Architektur lernt man nicht allein

Elias Baumgarten
29. November 2022
Foto: Elias Baumgarten

Kommiliton*innen, die nach durchgearbeiteten Nächten aus roten Augen blicken, die nervöse Anspannung vor den wöchentlichen Kritiken, die endlosen Diskussionen bei Automatenkaffee und Zigaretten, die Arbeitstische in den Kojen, auf denen sich zwischen Skizzenrollen und Laptops leere Bierflaschen und Pizzakartons türmen, der charakteristische Geruch der Werkstatt nach Holz, Styrodur und Klebstoff – das sind Eindrücke aus dem Architekturstudium, die sich mir eingeprägt haben. Und es sind Erinnerungen, die so oder so ähnlich auch an der ArchitekturWerkstatt in St.Gallen hätten entstehen können. Denn an der Architekturabteilung der Ostschweizer Fachhochschule lernen Studierende, von ihren Lehrer*innen eng betreut, miteinander und voneinander. 

Im Jahr 2016 wurde das Lehrkonzept für die «ArchitekturWerkstatt St.Gallen» ausgearbeitet. Wenig später konnten die Werkstätten und Atelierräume im alten Postgebäude am Bahnhof bezogen werden, und die ersten Studierenden nahmen den Weg zum Bachelor in Angriff. Seither ist die ArchitekturWerkstatt zu einem festen Bestandteil der Schweizer Ausbildungslandschaft geworden. Das besondere Unterrichtskonzept erfreut sich dabei grosser Beliebtheit, wie die stetig steigenden Studentenzahlen beweisen.

Foto: Elias Baumgarten
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«Bauen und Architektur sind in jeder Hinsicht Teil der Gesellschaft und nicht eine Welt für sich. Hinter jeder Konstruktion steckt eine kulturelle Philosophie. Wirtschaftliche, gesellschaftliche, philosophische, aber auch naturbedingte Ereignisse führen zu Veränderungen und verlangen nach neuen Gedankenwelten.»

Werner Binotto

Das neue Buch «Architektur als Werkstatt» (Park Books) zeigt, was und wie die Studierenden an der ArchitekturWerkstatt lernen. Besonders macht die Ausbildung, dass der Architekturnachwuchs für seine künftige gesellschaftliche Verantwortung sensibilisiert und sehr praxisnah unterrichtet wird. Die Schule ist eng mit der Bauwirtschaft verbunden, die Entwurfsaufgaben sind konkret und keine aus der Luft gegriffenen Fantasieprojekte. Denn Architektur ist eben keine ablösbare Disziplin, die für sich und neben anderen existiert, wie Sebastian Wörwag im Buch schreibt – was sich durchaus als Kritik an der Haltung mancher Architekt*innen, die teils selbst unterrichten, lesen lässt. Oder mit Werner Binotto, der zu «Architektur als Werkstatt» einen Aufsatz über die gesellschaftliche Bedeutung des Bauens und die Beziehung zwischen Architekturschaffenden und Bauherr*innen beigesteuert hat: «Hinter dem Bauen und der Architektur im Besonderen steckt immer ein Weltbild, eine Philosophie.»

Wichtig ist den Verantwortlichen der ArchitekturWerkstatt auch, dass Architektur Handwerk bleibt. Konkret heisst das beispielsweise, dass der Umgang mit neuen digitalen Werkzeugen zwar erlernt wird, jedoch ohne darüber traditionelle Fähigkeiten wie das Handzeichnen zu vernachlässigen. In St.Gallen sollen Talente zu reifen Persönlichkeiten ausgebildet werden, die Architektur und Gesellschaft derzeit besonders dringend brauchen. 

Foto: Elias Baumgarten
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Das Buch ist als Atlas gedacht. Entsprechend ist es gestaltet: grossformatig, den aus dickem Karton gefertigten Einband mit Leinen beklebt und mit über 1500 Fotos und Plänen reich illustriert. Aufsätze und ausgewählte Zitate sorgen dafür, dass es nicht beim Bilderbuch bleibt und die Leser*innen ein vertieftes Verständnis entwickeln können. Gestaltet ist das Buch sehr schön. Man könnte stundenlang in ihm blättern. Umso störender ist die ungepflegte Typografie – wie leider bei so vielen Architekturbüchern der letzten Jahre. Bisweilen meint man sogar, schlicht Rohsatz vor sich zu haben. Das Lesen wird so im Zusammenspiel mit dem grossen Format (das konzeptionell freilich Sinn macht) zur anstrengenden Arbeit.

Dennoch ist das Buch empfehlenswert – für Architekt*innen, Studierende und Lehrpersonen genauso wie für all jene, die zukünftig Architektur studieren möchten. Zur offiziellen Buchvorstellung findet am 8. Dezember in der Zürcher Buchhandlung Never Stop Reading (Spiegelgasse 18, 8001 Zürich) um 18.30 Uhr eine Lesung statt. Roland Züger, Chefredaktor der Fachzeitschrift Werk, Bauen + Wohnen, wird die von Armin Berger und Claudia Jahn vorgetragenen Passagen mit Anna Jessen, die das Buch herausgegeben hat, diskutieren.

Foto: Elias Baumgarten
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Architektur als Werkstatt. Die ArchitekturWerkstatt St.Gallen – ein Atlas

Architektur als Werkstatt. Die ArchitekturWerkstatt St.Gallen – ein Atlas
Anna Jessen (Hrsg.)
Beiträge von Katrin Albrecht, Mark Ammann, Werner Binotto, Roger Boltshauser, Adrian Dorschner, Katharina Immekus, Anna Jessen, Lorenz Kocher, Claudia Kromrei, Jonathan Sergison, Othmar Somm, Ulrich Vogt, Sebastian Wörwag und Lukas Zurfluh

240 x 315 Millimeter
360 Seiten
1550 Illustrationen
ISBN 9783038602392
Park Books
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