Angelo Mangiarotti – La Tettonica dell‘Assemblaggio

Jochen Paul
7. Juni 2017
Hauptfassade Bürogebäude des Industriekomplexes Snaidero in Majano del Friuli. Bild: Angelo Mangiarotti
Wer sich für die zweite Moderne in Italien interessiert, kommt an dem Mailänder Architekten, Bildhauer und Designer (1921 – 2012) nicht vorbei. Bis am 14. Juli 2017 widmet ihm das Architekurforum Zürich eine Ausstellung.
Text: Jochen Paul

​Am bekanntesten dürften seine Möbelentwürfe sein: Angelo Mangiarotti entwarf unter anderem Leuchten aus Muranoglas für Artemide, Leuchten und gläserne Raumteiler für die Vetreria Vistosi, Gläser für Colle, Tische, Stühle und Regale für Skipper, Vasen für Knoll International.
 
Dass AgapeCasa einige seiner älteren Entwürfe – darunter die in der Ausstellung im Architekturforum Zürich vertretenen Marmortische «M» und «Eccentrico» sowie das Regalsystem «Cavaletto» – 2010 als «Mangiarotti Collection» noch einmal neu auflegte, unterstreicht, dass seine Arbeiten inzwischen als zeitlose Klassiker wahrgenommen werden.
 
1921 in Mailand geboren, studierte Angelo Mangiarotti 1945 – 1948 am dortigen Politecnico Architektur. 1953/54 lehrte er als Gastprofessor Design am Illinois Institute of Technology in Chicago, wo er die Bekanntschaft von Frank Lloyd Wright, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Konrad Wachsmann machte. Das Angebot, in den USA zu bleiben, schlug er ebenso aus wie das des Gründungsrektor Max Bill, an der Hochschule für Gestaltung (HfG ) in Ulm zu unterrichten. Zurück in Mailand, führte er von 1955 bis 1960 mit Bruno Morassutti ein gemeinsames Architekturbüro. Zudem war er als Designberater, Industriedesigner und als Stadtplaner tätig. 1960 verliess Angelo Mangiarotti die Bürogemeinschaft und machte sich selbständig.
 
Als Architekt begann er als begeisterter Anhänger der Vorfertigung und des Stahlbetons Systeme für Industriebauten zu entwickeln – und setzte dabei architektonische Massstäbe. In den 1960er und 1970er Jahren entstanden im Veneto und der Lombardei eine Reihe vorbildlicher Fabrikhallen: 1962 entwarf Angelo Mangiarotti für Splügen Bräu in Mestre (VE) ein kleines Depot mit verschiebbaren Wänden aus Wellblech und einem weit vorspringenden, frei tragenden Dach, 1963 in Genua den Pavillon für die Fiera del Mare, 1968 in Cinisello Balsamo (MI) die Büro- und Fabrikgebäude der Armitalia, 1976 die des Küchenherstellers Snaidero in Majana del Friuli (UD). Daneben entwarf Angelo Mangiarotti Kirchen, Ein- und Mehrfamilienhäuser und Bürogebäude.
 
Wahrscheinlich erwartet niemand von einem Tragwerk aus vorgefertigten Betonelementen besondere ästhetische Qualitäten. Neben seinen wichtigsten Bauten und Projekten aus dieser Zeit zeigt die von Franz Graf und Francesca Albani kuratierte Ausstellung in einer sorgfältig getroffenen Auswahl von Schwarz-Weiss-Fotografien, farbig kolorierten Handskizzen, Konstruktionszeichnungen und Modellen, wie Angelo Mangiarotti seine ingenieurtechnischen Konstruktionssysteme mit jedem neuen Typus weiter verfeinerte, bis sich schliesslich so etwas wie Noblesse einstellte: Bei «Briona 72» (1972) erinnert eine sich nach oben verjüngende Betonsäule, welche in einer quadratischen Deckenplatte endet, unweigerlich an ein dorisches Säulenkapitel. Was den Designer und den Architekten Mangiarotti verbindet, ist das permanente Bestreben, Vorfertigung und Individualität innerhalb eines Systems zu vereinen. Seinen Ausdruck fand er dabei in der Tektonik der Fügung.
 
 
Der Katalog zur Ausstellung, erschienen bei Mendrisio Academy, ISBN 8836632246, kostet CHF 45.00
 
Architekturforum Zürich, Brauerstrasse 16, 8004 Zürich,
Öffnungszeiten Dienstag, Mittwoch und Freitag 12:00 – 18:00 Uhr, Donnerstag 14:00 – 20:00 Uhr, Samstag 11:00 – 17:00 Uhr.

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