Aravena und das Licht

Susanna Koeberle
20. April 2018
Die Leuchte «O» ist für den öffentlichen Raum gedacht. Bild: zvg

Der Leuchtenhersteller Artemide besitzt eine grosse Tradition in der Zusammenarbeit mit Architekten. Am diesjährigen Salone wurden unter anderem zwei neue Produkte aus der Feder des chilenischen Büros Elemental präsentiert.

Im Gespräch erklären Alejandro Aravena (Gewinner des Pritzker Prize 2016), Victor Oddo und Diego Torres von Elemental ihr Projekt für den italienischen Leuchtenhersteller.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Artemide?
Wir wurden von Artemide angefragt etwas im Bereich Photonik zu machen. Wir wussten nicht einmal, was das ist. Das Briefing war also nicht präzis: Geht es um ein Objekt, ein System, eine Technologie? In solchen Fällen wissen wir, dass wir mit unserer Methode «Workshop Elemental» (WE) arbeiten müssen. Diese Art zu arbeiten hat sich etwa im Bereich urbaner Fragen oder in der Katastrophenhilfe bewährt.

Wie funktioniert ein solcher Workshop?
In erster Linie heisst das, zwei, drei Tage nichts zu sagen und sich in ein Zimmer einzuschliessen. Niemand darf raus, bis wir das Problem verstanden haben. In diesem Fall hiess das, sich mit der Geschichte des Lichts, aber auch mit jener der Firma auseinanderzusetzen. Mit Elektronik, Optik, aber auch mit den Produktsbedingungen von Artemide. Erst danach war es möglich, eine Linie zu erkennen. Zwei Wege haben sich dabei herausgeschält: Eine Leuchte für den öffentlichen Raum und ein intuitiv zu bedienendes, elektronisches Objekt zu entwickeln. Wir werden in Zukunft viel mehr auch im Bereich der Leuchten-Objekte mit Elektronik und Touchfunktionen konfrontiert sein.

Wie seid ihr an das Thema öffentlicher Raum herangegangen?
Das wird in Zukunft in den Städten das zentrale Thema sein. Der Raum zwischen der Architektur ist nämlich wichtiger als die Architektur selbst. Zudem werden die wenigen Stücke Natur, die in den Städten verblieben sind, immer wichtiger. Um diese Räume zu benutzen, müssen wir sie beleuchten, dies vor allem aus Sicherheitsgründen. Zugleich wissen wir, dass das künstliche Licht für die Natur nicht gut ist, da es nicht dem natürlichen Zyklus entspricht. Die Frage war, wie wir mit einem Objekt die Dunkelheit bewahren und im selben Zug Licht erzeugen können, wenn es gebraucht wird.  Aber auch tagsüber sollte das Objekt nicht stören, nicht invasiv sein.

Das Resultat ist die Leuchte «O».
Ja, es ist ein Objekt , das fast unsichtbar ist. Die Lichtquelle im Innern des Kreises ist fast nicht zu erkennen.

Die Leuchte ist nicht nur nützlich, sie wirkt auch sehr poetisch. War das Absicht?
Sie sollte in erster Linie praktisch sein. Ob das jemand poetisch findet, ist Interpretationssache. Die Welt wird immer urbaner und die Natur verschwindet darin immer mehr. Deswegen ist es wichtig, sie zu bewahren, ohne Lichtverschmutzung zu erzeugen.

Ist denn der öffentliche Raum für euch immer mit Natur verbunden? Es gibt doch auch Plätze ohne Pflanzen.
Wenn ein Kind sagt, es gehe zum Spielen hinaus, erscheint in jedem Kopf das Bild des Baumes – und der braucht Dunkelheit. Aber auch Menschen brauchen Dunkelheit. Licht im öffentlichen Raum muss dort sein, wo es auch gebraucht wird. Dann bedeutet das Angehen des Lichts eben die Präsenz einer Person. Licht heisst Sicherheit.

Wie behandelt man wichtige Themen der Stadt?
Der Bürgermeister von Bogotá, Enrique Peñalosa, sagte einmal, dass für ihn die Herausforderung nicht in der Qualität der Bauten bestehe, sondern im Raum zwischen den Bauten. Er muss als Autorität entscheiden, wem er die Teile dieses Zwischenraums zuweist. Es gibt die Fussgänger, die Autos, der öffentliche Verkehr, die Fahrräder, die Bäume, die Parkplätze: alle möchten Platz. Wie trifft man solche Entscheidungen? Eine einfache Möglichkeit besteht für ihn darin, zu berechnen, wie viel Bürgerrechte in einem Quadratmeter enthalten sind. In einem Bus befinden sich 100 Leute, also muss das berücksichtigt werden. Nicht das Geld fehlt, sondern Personen, die das Gemeinwohl koordinieren.

Und was ist die Aufgabe der Architekten?
Wir Architekten müssen dann diesen Entscheidungen eine geeignete Form geben. All das hat eine konkrete Form. Und kann zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen.

Ist es das, was man als «social turn» in der Architektur bezeichnet? Davon wird seit Ihrer Biennale im 2016 viel gesprochen.
Wir ziehen das Wort «Gemeinwohl» dem Wort «social» vor. Social ist etwas, das den anderen passiert, denjenigen, die kein Geld haben. Gemeinwohl betrifft alle.

Was sind die grössten Herausforderungen der Zukunft für die Architektur?
Eine davon ist sicher die Frage, wie man qualitätsvoll bauen kann für die zwei Milliarden Menschen, die in den nächsten 15 Jahren in die Städte kommen werden. Das heisst für eine Million in der Woche bauen. Das können wir nicht. Aber diese Leute werden sowieso bauen. Wir müssen die individuellen Fähigkeiten der Menschen kanalisieren und gemeinsam mit den Regierungen und den Märkten Lösungen finden. Die zweite ist die Anerkennung des Werts des Ungebauten. Architektur muss ein Raster bieten, das personalisierbar ist.
 

Alejandro Aravena, Diego Torres und Victor Oddó (von links nach rechts) in Milano vor ihrer Leuchte. Bild: zvg

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