Ein Raum als Instrument

 Susanna Koeberle
8. Januar 2019
Raum im Raum. Installation view, von Bartha S-Chanf, Switzerland. 2018. Bild: Serge Hasenböhler
Sarah Oppenheimer ist eine Künstlerin, die durchaus auch als Architektin bezeichnet werden kann. Ihre ortsspezifische Arbeit «I-131311» kann aktuell in der Galerie von Bartha in S-chanf besichtigt und betätigt werden.
Sie bricht Räume auf, verändert sie – und erfindet sie damit neu. Mehr noch: Sie hinterfragt und kommentiert mit ihren architektonischen Eingriffen Architektur. Oder genauer gesagt eine Architektur, die stereotypische und damit tote Räume erschafft. Dazu gehört auch der in Galerien gängige Typus des White Cube. Indem Sarah Oppenheimer uns auffordert an der Schaffung von Raum teilzuhaben, agiert sie gleichsam als Mittlerin zwischen Betrachter und Raum. Ihr Werk mit dem Titel «I-131311» ist zurzeit im Projektraum der Galerie von Bartha im Engadiner Dorf S-chanf zu sehen. Dieser Raum ist selbst eine Art Kunstraum, steht er doch als Kubus mitten in einer ehemaligen Scheune eines traditionellen Engadiner-Hauses. Er schafft ein Feld, das die Künstlerin mit ihrer Installation bespielt und damit neu erschafft. «I-131311» wird von der Künstlerin als «Instrument» beschrieben. Die Arbeit ist eine Art Raum im Raum, der von der Anmutung her beinahe an den Schweizer Pavillon der letztjährigen Biennale von Venedig erinnert. Weisse Wände, rechte Winkel, Öffnungen, nichts Fremdes eigentlich. Etwas irritierend ist ein quer liegendes Brett, das aus einem schmalen Schlitz (ein Fenster?) in der dünnen Wand schaut. Und die Irritation ist perfekt, wenn man dieses Brett berührt und dadurch eine Bewegungsmaschinerie in Gang setzt. Gespenstisch langsam bewegen sich plötzlich drei Glasscheiben. Zwei davon sind parallel angeordnet (sie erinnern an die klassische Doppelverglasung bei Fenstern, auch wenn der Abstand dabei deutlich grösser ist als üblich), die dritte liegt in einem rechten Winkel dazu und könnte zu einer Türöffnung gehören. Dabei bewegen sich diese Gläser zuerst auf einander zu, das heisst das «Fensterdoppelglas» von unten aus der Öffnung und das «Türglas» von oben. Kurz bevor sich die Gläser berühren würden, bewegen sie sich bei weiterem regelmässigem Drehen des Bretts wieder voneinander weg.
Beim Drehen des Bretts bewegen sich die Glaswände. Bild: Serge Hasenböhler
Durch diese eigentümliche Bewegung geraten die statischen Koordinaten des Raums ins Schwanken, was eine Verunsicherung erzeugt. Lineare und rotierende Bewegungen werden miteinander verlinkt. Die Verwendung von Glas bewirkt zudem durch den Spiegelungseffekt eine weitere räumliche Erweiterung, denn plötzlich sehen wir darin die Umgebung reflektiert (vielleicht Menschen, die im selben Raum sind). Diese neuen Verknüpfungen lösen eine neue räumliche Wahrnehmung aus, die zwischen Staunen und Bedrohung anzusiedeln ist. Was wäre, wenn sich unsere Wohnungen mit uns bewegten? Mit uns interagieren würden? Eigentlich tun das Räume ja auch, nur dass wir diesem Umstand selten Beachtung schenken. Jede Sekunde wandeln sich in Räumen die Lichtverhältnisse und verändern diese damit. Sarah Oppenheimers Kunst öffnet uns mit ihren interaktiven Installationen die Augen für unsere meist unvollständige und konstruierte Raumwahrnehmung.
Die Gläser kurz bevor sie sich berühren. Bild: Serge Hasenböhler

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