Beteiligung ist weder harmonisch noch bequem. Doch sie kann gute Architektur befördern

Eduard Kögel
22. Dezember 2022
Die neue Tofu-Manufaktur im Dorf Caizhai gehört zu den drei Schlüsselprojekten, für die Xu Tiantian ausgezeichnet wird. (Foto: Wang Ziling)

Herzlichen Glückwunsch an die Pekinger Architektin Xu Tiantian, die mit ihrem Büro DnA_Design and Architecture den Swiss Architectural Award 2022 erhält. Der zum achten Mal vergebene Preis, für den 26 Kandidat*innen aus 14 Ländern von internationalen Berater*innen nominiert worden sind, wird im Mai 2023 im Auditorium des Teatro dell’architettura in Mendrisio überreicht. Zeitgleich wird dort eine Ausstellung mit den Werken der Architektin eröffnet.

Der Swiss Architectural Award wird durch die Accademia di architettura sowie die Architekturdepartemente der EPF Lausanne und der ETH Zürich vergeben. Walter Angonese, Dieter Dietz und Tom Emerson, die Dekane beziehungsweise Direktoren der Fakultäten, sassen in der Jury, deren Vorsitz Mario Botta innehatte. Mit dem Preis werden internationale Architekt*innen gefördert, die jünger als 50 Jahre sind und mindestens drei bedeutende Werke errichtet haben, die ethische, ästhetische und ökologische Fragen überzeugend beantworten.

Die Shimen-Brücke über den Songyin-Fluss gestaltete Xu Tiantian zu einem sozialen Raum um. Neu dient die Anlage beispielsweise als Marktplatz. (Foto: Wang Ziling)
Xu Tiantians Erfolgsgeheimnis heisst Kommunikation und Beteiligung

In diesem Jahr verlieh die Jury den Swiss Architectural Award einstimmig an Xu Tiantian. Die drei Projekte, die aus einem viel grösseren Œuvre ihres Büros gewählt wurden, sind die Umnutzung der Shimen-Brücke über den Songyin-Fluss (2016–2017), die neue Tofu-Manufaktur im Dorf Caizhai (2017–2018), beide in der Region Songyang, sowie die Nachnutzung der nur wenige Kilometer entfernten Jinyun-Steinbrüche (2021–2022). Alle drei Bauten liegen im ländlichen Raum der Provinz Zhejiang, ungefähr 460 Kilometer südwestlich von Shanghai.  

Xu Tiantian arbeitet dort seit 2014 und konnte über 30 Projekte entwerfen, die in Anlehnung an lokale Traditionen und Materialien vor allem den Bewohner*innen dienen. Denn wie andere ländliche Räume Chinas ist auch diese Region von einer massiven Abwanderung geprägt. Dort hat sich die Investition in die zeitgenössische Architektur gelohnt, da viele – vor allem junge Bewohner*innen – in ihr ein Zeichen des Aufbruchs sehen. Sie kehrten aus den Städten zurück, um einen neuen ökonomischen Anfang zu wagen, dessen Grundlage die lokalen Ressourcen sind.

Aber wie konnte es funktionieren, dass vor allem die alten Bewohner*innen der Dörfer diesen neuartigen Bauprojekten zustimmten und sie sogar begeistert begrüssten? Das hat mit einer intensiven Betreuung und Kommunikation zu tun, da die Bewohnenden ihre Probleme gelöst sehen wollen und nicht in erster Linie nach Form oder Aussehen fragen. Fragt man sie aber, dann nennen sie als Referenz den lokalen Tempel oder die glitzernden Beispiele aus den Metropolen. Hier ist die Professionalität der Architektin gefragt, aus den Wünschen über partizipative Planungsprozesse neue, lokal verankerte Architektur zu destillieren, die nicht nur akzeptiert wird, sondern die auch die Kraft hat, eine zeitgenössische Identität zu definieren. Denn das ist einer der Wünsche vieler Dörfler: Endlich möchten sie mit einer eigenen Gestaltungsidee im Hier und Jetzt ankommen. Auf der anderen Seite ist aber auch klar, dass ein erfolgreiches Projekt nur mit den Nutzenden zusammen und nie gegen sie realisiert werden kann.

Der Shimen-Brücke wurde eine Holzkonstruktion aufgesetzt, dank der jene an die traditionellen Wind- und Regenbrücken erinnert. Dies steigert die Akzeptanz bei der örtlichen Bevölkerung. (Foto: Wang Ziling)
Eine Brücke als Treffpunkt und Marktplatz

Die aus den 1950er-Jahren stammende, gemauerte Shimen-Brücke verbindet die beiden Dörfer Shimen und Shimenyu über den Songyin-Fluss. Seit einiger Zeit war sie für den motorisierten Verkehr gesperrt. Xu Tiantian hat eine Holzkonstruktion aufgesetzt, dank der die Brücke an die traditionellen Wind- und Regenbrücken erinnert und somit leicht von der lokalen Bevölkerung akzeptiert wird. So konnte nicht nur die Verbindung zwischen den beiden Dorfteilen erhalten werden, sondern es entstand ein sozialer Ort über dem Fluss, an dem Märkte und Treffen stattfinden.

Die Holzarchitektur der Tofu-Manufaktur von Caizhai folgt der Topografie. Tourist*innen können sich vor Ort über die Tofu-Produktion informieren. (Foto: Wang Ziling)
Eine Manufaktur stärkt die Gemeinschaft

Die Tofu-Manufaktur im Dorf Caizhai liegt auf einem leicht abschüssigen Gelände und ist als Holzbau über Plateaus an die Topografie angepasst. Das Dorf ist schon seit Langem in der Region für seine exzellente Tofu-Produktion bekannt. Allerdings produzierten die Familien in der Vergangenheit in kleinen privaten Workshops, in denen die geltenden Hygienevorschriften nicht eingehalten werden konnten. Mit der neuen Anlage entstand ein Dorf-Joint-Venture, in dem jede Familie Mitglied werden und somit Produkte herstellen kann, die auch ausserhalb des Dorfes über E-Commerce einen Markt finden. Gleichzeitig ist die Gebäudegruppe so angelegt, dass sie auch für Tourist*innen als Schauanlage dient, die bei einem Besuch verfolgen können, wie Tofu wirklich hergestellt wird.

Foto: Wang Ziling
Die Jinyun-Steinbrüche wurden zu einem Ort der Kultur umgenutzt. Durch Xu Tiantians Eingriffe bleibt die Erinnerung an die Vergangenheit und den Raubbau an der Natur bewahrt. (Foto: Wang Ziling)
Vergangenheit und Zukunft zusammendenken

Das dritte Projekt ist die Transformation einiger offengelassener Steinbrüche, die in den letzten zwei Dekaden des 20. Jahrhunderts mit einfachsten technischen Mitteln durch Familienbetriebe entstanden sind. Hier hat Xu Tiantian öffentliche Nutzungen in die Hinterlassenschaften der wilden Steinbruchlandschaft gebracht, die ganz neuartige Räume in der Natur entstehen liessen. Im Gegensatz zur gewöhnlichen Architekturproduktion ging es nicht um die Konzeption eines Raumes, sondern um die «Zivilisierung» der als Abfallprodukt zufällig entstandenen Höhlen und Kavernen. Die einstige Ausbeutung der Natur transformierte sich durch die Eingriffe von Xu Tiantian in eine Kulturlandschaft, die Erinnerung und Zukunft für die Bewohner*innen zusammendenkt. Dabei spielt auch die Frage der Wiedergutmachung der Narben und Wunden im landschaftlichen Gefüge eine wichtige Rolle.

Foto: Wang Ziling
Foto: Wang Ziling

Dass nun die Jury den Swiss Architectural Award 2022 an Xu Tiantian vergeben hat, lässt sich wohl damit begründen, dass ihr Werk nicht alleine von einem bestimmten architektonischen Vokabular lebt, sondern von dessen gewinnbringendem Einsatz für die lokale Bevölkerung im ländlichen Raum. Lernen kann man von Xu Tiantian – und das gilt nicht nur in China –, dass die Partizipation durchaus überzeugende architektonische Lösungen befördern kann. Aber es bedarf dabei auch Architekt*innen, die sich mit ihrer ganzen Integrität professionell gegenüber überkommenen Vorstellungen durchsetzen können. Mit der Vergabe des Preises an Xu Tiantian wird unterstrichen, dass echte Beteiligung keinesfalls nur eine harmonische (oder lästige) Sache ist, sondern dass die fachliche Professionalität so weit gehen muss, Handwerker*innen, Verwaltungen, Nutzende, Bewohnende und Besucher*innen in einem kreativen Prozess aus der Vergangenheit in die Zukunft zu holen. Sie danken es später mit Stolz und begreifen die neuen Bauten mit Zuversicht als einen eigenen Beitrag zur Modernisierung des Hinterlandes.   

Der Preis wird Xu Tiantian im Mai 2023 in Mendrisio feierlich übergeben. (Foto: Xu Meng)

Das Buch «The Songyang Story» stellt Xu Tiantians Projekte vor. Zur Besprechung

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