Den Alltag neu sehen

Susanna Koeberle
9. Dezember 2019
Collections Typologie, «Studie zur Obst- und Gemüsekiste», 2019 (Foto © Collections Typologie)

Eine Ausstellung in der Vitra Design Museum Gallery präsentiert die Recherchen des französischen Kollektivs Collections Typologie. Die Schau ermutigt dazu, unsere Beziehung zu Alltagsgegenständen kritisch zu hinterfragen.

Esswaren werden heute meist in Plastik verpackt. Die akute Verschmutzung unserer Meere mit Tonnen von Plastik hat in letzter Zeit unsere Aufmerksamkeit zurecht wieder auf überflüssiges Verpackungsmaterial gelenkt. Wie Waren verpackt werden, reflektiert immer auch gesellschaftliche Prozesse und geopolitische Verflechtungen. Es gibt allerdings auch Behälter und Gegenstände, deren Form oder Materialien sich kaum geändert haben. So etwa die Weinflasche. Sie gehört zu einem Typ Alltagsobjekt, den wir schon fast nicht mehr bewusst wahrnehmen. Der Korken ist ein weiteres Beispiel für einen Gegenstand, der trotz neuer Herstellungsmöglichkeiten unverändert geblieben ist. Diese Objekte der alltäglichen Dingwelt haben in der Regel auch keine Autor*innen. Sie fallen unter die Kategorie «No Name Design». 

Das französische Kollektiv Collections Typologie interessiert sich genau für solche «namenlose» Gegenstände. Die vier Produktdesigner Raphaël Daufresne, Thélonious Goupil, Guillaume Bloget und Guillaume Jandin untersuchen seit 2016 in minutiöser Recherchearbeit jeweils einen bestimmten Objekttypus und präsentieren ihre Ergebnisse in ansprechend gestalteten Publikationen und Ausstellungen. Der Arbeitsprozess von Collections Typologie beginnt mit der Sammlung unterschiedlichster Exemplare eines Objekts, deren Formgebung sie erfassen, um dann gemeinsam mit Experten auch ihre Geschichte zu rekonstruieren und zu diskutieren. Diese Herangehensweise fördert teilweise überraschende Einsichten zutage und führt zu neuen Fragestellungen.

Collections Typologie, «Studie zur Obst- und Gemüsekiste», Cam Nouvelle Holzfabrik, Nueil-les-Aubiers, Frankreich, 2019 (Foto © Collections Typologie)

Die Arbeit des Kollektivs macht die enge Verflechtung zwischen materialkulturellen Entwicklungen und Prozessen wie Industrialisierung und Globalisierung sowie lokaler Ressourcenverfügbarkeit auf eindringliche Weise sichtbar. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die vier bisher untersuchten Objekttypen, wobei Exponate aus dem eigenen Bestand von Collections Typologie durch Leihgaben aus privaten und institutionellen Sammlungen ergänzt werden. Ebenfalls gezeigt werden die dazugehörigen Publikationen, von denen die aktuellste zur Eröffnung der Ausstellung im eigenen Verlag von Collections Typologie erscheint. 

Collections Typologie, «Studie zur Weinflasche», 2019 (Foto: Alberto Strada © Collections Typologie)
Collections Typologie, «Studie zur Weinflasche», Verallia Glasfabrik, Albi, Frankreich, 2019 (Foto © Collections Typologie)

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