Design macht Schule

Susanna Koeberle
20. September 2019
Die Treppenskulpturen auf dem Pausenplatz passen sich fast mimetisch in die Umgebung ein. Der Bau stammt von Kim Strebel Architekten. (Foto: Studio Sebastian Marbacher)

Der Designer Sebastian Marbacher gewann den Wettbewerb um die Gestaltung eines Kunst am Bau-Projekts bei einem Schulhaus in Zofingen von Kim Strebel Architekten

Der Test ist bestanden. Das Schuljahr hat begonnen und die Kinder haben die begehbaren Treppenskulpturen von Sebastian Marbacher schon in Beschlag genommen. Da wird frischfröhlich gehüpft und gesprungen – kurzum: Die Teile werden benutzt. Das Kunst am Bau-Projekt ging aus einem geladenen Wettbewerb hervor, den der Zürcher Designer neben drei Künstler*innen gewann. Ein Gestalter macht Kunst: Das ist zwar eine etwas ungewöhnliche Situation, aber für den jungen Designer normal. Er mag kontextbezogenes Arbeiten und hat schon einige Erfahrungen gesammelt mit der Gestaltung von Objekten für konkrete Räume. Marbacher hatte den Architekten Philipp Kim schon bei einem von ihm geleiteten Möbelbau-Workshop im Stadtmuseum Aarau kennengelernt und wurde später von ihm an den Wettbewerb eingeladen. Der Entwurf des Aarauer Architekturbüros für das Primarschulhaus in Zofingen ist ein auf wenige Materialien reduzierter Bau. Die Erschliessung der Räume erfolgt windradförmig und weist dadurch bereits räumliche Besonderheiten auf. Für das Schulhaus wünschten sich die Architekten eine farbige Intervention, die auch aktiv von den Kindern genutzt werden kann. Sebastian Marbacher suchte für sein Projekt zwei «Spielwiesen» aus, eine im Innenraum, die andere auf dem Kiesplatz vor dem Gebäude. 

Sebastian Marbacher hatte ein halbes Jahr Zeit, um ein Konzept zu erarbeiten. Sein Vorschlag nimmt die Interaktion zwischen den Nutzer*innen und den Objekten zum Ausgangspunkt. Er entwarf mehrere Treppenskulpturen, die ausgehend von einem festen Grundriss von 1,5 auf 1,5 Metern unterschiedlich hohe und verschiedenartig geformte Körper ergeben. Die Idee, die Winkel nicht klassisch rechtwinklig, sondern schräg zu machen, erscheint zwar als simpel, verleiht den Objekten aber eine spannende Dynamik. Diese steht für die Bewegung der Kinder. Die Schrägen orientieren sich am menschlichen Körper und laden zum Anlehnen ein. Sie schaffen zudem die Möglichkeit, mit den unterschiedlichen Volumen Gruppen zu bilden. Bei den sechs Teilen im Innenraum entschied sich der Designer für einen beschichteten Schaumstoff. Dieser Werkstoff, der auch bei der Ausstattung von Schiffen verwendet wird, ist stabil, resistent und angenehm weich zugleich. Ein weiterer Vorteil waren auch die Möglichkeit, die Farbe des Materials zu wählen. Die gelungene Kombination der Farbtöne trägt wesentlich zur Wirkung der Stücke bei. Die bunten Treppenobjekte wirken wie Spielklötze im Grossformat und haben zugleich etwas Künstlerisch-Minimalistisches. Kinder lieben Kunst, die man betreten und berühren darf. 

Die sechs Stücke im Innenraum bringen Farbe in den sonst minimalistischen Bau. (Foto: Studio Sebastian Marbacher)

Das merkt man auch bei den Objekten im Aussenraum. Die 11 Skulpturen bestehen aus eingefärbtem Festkies. Die drei Farbtöne sind dezenter als in der Pausenhalle und passen sich fast mimetisch in den Kiesplatz ein. Die runden Kieselstücke haben trotz ihrer Härte eine angenehme Haptik, optisch erinnern sie fast etwas an Hüttenkäse. Die Teile wurden zuvor geschalt und armiert und danach an den gewünschten Orten platziert. Dort dienen sie zum Beispiel als Sitzfläche. Dabei achtete der Designer auf eine den Kindern angepasste Massstäblichkeit. Besonders erfreulich findet Marbacher, dass seine Objekte zu allerlei abenteuerlichen Aktionen verleiten. Nach dem Stillsitzen im Klassenzimmer wollen die Kinder sich während der Pause am liebsten verausgaben, Chillen ist etwas für Teenager. 

Die Massstäblichkeit der Treppenskulpturen orientieren sich an der Körpergrösse von Kindern. (Foto: Dominik Zietlow)

Inspiration für seinen Entwurf waren etwa die Spielplätze des amerikanischen Bildhauers und Gestalters Isamu Noguchi (1904–1988). Jener verstand Skulpturen als Netze von plastischen und räumlichen Beziehungen. Überhaupt fühlt sich Sebastian Marbacher einem Verständnis von Design verbunden, das die Disziplin weiter fasst. Vorbilder seien für ihn diejenigen Gestalter*innen, die einen Blick über ihre Disziplin hinaus wagen und sich nicht schubladisieren lassen, sagt er im Gespräch. Dabei sieht er das Wort Kunst nicht so eng. Er findet es schön, dass seine Objekte einen ganz konkreten Nutzen haben. Um den partizipatorischen Moment zu zelebrieren, organisierte er mit den Schulkindern einen Workshop, in dem jedes ein eigenes Windrad bastelte. Die 500 Windräder schmückten das Schulhaus bei der Eröffnung. Der Bau wurde im Sturm erobert. 

Die weichen Skulpturen im inneren Pausenraum werden rege benutzt. (Foto: Dominik Zietlow)

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