Architektur und das Heilige in der Kunst

Susanna Koeberle
19. September 2018
Intendant Giovanni Netzer gab vor der Premiere eine Einführung: Bild: Patricia Keckeis

Der vollendete Julierturm des Kulturfestivals Origen wurde mit einer aussergewöhnlichen Aufführung eröffnet.

Dass die Choreographie der Japanerin Juka Oishi «Sacré» heisst, ist in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Erstmals zur Aufführung kam ihr Werk, das sie eigens für den russischen Tänzer Sergei Polunin schuf, im Juli in der Reithalle von St. Moritz. Nun wurde das Ballett in adaptierter Version im Origen-Turm am Julierpass aufgeführt. Dieses ausserordentliche Bauwerk wurde zwar bereits letztes Jahr eingeweiht, erst kürzlich wurde der rote Turm allerdings fertig gestellt, was mit dieser Aufführung gebührend gefeiert wurde. Der Abend begann mit Liedern von Schumann und Wolf (zwei romantischen Komponisten), vorgetragen vom Tenor Maximilian Vogler und dem Pianisten Sebastian Issler, dann folgte der Soloauftritt von Polunin. Die gewaltige Bergkulisse inspirierte auch das übergeordnete Thema des Abends, nämlich die «dunkle Seite» der Natur. Da man mit eigens organisierten Transporten schon eine Stunde vor Vorstellungsbeginn am Julierpass ankam, hatte man als Besucherin die Gelegenheit, den Turm zu erkunden und die magische Location bei Tageslicht zu erleben. Der 30 Meter hohe, temporäre Bau mit seinen halbrunden Öffnungen ist auf Initiative von Giovanni Netzer entstanden, dem Intendanten des Origen Kulturfestivals, das es schon seit 2005 gibt. Der studierte Theologe, Kunsthistoriker und Theaterwissenschaftler ist ein Mann mit Visionen – und diese scheinen nach vielen Jahren auch ihre Früchte zu tragen. Die Stiftung «Nova Fundaziun Origen» und das Kulturfestival Origen erhielten dieses Jahr bekanntlich den Wakkerpreis (wir haben berichtet). 

Standing Ovations nach der Premiere. Bild: Patricia Keckeis

Das Thema des Sakralen scheint bei den Aufführungen in diesem Ausnahmetheaterraum eine Konstante zu bilden. Damit geht Netzer nicht nur auf die sakralen Ursprünge der Kunst zurück (auf Rätoromanisch bedeutet Origen Ursprung), er versteht es auch, diese Aspekte in die Jetztzeit zu überführen und die zeitlose und menschliche Dimension dieses «Heiligen» zu vermitteln. Dies wurde auch an der neusten Aufführung deutlich. Während der erste Teil des Abends unten im Foyer stattfand, begab sich das Publikum für den zweiten Teil nach oben. Ein wummernder Ton begeleitete das Herunterlassen der beweglichen Bühne und stimmte auf «Sacré» ein. Es ist wohl kein Zufall, dass der russische Badboy des Balletts ausgerechnet im Engadin auftritt. Es führt quasi eine unsichtbare Linie vom bekannten russsichen Tänzer Vaclav Nijinsky zu ihm. Letzterer lebte ein paar Jahre im Engadin und trat 1919 im Hotel Suvretta House zum letzten Mal auf, bevor bei ihm eine schwere Schizophrenie diagnostiziert wurde. Der «Sacre du Printemps» ist eine seiner skandalumwitterten Choreographien, an der wiederum sich Oishi für «Sacré» orientierte. Anleihen bei diesem legendären Werk mischte sie sowohl mit Elementen des klassischen Balletts wie auch mit einfachen Gesten, welche Höhen und Tiefen der Condition Humaine versinnbildlichen. Eine halbe Stunde dauerte der Kraftakt des Tänzers, den man als Zuschauerin aus nächster Nähe erlebte. Für die Intensität dieses Theatererlebnisses war nicht nur das Talent Polunins verantwortlich, sondern in gleichem Masse auch die Atmosphäre des Raums. Das «Theatrum Mundi» spielte sich vor den Augen der Zuschauer ab. Diese eine halbe Stunde wurde dabei zur Metapher für ein Menschenleben: Mikrokosmos und Makrokosmos verschmelzen. So etwas kann Theater leisten – vor allem in einem dafür geschaffenen Raum.

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