Auf der Zielgeraden: Herzog & de Meurons Erweiterung des Royal College of Art steht vor der Fertigstellung

Ulf Meyer
28. September 2021
Visualisierung © Herzog & de Meuron

Fast fehlen nur noch die Studierenden: In wenigen Monaten wird die grösste Erweiterung in der Geschichte der traditionsreichen Schule in Londons Stadtteil Battersea eröffnet.

Jetzt ist es offiziell: Das neue Ensemble des Royal College of Art (RCA) in Battersea wird am 11. Januar 2022 eröffnet. Das wurde kürzlich an einer Presskonferenz verkündet. Entworfen wurden die Neubauten vom Team von Herzog & de Meuron, das sich 2016 an einem Wettbewerb durchsetzen konnte. Es handelt sich um den grössten Neubau in der Geschichte des berühmten College für Kunst und Design überhaupt. Der Stadtteil Battersea, der südlich des Flusslaufs der Themse liegt, ist bekannt für Bauten mit markanten Klinkerfassaden. Dieses Motiv wurde von den Baslern aufgegriffen. Südlich der bestehenden RCA-Gebäude soll die neue Anlage als «Katalysator» wirken – so wünscht es sich die Bauherrschaft. Gemeinsames Lernen, Produzieren und Ausstellen sollen nebeneinander stattfinden können. Hinzugefügt werden dem Campus zwei Bauten, die sich zwischen Wohn- und Geschäftshäuser einreihen: ein dreistöckiges Studiogebäude an der Howie Street und ein turmartiges Forschungsgebäude mit acht Stockwerken und Blick auf die Parkgate Road. 

«Meine Erfahrung mit Museen zeigt, dass Kunstinstitutionen die Grenzen zwischen Sammlung, Präsentation und Produktion von Kunst gerne verwischen. Sie wollen grosse Räume des öffentlichen Lebens sein. Der Entwurf  für das RCA Battersea ist wie ein ‹Dorf zum Thema Kunst› aufgefasst mit einer Atmosphäre, die zum Lehren und Lernen, Produzieren, Präsentieren und Diskutieren von Kunst anregt.»

Jacques Herzog 

Visualisierung © Herzog & de Meuron
Werkstätten und Ateliers hinter Backsteinfassaden

Das Studiogebäude gliedert sich in zwei miteinander verbundene Blöcke: Einerseits nimmt es Ateliers auf, andererseits Werkstätten für Skulptur, Kunst, Design und auch Robotik. Es bekommt grosse Fenster und ein strukturiertes Mauerwerk, das an einigen Stellen zur Sitzbank wird. In gewissen Bereichen sorgen offene Mauerwerksmuster für natürliche Belüftung. Das erste Obergeschoss kragt aus, um das Erdgeschoss mit den angesprochenen hohen Fenstern und Lüftungsöffnungen konstruktiv zu schützen. Im zweiten und dritten Obergeschoss werden die Geschossdecken zu durchgehenden Aussengalerien verlängert, die Schatten, Luft und schöne Ausblicke für die Ateliers bieten. Das Dach des Studiogebäudes schliesslich besteht aus zwei nach Nordwesten hin ausgerichteten Pultdächern mit Shed-Fenstern, die den Dächern der bestehenden Gebäude auf dem Campus ähneln.

Das Erdgeschoss bildet eine Einfriedung, die die Ateliers mit den Werkstätten verbindet. Ein doppelgeschossiger «Hangar» im Herzen des Gebäudes bietet genug Platz, um an grossformatigen Werken zu arbeiten und diese auszustellen. Auch soll er zu einem Mittelpunkt für den ganzen Campus avancieren und für Veranstaltungen, Vorführungen und Performances rege genutzt werden. Die Ateliers sind als «Räume der Zusammenarbeit» konzipiert. Das bedeutet, sie können auch für Ausstellungen genutzt werden und sollen den Austausch zwischen den Studierenden stimulieren. Es gibt weiterhin Studios für Themenbereiche wie Engineering, Immersion, Materials, Manufacturing und Computer Science; hinzu kommen solche für Film- und Videoproduktionen. 

Visualisierung © Herzog & de Meuron
Robuste Materialien für einen repräsentativen Bau

Das höhere Forschungsgebäude schliesst im Erdgeschoss an das eben besprochene Studiogebäude an. Jede der acht Etagen bietet Raum für je eine Forschungsabteilung. Als künftiges Wahrzeichen des RCA an der Parkgate Road ist es schon vom Battersea Park aus gut sichtbar. Im obersten Teil des Gebäudes beherbergt das Knowledge Exchange Centre Seminar- und Konferenzeinrichtungen mit Blick über die britische Kapitale.

Die Fassade des Forschungsgebäudes besteht aus weissen Brise-Soleil-Lamellen, deren Anordnung, Geometrie und Dichte durch die innere Organisation und die Verschattungsanforderungen bestimmt werden. Das Tragwerk besteht aus stählernen Rundstützen und Flachdecken. Die Materialität ist einfach, robust und soll sich gut an unterschiedliche Nutzungen anpassen können. 

Visualisierung © Herzog & de Meuron

Das neue Ensemble erhält das sogenannte BREEAM-excellent-Rating, was ihm besondere Umweltfreundlichkeit bescheinigt. Insgesamt verschaffen die Schweizer Architekten der britischen Schule über 26000 Quadratmeter neuer Fläche. Für die seriöse Beurteilung der architektonischen Qualität des Grossprojekts ist es indes noch etwas früh: Erst müssen wir uns selbst vor Ort ein Bild vom fertigen Bau machen und ihn in Benutzung erleben.

Die Erweiterung des Campus ist so gut wie fertig – eigentlich muss nur noch Leben in die neuen Bauten einziehen. (Foto: Iwan Baan)

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