Artefakte textiler Architektur

Susanna Koeberle
31. Mai 2021
Marie Schumann und Joseph Redpath präsentieren im Projektraum Loop eigene und gemeinsame Arbeiten. (Foto: Alexander Schlosser)

Die Textilkünstlerin Marie Schumann und der Architekt Joseph Redpath präsentieren im interdisziplinären Projektraum Loop das Resultat einer gemeinsamen Recherche zum Thema «Softness». Eine gelungene Ausstellung, die zum Nachdenken anregt.

Weichheit ist nicht unbedingt ein Begriff, der im Vokabular von Architekt*innen besonders oft erscheint. Warum eigentlich? Schliesslich bestanden die ersten Behausungen – bei nomadischen Volksgruppen ist das bis heute so – aus weichen Textilien. Zelte oder Jurten sind solch textile und mobile Wohnstätten; und interessanterweise entspringen diese schützenden Strukturen einer Art Urinstinkt, der auf der ganzen Welt verständlich ist. Welches Kind hat sich nicht schon ein Zelt gebaut? Klar, heutzutage leben die meisten Menschen in Häusern aus Stein, doch Textilien können bis heute in der Architektur eine wichtige Funktion einnehmen, wie etwa die Arbeit des niederländischen Studios Inside Outside zeigt. Gottfried Sempers (1803–1879) Texte zum Textilen in der Architektur zeugen zwar vom Interesse der Baukünstler*innen für das Thema. Nichtsdestotrotz werden Textilien schnell in die Deko-Ecke geschoben; höchstens als Mittel, um die Akustik zu beeinflussen, scheinen sie in der Architektur eine Berechtigung zu haben. Diesen Mangel an Wertschätzung sowie überhaupt den Mangel an Weichheit in architektonischen Räumen stellten auch die Textilkünstlerin Marie Schumann und der Architekt Joseph Redpath fest. Sie teilen sich seit einiger Zeit ein Atelier und tauschen sich regelmässig aus. 

Mit der gemeinsamen Arbeit «Softness : Artefacts» erkunden Schumann und Redpath das Konzept der Weichheit in der Architektur. (Foto: Alexander Schlosser)

Schumann interessiert sich in ihrer Arbeit schon länger für das Erkunden der Grenze zwischen Textilien und Raum. Ihr Projekt «Softspaces» hinterfragt das Glatte und Perfekte, das wir gemeinhin von Stoffen erwarten. Die Designerin bearbeitet Jacquardgewebe so, dass die Fäden sichtbar werden; daraus entstehen textile Objekte, die sich auch als Raumtrenner eignen. Man könnte sie ebenso gut als Skulpturen bezeichnen. Auch der Architekt Joseph Redpath beschäftigt sich mit dem Aspekt des Unperfekten. Während einer Residenz in Rom untersuchte er das städtische Gewebe (diese textile Terminologie ist per se schon spannend) der geschichtsträchtigen Metropole. Bei jedem Bauprojekt trifft man hier auf Spuren antiker Bauten. Rom gleicht einem riesigen Palimpsest, in dem die Schichten unterschiedlicher Epochen fleckenartig aufblitzen. Redpath war von dieser Schichtung fasziniert, vom Chaos des langsam Gewachsenen, das durchaus eine eigene Schönheit besitzt. Er stellte Skulpturen aus blau gefärbtem Gips her, welche die Umrisse verschiedener Bauwerke nachzeichnen.

Im Projektraum Loop – 2019 durch das Architekturbüro pool als hybrider Raum des Dialogs zwischen Architektur und anderen Disziplinen initiiert – zeigen Schumann und Redpath eigene Arbeiten sowie in einem separaten Raum das Resultat einer Kollaboration, die sich eben dem Thema «Softness» widmet. Gemeinsam ist den Ansätzen von Schumann und ihrer Kollaboration mit Redpath das Bewegte und Dreidimensionale – Eigenschaften, die wir üblicherweise nicht mit Textilien verbinden. 

Die dritte Metamorphose: Ein Stück Gips, das Spuren des Textils aufweist. (Foto: Alexander Schlosser)

Für eine neue Arbeit verwendete Schumann Schrumpfgarn und verband dieses beim Weben mit Rafia-Fäden. Durch Bedampfen schrumpfen die Stofffäden. Dadurch entsteht ein dreidimensionales Volumen, das mit dem Raum interagiert. Indem es eine quasi aktive Funktion übernimmt, wird das Material zum Hauptprotagonisten. Schumann und Redpath sprechen von «responsiven Räumen». Ihre gemeinsam erarbeiteten «Softness : Artefacts» führen vor, wie sich diese Ideen materialisieren können. Im ersten Raum sehen wir drei Formen von Metamorphosen: Die erste Stufe ist das «nackte» Material Stoff (wieder in der Kombination mit Rafia und Schrumpfgarn), in einem zweiten Schritt übergossen die beiden Gestalter das Textil teilweise mit Gips, sodass es sich noch stärker versteifte und sich an das Konzept der Wand annäherte. Um diese architektonische Qualität zu betonen, wählten sie für die Artfefakte die Farbe Off-White. Bei der letzten Verwandlung zogen sie die textile Haut vom Gips ab – zurück blieb nur ein Abdruck des Stoffes. Durch die schrittweise Verwandlung von weich zu steif wird uns vor Augen geführt, dass die dem Material Stoff zugeteilte Eigenschaft der Weichheit relativ ist. Auch Räume können im Grunde genommen weich, das heisst flexibel sein. Die neue Generation von Architekt*innen scheint sich vermehrt für Offenheit und Flexibilität von räumlichen Strukturen zu interessieren. Schliesslich hat nicht nur die Pandemie gezeigt, wie Räume neuen Anforderungen gerecht werden müssen. Auch sich verändernde gesellschaftliche Strukturen rufen nach flexibleren räumlichen Gliederungen. Der italienische Philosoph Emanuele Coccia zeigt in seinem Buch «Metamorphosen» (2021) sehr schön auf, dass das Leben auf der Erde eigentlich einer permanenten Transformation unterworfen ist. Zeit, sich mit Weichheit anzufreunden.

Textile Objekte von Marie Schumann, die mit dem Raum interagieren. (Foto: Alexander Schlosser)
Die Ausstellung im Loop Space (Weststrasse 118, 8003 Zürich) dauert bis 16. Juli 2021. Sie kann von Donnerstag bis Samstag zwischen 14 und 18 Uhr sowie nach Absprache besichtigt werden. 
 
Am 24. Juni um 19 Uhr findet zudem ein Gespräch zwischen der Steinmetzin Annika Staudt und der Landschaftsarchitektin Robin Winogrond statt.

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