Auch das kann der Abwanderung entgegenwirken und der Vermischung in den städtischen Räumen zu Gute kommen. Ich denke hier an kleine spezialisierte Unternehmen und an handwerkliche Betriebe, die der Schweiz, historisch gesehen, eine grosse Erfahrung, viel Tradition und Wohlstand brachten. Diese Pionierbetriebe gilt es zu fördern und aufzuwerten.

Schliessen möchte ich mit dem Bild des Palimpsests: Dass wir unseren bereits bebauten Siedlungsraum im Sinne eines Palimpsests sorgsam erneuern. André Corboz, der auch an der ETH in Zürich lehrte, hat den Begriff geprägt. Er meint, dass man nicht einfach an den Siedlungsrändern weiter in die Landschaft hinausbaut, wenn etwas Neues ansteht. Vielmehr soll das Alte erneuert und die zahlreichen Restflächen, les espaces résiduels, sinngemäss ausgefüllt werden. Um mit dem Bild des Palimpsest zu sprechen, geht es um das Verständnis, dass der Boden auch historische Tiefe besitzt und stets mit Respekt neu überschrieben werden kann. Damit können wir sowohl den Landschaftsraum schützen als auch dem Siedlungskörper einen tieferen Sinn geben.

Ariane Widmer Pham ist Projektleiterin des SDOL, Schéma directeur de l'Ouest lausannois: im 2000 haben sich Gemeinden in Lausannes Westen zusammengetan, um das Gebiet, dessen politische Grenzen räumlich weder sicht- noch spürbar sind, mittels einer Richtplanung gemeinsam und koordiniert zu entwickeln[1], wofür sie 2011 den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes erhielten. Es sind dies die Gemeinden Bussigny, Chavannes-près-Renens, Crissier, Ecublens, Prilly, Renens, St-Sulpice, Villars-Ste-Croix.
 
[1] Ariane Widmer Pham, Die Entwicklung des Lausanner Westens, in: anthos, 4/2007, S. 15–19.

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