Agota Komlosi und Peter Polanyi: «Für uns ist diese Situation in gewisser Weise ein Glücksfall»

Katinka Corts
25. März 2021
Foto © Architektur Film Tage Zürich 2021

Nachdem die Architektur FilmTage Zürich voriges Jahr nicht stattfinden konnten und weiter keine Veranstaltungen möglich sind, gibt es vom 8. bis 11. April eine Online-Edition des Festivals. Die Gründer knüpfen Hoffnungen an diese Lösung.


Agota, Peter, wie seid ihr ursprünglich auf die Idee gekommen, ein Filmfestival für Architektur in Zürich zu gründen?

Agota Komlosi: Wir kommen beide aus Budapest. Ich habe Architektur studiert, und Peter hat als Musiker Erfahrung darin, Events zu organisieren. Nach ein paar Jahren Berufserfahrung in Zürich habe ich bemerkt, dass es in der Schweiz – anders als in Budapest zum Beispiel – kein Architektur-Filmfestival gab. Und das, obwohl in der Schweiz etliche Architekturbüros existieren und viele namhafte Architekt*innen hier leben und arbeiten. Peter und mir kam der Gedanke, dass ein Filmfestival für Architektur hier gut funktionieren könnte. 

Peter Polanyi: Lange gezögert haben wir nicht. Die Idee kam uns im Sommer 2017 – und bereits im November desselben Jahres fand die erste Ausgabe statt. 

Wie startet man solch ein Projekt? Wie findet man die richtigen Kontakte, wie habt ihr euch in die Szene eingefunden?

PP: Es war eine kurz, aber sehr intensive Zeit. Da wir noch keine Erfahrung in Richtung Filmfestival hatten, haben wir zunächst geschaut, wie es andere in Europa machen, aber auch mit den Organisator*innen des Schweizer Filmfestivals gesprochen. Wir wurden warm aufgenommen und von Anfang an bei unserem Vorhaben unterstützt.

«A Machine to Live In», Regie: Yoni Goldstein & Meredith Zielke (Filmstill © Yoni Goldstein & Meredith Zielke)

Wie lief die erste Ausgabe der Architektur FilmTage Zürich (AFTZ) rückblickend? Was habt ihr daraus gelernt und später verändert oder verbessert?

PP: Die ersten FilmTage waren wohl für alle eine Überraschung. Wir wussten nicht, wie viele Leute wir erreichen würden. Die Vorführungen fanden im kleinen Kino Stüssihof statt. Am Eröffnungsabend war das Interesse schon erfreulich gross, am Wochenende hatten wir dann mehr als 500 Kinobesucher*innen. 

AK: Wir haben damals festgestellt, dass das Angebot besonders ein jüngeres, recht internationales Publikum interessiert, was das Festival bunt und innovativ macht. Mit der Teilnahme von Filmemacher*innen, Architekten*innen und verschiedenen Organisationen können die AFTZ kontinuierlich wachsen. 

PP: Bislang hatten wir fast jedes Jahr ein anderes Konzept – und somit auch unterschiedlich viele Filme. Während der ersten zwei Ausgaben gab es insgesamt 30 Filme (inklusive Kurzfilme) zu sehen. Seit 2019 haben wir den Schwerpunkt darauf gelegt, die Premieren an besonderen Orten stattfinden zu lassen und damit einen Zusammenhang zwischen Film und Aufführungsort zu schaffen.

«The Ice Shell Project», Regie: Oliver Xaver Burch & Damian Ineichen (Filmstill © Oliver Xaver Burch & Damian Ineichen)

Da ihr euch in einer Wachstumsphase befindet und Neues ausprobieren möchtet, kommt euch die Corona-Pandemie sicher extrem in die Quere. Wie seid ihr bisher damit umgegangen, wie reagiert ihr darauf?

AK: Eigentlich waren die AFTZ letztes Jahr für November geplant. Als dann aber im Rahmen der Pandemiebekämpfung keine grossen gesellschaftlichen Anlässe mehr möglich waren, haben wir den April dieses Jahres anvisiert. Natürlich in der Hoffnung, dass wir dann live ein normales Programm machen könnten. Da dies nun auch nicht möglich ist, wird es eine Online-Edition geben. Für uns ist diese Situation in gewisser Weise ein Glücksfall, denn so können wir ein neues, digitales Umfeld erproben und gleichzeitig mehr Menschen erreichen.

PP: Zudem werden wir zukünftig mit dem Termin im April die Möglichkeit haben, die neu erschienenen Filme des Jahres zu zeigen. Gleichzeitig hoffen wir, dass mit dem wärmeren Frühlingswetter doch noch Outdoor-Screenings möglich sein werden. 

«Tokyo Ride», Regie: Ila Bêka & Louise Lemoine (Filmstill © Bêka & Lemoine)

Von lokal zu online – wie bestehen eure FilmTage in der Menge der Themen und Live-Events, die mittlerweile online angeboten werden? 

PP: Ich denke, uns macht die Themenvielfalt interessant. Wir wollen nicht nur Architektur zeigen, wir suchen auch nach Themen aus anderen Disziplinen – zum Beispiel aus der Kunst oder der Musik. Als Eröffnungsfeier – natürlich auch digital – wird es ein DJ-Set geben, im Hintergrund laufen dann Filmtrailer. Junge Leute interessieren sich für neue Dinge, darum können wir sie so eher erreichen als mit hochprofessionellen Fachanlässen. Neben Premieren wie «Tokyo Ride» zeigen wir noch weitere grossartige Filme wie «A Machine to Live In» oder «The Ice Shell Project» und diskutieren mit internationalen Regisseuren.

AK: Für die vier Tage organisieren wir zudem noch zwei Live-Online-Events: am Eröffnungsabend ein DJ-Set und am Samstag, dem 10. April, eine interaktive Präsentation. Abgesehen von diesen Live-Events muss man das Filmprogramm dieses Jahr aber eher als eine Empfehlung von uns verstehen: Zu den Architektur FilmTagen 2021 kann man die Filme auf der Streaming-Plattform filmingo.ch jederzeit ansehen, ganz nach dem eigenen Gusto. 

Programm
 
Tokyo Ride 
Ila BÊKA + Louise LEMOINE, Frankreich, 2020, 90 Minuten
 
Die Vierte Dimension – Beate Schnitter, die Architektin
Lydia Trüb + Heidi Bader, Schweiz, 2020, 23 Minuten
 
The Ice Shell Project
Oliver Burch + Damian Ineichen, Schweiz, 2020, 16 Minuten
 
Il Girasole
Christoph Schaub + Marcel Meili, Schweiz, 1995, 17 Minuten
 
The Human Shelter
Boris B. Bertram, Dänemark, 2018, 57 Minuten
 
What It Takes to Make a Home
Daniel Schwartz, Schweiz, 2019, 28 Minuten
 
Making a Mountain
 Rikke Selin + Kaspar Astrup Schröder, Dänemark, 2020, 55 Minuten
 
A Machine to Live In
 Yoni Goldstein + Meredith Zielke, Vereinigte Staaten, 2020, 87 Minuten
 

Alle Filme werden online gestreamt. Tickets können ab dem 8. April bei filmingo.ch gekauft werden und sind für fünf Tage gültig.

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