Die Vielfalt des Letzigebiets

Manuel Pestalozzi
22. September 2020
Stadtwanderung durch das Koch-Areal; im Hintergrund ist die Überbauung «James» zu erkennen. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Im Rahmen von «Open House Zürich» fand am Abend des 22. September 2020 ein Rundgang durch das Letzigebiet in Zürich-West statt. Der Fokus lag dabei nicht auf einem einzelnen Gebäude, sondern dem Stadtraum, der sich hier von einem Archipel zum heterogenen Gebiet entwickelt.

Letzi ist die Bezeichnung einer Talsperre, das Wort stammt vom mittelhochdeutschen «letze», was so viel heisst wie Hinderung, Hemmung, Schutzwehr oder Grenzbefestigung. Auch Zürich hatte im Mittelalter eine Letzimauer. Sie war als Vorwerk der früheren Stadtbefestigung der Reichsvogtei Zürich konzipiert und bleibt bis heute in der Stadt als Namensteil diverser Strassen und Bauwerke in Erinnerung. Letztere lassen auch den Verlauf der Mauer erahnen: Sie begann an den Hängen des Üetlibergs, durchquerte die Ebene der Limmat bis zum Hardturm und zog sich auf der anderen Seite des Flusses wieder den Hang zum Zürichberg empor.

Die Exkursion begann beim Albisriederhaus, unterhalb des Uetlibergs. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Der Streifzug fand als Teil des Angebots «Open House Plus+» im Rahmen von «Open House Zürich» statt, einer Veranstaltungsreihe, bei der am 26. und 27. September über 100 Häuser in der ganzen Stadt zugänglich gemacht werden. Er beschränkte sich auf den Abschnitt zwischen dem einstigen Dorf Albisrieden und der Hohlstrasse. Treff- und Startpunkt war das Albisriederhaus, ein öffentlicher Mehrzweckbau des Hallenstadion-Architekten Karl Egender (1897–1969) aus den 1930er-Jahren. Die Gruppe wurde geführt vom Architekten Stephan Bleuel und seiner Kollegin Petra Röthlisberger, die beide beim Amt für Städtebau der Stadt Zürich tätig sind. Vorüber an mehreren Stationen führte die Tour hinab in die Ebene des Limmattals.

Architekt Stephan Bleuel liess die Geschichte des Freilagers Revue passieren. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Zunächst wurden fertige Nachverdichtungsprojekte und Arealumnutzungen besucht. Vorbei ging es an der erneuerten Siedlung der Genossenschaft Sunnige Hof zum Freilager-Areal. Dieses wurde zu einem Wohnquartier umgestaltet. Was noch fehlt, ist das Schulhaus, das sich derzeit im Bau befindet. Der Mangel an Schulraum gehört zu den Sorgenkindern der Stadt. Gerade im Freilager hatte man den Bedarf unterschätzt, und es gibt in der Gegend wenige freie Flächen für neue Schulanlagen. Hier muss die Stadt kooperative Verfahren mit den Grundeigentümern anregen, ein Rezept, das im Letzigebiet bereits mehrmals erfolgreich angewendet wurde. Schulhäuser verdrängen oft Freiräume: Am Rande des Freilagers etwa mussten Familiengärten aufgegeben werden. Die Stadt bemüht sich um Ersatz. So soll auf dem Koch-Areal, dessen Umgestaltung geplant, aber noch nicht realisiert ist, verlorengegangene Vegetation kompensiert werden.

Architektin Petra Röthlisberger zeigte, wie das Kohlenlager der Koch AG als Unterstand im neuen Park hergerichtet werden soll. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Das viel diskutierte, besetzte Gelände des einstigen Heizungs- und Kohlenhändlers Koch wird sich in eine Wohnsiedlung verwandeln. Im Sinne der Denkmalpflege wurde entschieden, das Kohlenlager, einen grossen Holz-Hangar, zu erhalten. Dafür soll das Bauwerk statisch ertüchtigt werden und dann als durchgängiger, grosser Unterstand der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Die direkt gegenüberliegende Überbauung «James», einst Standort der Autofabrik Arbenz, ist eine Pionieranlage im einstigen Industrie- und Gewerbegebiet. Der öffentliche Raum mit der Kletterhalle im einstigen Arbenz-Showroom ist stark frequentiert und wird gut angenommen.

Das «Blüemliquartier» ist eine Kernzone, die in ihrer Gestalt nicht mehr verändert werden soll. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Hinter den Grossbauten von «James» erreichte die Gruppe ein Reihen-Einfamilienhausquartier: das «Blüemliquartier», benannt nach den vielen blumigen Strassennamen in der Gegend. Es entstand vor und während der Weltwirtschaftskrise in der Zwischenkriegszeit. Dieses Ensemble mit seinen schmalen Zufahrtsstrassen hält die Stadt für erhaltenswert und hat deshalb eine Kernzone dafür geschaffen: Die Umrisse der bestehenden Bauten dürfen von Neubauten nicht überschritten werden.

Wenige Schritte weiter steht das Fussball- und Leichtathletik-Stadion Letzigrund. Wie die durchquerten Industrieanlagen und Warenlager wurde auch dieses einst am Rand der ausfransenden Grossstadt erstellt, gleich neben dem etwas älteren Schlachthof. Stephan Bleuel verglich das Letzigebiet mit einer Ansammlung von Inseln, die ursprünglich eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Mit dem Strassensystem, dem Auffüllen von Leerstellen und der Verdichtung entsteht hier Zug um Zug ein Stadtgebiet, welches wenig einheitlich, dafür aber spannend, abwechslungsreich und deshalb attraktiv ist.

Massstabssprünge und unerwartete Nachbarschaften charakterisieren das Letzigebiet, wie dieser Blick aus dem «Blüemliquartier» auf das Stadion Letzigrund und den Hochkamin des Schlachthofs zeigt. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Der Streifzug endete am südlichen Rand der Hohlstrasse mit einem Blick auf die Werkstätten der SBB vis-à-vis. Auch dieses Gelände will die Stadt gemeinsam mit der Eigentümerin einer neuen, intensiven Nutzung zuführen, wobei Arbeitsorte und Gewerbenutzungen im Vordergrund stehen sollen. Wie auf fast allen durchquerten «Inseln» des Archipels Letzigebiet sollen auch hier bestehende Bauten und Strukturen erhalten bleiben.

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