Die Kraft imaginärer Räume

Susanna Koeberle
9. Dezember 2020
Marta Margnettis Kunst nimmt architektonische Elemente zum Ausgangspunkt und verfremdet diese. (Foto: Roberto Pellegrini)

Die Tessiner Künstlerin Marta Margnetti ist die Gewinnerin des diesjährigen Manor Kunstpreises Tessin. In ihrer Ausstellung im Museo d’arte della Svizzera italiana (MASI) in Lugano führt sie die Besucher*innen durch ein imaginäres Haus. Bericht einer Begehung.

Die Reise zu Marta Margnettis Wohnwelten beginnt draussen, nachts. Der in blaues Licht getränkte Raum befindet sich zwar im Museum, aber das vergessen wir sofort. Zweihundert an der Wand verteilte Bronze-Zikaden bevölkern die Szenerie. Das Setting lässt erahnen, dass wir uns im Folgenden auf ungewohnte Pfade begeben, dass der Rundgang durch Margnettis «Haus» uns gar in die Tiefen unserer Seelen führen könnte. Der französische Philosoph Gaston Bachelard (1884–1962) vergleicht das Haus in seinem Werk «Poetik des Raums» mit dem Innenleben unseres imaginären Seins – mit unserer Seele. Inwiefern können Wohnorte auch Zufluchtsorte unser Fantasie oder Traumwelt sein? Wie korrespondieren wirkliche und imaginäre Orte? In diesem blauen Raum erklingt eine Frauenstimme, die eine Abwandlung eines Songs der Gruppe Garbage singt: «I’m waiting for you» hören wir, endlos gesampelt. Man weiss nicht recht, ob man sich in einem Horrorfilm oder einer Märchenwelt befindet; oder in einem Traum. Wir überschreiten die Schwelle – auch das ein magisch aufgeladener Nicht-Ort – und betreten einen Raum mit vielen Türen, die zu paraventartigen Konstrukten gruppiert sind. Eine Türe hängt wie ein Bild an der Wand; die Gleichzeitigkeit von Tür- und Bildrahmen lässt die zweite mit der dritten Dimension verschmelzen. Für die Türflächen verwendete die Künstlerin durchgefärbten Leim, der üblicherweise zur Fixierung von Fliesen dient. Baumaterialien kommen im Werk der jungen Künstlerin immer wieder vor, sie sind robust und strahlen eine gewisse Vertrautheit aus. In Margnettis Arbeiten erfahren sie eine Verfremdung und eine Kontextverschiebung. 

Auf den Metallregalen stehen Objekte, die sich kaum zuordnen lassen. (Foto: Roberto Pellegrini)

Etwa indem sie kombiniert werden mit natürlichen, organischen Materialien, wie das bei den Schlüsselanhängern an den Türen der Fall ist. An überdimensionalen Ketten hängen in Wachs getränkte getrocknete Pflanzen, die Objekte wirken fast wie Fetische. Ein anderes Beispiel für den ambivalenten Charakter der Exponate sind die «Regale» aus Metall, die an den Ecken plötzlich zu Köpfen werden oder sich auffächern zu botanisch anmutenden Ornamenten. Nähert man sich den Objekten, erkennt man auf den Flächen fein ziselierte Zeichen und Buchstaben, die mit Radiertechnik angebracht wurden. Das Einzoomen ins Kleine bewirkt einen Perspektivenwechsel von einer für alle zugänglichen in eine private, fast intime Dimension. Dieses Changieren zwischen den Polen «fremd und vertraut» sowie «abstrakt und figurativ» erzeugt eine Spannung, die fasziniert und verunsichert. Das tun auch die Keramikobjekte, die auf den Regalen stehen, denn sie lassen sich kaum zuordnen. Sind das nun Alltagsgegenstände, unnützer Nippes oder rituelle Objekte aus einer verschwundenen Zivilisation?

Die kleinen Hausmodelle basieren auf Träumen der Künstlerin. (Foto: Roberto Pellegrini)

Wohnen ist ein universelles, kollektives Phänomen, das allerdings kulturell stets mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen ist. Gerade im Kontext der Pandemie hat das Thema Wohnen eine neue Aktualität erfahren, das macht auch diese Ausstellung deutlich. Die Mehrschichtigkeit und Ambivalenz dieser Thematik zeigt sich auch im Raum mit den an Architekturmodelle erinnernden Hausskulpturen; diese basieren auf Träumen der Künstlerin, die sie aus der Erinnerung rekonstruiert hat. Für sie selber sei das Wohnen etwas Transitorisches, erzählt sie beim Rundgang. Sie sei schon unzählige Male umgezogen, weshalb ihr Hab und Gut modular sei. Wohnen ist für Margnetti zudem stets mit der Idee des Kollektivs verbunden und auch nicht zwingend an einen bestimmten Ort gebunden. Ein Haus ist kein abgeschlossener und kompakter Ort, sondern vielmehr fragmentarisch und verstreut. 

Und so erscheinen reale und imaginäre Aspekte auch in Marta Margnettis Kunst als gleichwertig. Teil und Ganzes stehen in keiner hierarchischen Beziehung zueinander. Das sei auch der Grund dafür, dass sie die Objekte für diese Ausstellung als Fragmente konzipiert habe, die Besucher*innen ganz individuell erfahren können, sagt sie. Im Titel «e improvvisamente scossa da una forza» (und plötzlich von einer Kraft geschüttelt) schwingt ein utopisches, aber auch bedrohliches Momentum mit. Das Zitat stammt von Wassily Kandinsky, der sich eine grosse, nach allen mathematischen Regeln der Baukunst entworfene Stadt vorstellte, die plötzlich von einer unermesslichen Kraft geschüttelt wird. Dieses Bild evoziert auch die spirituelle Erneuerung, die wir beim Betrachten der Kunst von Marta Margnetti erfahren können.

Die zweihundert Zikaden aus Bronze bevölkern den ersten Raum der Ausstellung im Palazzo Reali des MASI. (Foto: Roberto Pellegrini)
Die Schau läuft bis zum 14. Februar 2021 im Palazzo Reali (Via Canova 10, 6900 Lugano).
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