Dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde

 Susanna Koeberle
18. Dezember 2018
Hütte bei einem verschwindenden Gletscher in Island. Bild: Filmstill
«The Human Shelter» ist ein Dokumentarfilm des dänischen Regisseurs Boris Bertram, der sich auf die Spuren des Begriffs «Zuhause» macht. Wir waren an der Vorpremiere in Zürich.
Nein, wir haben nicht das Fach gewechselt und berichten nun über Literatur. Wobei Poesie und Bauen gar nicht so weit entfernt sind, wie wir jetzt wissen. Der Philosoph Martin Heidegger weist in seiner Interpretation des Gedichts «In lieblicher Bläue» von Friedrich Hölderlin (aus dem der Titel dieses Beitrags stammt) auf die Ursprünge des Wortes «Poiesis» hin, das eben auf Altgriechisch sowohl schaffen (im handwerklichen Sinne) wie auch dichten heisst. Architekten aufgepasst: Sie wurden soeben zu Dichtern geadelt (Architektinnen natürlich auch)!
Zurück zum eigentlichen Inhalt dieser Meldung, nämlich dem Film «The Human Shelter», der in Zürich Premiere feierte – und Hölderlins Gedichtzeile zum Leitmotiv macht. Finanziert wurde der Film von (ja, Sie hören richtig) Ikea. Ein cleverer Marketingschachzug oder einfach eine gute Form überschüssige finanzielle Mittel in Forschung und Kultur zu investieren. Die Ikea Stiftung ist auch Partner des UNHCR beim «Better Shelter»-Projekt, das Hütten für Flüchtende entwickelt. Zu reden gaben diese in der Schweiz, als sie hiesige Brandtests nicht bestanden. Wie dem auch sei, sie werden im Ausland eingesetzt und bieten vielen Flüchtlingen in Krisengebieten ein temporäres Zuhause. Man sieht sie auch im Film wiederholt im Einsatz.
 
Dichtendes Mädchen in einem Flüchtlingslager im Irak. Im Hintergrund die «Better Shelter» Behausungen. Bild: Filmstill
Bertram, der auch einen Master in Sozialwissenschaften hat, betonte, dass er beim Film vollkommen freie Hand hatte. Seine Recherche zum Thema, was ein Heim ausmache, führte ihn zu verschiedenen Drehorten auf der ganzen Welt. «Hot Spots» nennt er diese: Orte, an denen Megatrends zu beobachten seien, also entweder schnell wachsende Metropolen, Kriegsgebiete oder Gegenden, in denen sich der Klimawandel stark bemerkbar macht. Vor dem Abspielen des Films forderte er die Zuschauer auf, darüber nachzudenken, was für sie «Zuhause» (home) ausmache. Eine gute Übung, die auch zeigt, dass das Thema alle betrifft. Das führte auch der Film anschaulich vor.

​Zunächst sehen wir eine weite Schneelandschaft: weiss auf weiss, leer, fast ein Bild für die Unbehaustheit und Geworfenheit der menschlichen Existenz (um beim heideggerschen Jargon zu bleiben). Auch hier kann man hausen. In Norwegen leben ein Rentierhüter und seine Tochter in einem winzig kleinen Wohnwagen. Er habe vier Zuhause: Winter, Frühling, Sommer und Herbst, sagt der in wärmende Schichten eingepackte Mann in die Kamera. Eine durchaus dichterische Aussage. Das nomadische Leben der beiden Norweger ruft uns in Erinnerung, dass der Mensch nicht immer sesshaft war. Ob die Sesshaftigkeit des Homo Sapiens tatsächlich ein kultureller Schritt nach vorn bedeutet habe, bezweifelt übrigens auch der Autor Yuval Noah Harari in seinem Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit». Auch heute sind viele Menschen in Bewegung, meist unfreiwillig allerdings.
Wagen, in dem die beiden Nomaden in Norwegen wohnen. Bild: Filmstill
Schnitt. Wir landen in New York,  wo 2016 im MoMA im Rahmen der Ausstellung Insecurities: Tracing Displacement and Shelter auch die «Better Shelter»-Hütten gezeigt wurden. Und gleich anschliessend führt uns Bertram mit seinen Bildern ins eigentliche Geschehen: ins Flüchtlinslager Arbat im Nordirak. Die dort gestrandeten Flüchtlinge versuchen, ihre Hütten mit Textilien wohnlich zu machen, so wie sie es halt von ihren Häusern kennen, aus denen sie flüchten mussten. Er habe auch zeigen wollen, wie dringend es sei, das Thema Design und Architektur aus der Perspektive dieser Menschen zu erzählen, sagt Bertram nach dem Film. Seine filmische Expedition, die auch zu einer intensiven persönlichen Erfahrung geworden sei, beleuchtet verschiedene Aspekte des Thema Wohnens und beschränkt sich bei Weitem nicht darauf, uns Elend vorzuführen. Natürlich macht es betroffen, Menschen zu sehen, die in Armut und Krieg leben müssen. Aber es gibt auch versöhnliche und humorvolle Stellen im Film, etwa das Portrait eines kurligen Umweltaktivisten, der in Kampala (Uganda) auf einem Baum wohnt. Optimismus gibt es auch an Orten, an denen man solche Töne nicht erwarten würde, etwa in Lagos (Nigeria), wo viele Menschen in informellen Siedlungen am Wasser leben. Er möge es, nahe seiner Familie zu leben, erfahren wir dort von einem Bewohner. Nicht unbedingt eine Aussage, die man in unseren Breitengraden oft hört. Der Film vermeidet es, Urteile zu fällen über Wohnformen, sondern schafft es, die existentielle Dimension dieser komplexen Thematik aufzuzeigen. Unsere erste Wohnung sei unser Körper, sagt ein isländischer Protagonist. Und ebenso sei es unsere Welt. Mikrokosmos und Makrokosmos zusammenzubringen, ist auch der Verdienst dieses Films.

Der Film geht zunächst auf Tournee. Er soll an allen Drehorten gezeigt werden. Ob er nochmals in die Schweizer Kinos kommt, steht noch nicht fest.

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