Die Erde aufgeben?

John Hill
17. April 2019
So stellt sich das Team aus SEArch+ und Apis Cor das Leben auf dem Mars vor. Bild: SEArch+ mit Apis Cor

Die Landfläche der Erde scheint als Lebensraum unattraktiv zu werden. So sucht die NASA schon seit 2015 intensiv nach Möglichkeiten zur Besiedlung anderer Planeten und fragt, wie Anlagen dort aussehen könnten. Die von ihr ausgelobte «3D-Printed Habitat Challenge» geht dem Finale zu. Drei Teams sind noch im Rennen. Fast zeitgleich hat das Büro Skidmore, Owings & Merrill (SOM) gemeinsam mit der europäischen Weltraumbehörde ESA Pläne für eine Siedlung auf dem Mond vorgestellt. Ausserdem legte Bjarke Ingels Entwürfe für eine schwimmende Stadt vor.

Verlassen wir die Erde?

Über 60 Jahre nachdem Hannah Arendt 1958 das Buch «Vom tätigen Leben» publiziert hat, legte SOM kürzlich Pläne für eine menschliche Ansiedlung auf dem Mond vor und BIG will die erste nachhaltige, schwimmende Stadt entworfen haben. Die amerikanische National Aeronautics and Space Administration (NASA) hat ausserdem schon in 2015 den dreistufigen Wettbewerb «3D-Printed Habitat Challenge» lanciert. Damit fragt sie nach Siedlungen auf dem Mars und anderen weit entfernten Planeten. Ich fühle mich davon an Arendts Untersuchung zur Verfassung der Menschheit zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts erinnert, weil sie einmal erklärte, ihr Buch sei die Reaktion darauf gewesen, dass Menschen die Tatsache, dass der Satellit Sputnik erfolgreich ins All geschossen wurde, als ersten Schritt zur Flucht aus dem Gefängnis Erde gefeiert hätten. So faszinierend der Wettlauf ins All war, er verschob die Prioritäten der Menschen weg von der Erde und hin zu etwas, das Arendt als Habitat beschrieb, in dem man sich ohne Mühe und Künstlichkeit bewegen und atmen könne. Heute fällt es angesichts von Klimawandel, Bevölkerungswachstum, extremer Ungleichheit und anderer Probleme schwer, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Ein weiteres Mal richten die Menschen darum ihre Hoffnung gen Himmel oder, wie eingangs erwähnt, aufs Meer. Sind das tragfähige Visionen für die Zukunft? Oder sind es Anzeichen dafür, dass wir das Land, welches uns über Jahrtausende genährt hat, aufgegeben haben und darum eine neue Hannah Arendt brauchen, die unseren Kurs korrigiert?

Das Büro Zopherus gehört zu den drei Finalisten der «3D-Printed Habitat Challenge» der NASA. Bild: Zopherus
Siedlungen aus dem 3D-Drucker – «3D-Printed Habitat Challenge»

In 2015 hat die NASA die mehrstufige und mit 3,15 Millionen Dollar dotierte «3D-Printed Habitat Challenge» lanciert. Dabei sind die Teilnehmer*innen aufgerufen, 3D-gedruckte Siedlungen für den Weltraum zu entwerfen und zu bauen – insbesondere für die von der NASA beabsichtigte Reise zum Mars. Der Wettbewerb wurde ferner ausgelobt, um Technologien für nachhaltige Behausungen auch auf der Erde zu entwickeln.

In der aktuell laufenden dritten Phase galt es für die Teams komplette virtuelle Wohnstätten-Entwürfe vorzulegen. Drei der elf teilnehmenden Teams wurden ausgezeichnet und verbleiben im Konkurrenzverfahren: SEArch+ und Apis Cor, Zopherus sowie Mars Incubator. Dabei errangen SEArch+ und Apis Cor jüngst einen Etappensieg.

Sie gewannen die vierte von fünf Etappen der finalen dritten Wettbewerbsphase. Als nächstes werden alle drei Finalisten ans Caterpillar Edwards Demonstration and Learning Center nach Illinois in den Vereinigten Staaten reisen, um dort Anfang Mai 2019 je ein massstabsgetreues Modell ihrer marsianischen Behausungen zu fertigen – mit dem 3D-Drucker versteht sich. Dies wird dann zugleich der Abschluss der «3D-Printed Habitat Challenge» sein, nach dem der Gesamtsieger feststeht.

Auch Mars Incubator gehört zu den drei im Rennen verbliebenen Büros. Bild: Mars Incubator
 
Leben auf dem Mond

50 Jahre nachdem die Crew von Apollo 11 auf dem Mond landete hat die European Space Agency (ESA) ein Konzept für eine erste dauerhafte Ansiedlung von Menschen auf dem Erdtrabanten entwickelt. Gemeinsam mit ihr und dem Departement für Luft- und Raumfahrttechnik des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat das Büro Skidmore, Owings & Merrill (SOM) die Anlage entworfen und kürzlich präsentiert. Sie heisst «Moon Village».

Der Cluster aus Modulen mit kontrolliertem Innendruck soll demnach drei bis vier Etagen hoch sein und auf dem Rand des Shackleton Kraters nahe des Südpols des Mondes gelegen sein, der fast durchgängig im Tageslicht liegt. Die Siedlung würde Sonnenenergie nutzen, die auch bei der Herstellung von Lebensmitteln helfen würde. Trinkwasser liesse sich indes aus dem am Krater abgelagerten Eis gewinnen. 

Wenig überraschend wird die Anlage in der Pressemitteilung des Büros SOM nicht nur als Möglichkeit den Mond ganzheitlich zu erforschen angepriesen, sondern auch als Meilenstein beim Erreichen grösserer Ziele: Fussabdrücke auf dem Mars und noch ferneren Planten zu hinterlassen. 

So soll das «Moon Village» aussehen. Bild: SOM mit Slashcube
Bild: SOM mit Slashcube
Schwimmende Siedlung von BIG

Zurück auf der Erde, aber noch immer nicht auf dem Festland, hat die Bjarke Ingels Group (BIG) den Vereinten Nationen (UN) den Entwurf einer schwimmenden Stadt («Oceanix City») präsentiert. Mit der unbeschränkten Besiedlung der Küsten, die Millionen von Hektar maritimen Lebensraumes kostet, und angesichts der Tatsache, dass über 50 Prozent aller Menschen weltweit an Küsten leben, geht BIG davon aus, dass die Zukunft unserer Spezies auf dem Meer liegt.

BIGs Entwurf besteht aus modularen, 2 Hektar grossen Nachbarschaften für je bis zu 300 Einwohner*innen. Mehrere davon würden Stadtviertel bilden und diese schliesslich eine Stadt für 10'000 Menschen auf einer Fläche von 75 Hektar. Damit wäre die «Oceanix City» etwas dichter als New York, aber auch wesentlich exklusiver.

Nahrungsmittel würden gewonnen durch eine Mischung aus Ocean Farming, Aeroponik, Aquaponik sowie Landwirtschaft im Innen- und Aussenraum. Abfall soll durch verschiedene High- und Low-Tech Systeme versorgt werden, wie zum Beispiel anaerobe Gärung, Algenfiltration oder Kompostierung. Süsswasser würde aus der feuchten Meeresluft gefiltert. Für die nötige Energiebereitstellung sollen Solaranlagen, Wind- und Gezeitenkraftwerke sorgen. Das alles ist lobenswert und tönt wundervoll, doch könnten diese Technologien nicht einfach eingesetzt werden, wo wir ohnehin schon leben?

Die schwimmende «Oceanix City» der Bjarke Ingels Group. Bild: BIG
Leben auf dem Meer. Bild: BIG

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

Love Architecture

朱合院

Andere Artikel in dieser Kategorie

Kreativer Bruch
vor einem Tag
«Beton blutt»
vor einem Tag
«Seidensänger»
vor 4 Tagen
Grüner Werkhof
vor 4 Tagen