Ein Zeitzeuge wird neu belebt

Susanna Koeberle
25. August 2022
Die Reithalle St. Moritz, 1910 erbaut, liegt beim See. (Foto: fotoswiss/Giancarlo Cattaneo)

Die Reithalle St. Moritz, ein Entwurf von Nicolaus Hartmann (1880–1956) aus dem Jahr 1910, liegt an bester Lage gleich beim St. Moritzersee. Früher wurden in der Reithalle Pferde für gesellschaftliche Veranstaltungen auf und um den See trainiert. Seit einigen Jahren wird der historische Bau allerdings kaum noch genutzt. Der Zürcher Opernsänger Christian Jott Jenny, seit 2018 Gemeindepräsident von St. Moritz, holte den Bau aus dem Dornröschenschlaf. Regelmässig finden dort Veranstaltungen statt, die sich auch an die Bevölkerung von St. Moritz richten – also nicht nur an die Happy Few von wohlhabenden Tourist*innen der «Top of the World»-Destination. Allerdings ist der denkmalgeschützte Bau etwas angeschlagen und muss dringend saniert werden. Die Gemeinde stimmte letztes Jahr einem Kredit für ein Vorprojekt zu. Die Zürcher Architekturbüros Stehrenberger Architektur und Horisberger Wagen erhielten im selektiven Planerwahlverfahren den Zuschlag für die Sanierung und Neunutzung des Baus. Ziel dabei ist es, möglichst viel Substanz und Atmosphäre zu erhalten. Ende November wird nochmals über den Kredit abgestimmt.

Im Innern wird der stützenfreie Bau zurzeit provisorisch verstärkt. Ziel der Sanierung ist es, möglichst viel Substanz zu erhalten. (Foto: fotoswiss/Giancarlo Cattaneo)

Nächstes Wochenende wird der Bau zum Schauplatz des ersten St. Moritz Art Film Festivals (SMAFF), das von Stefano Rabolli Pansera und Ewa Hess kuratiert wurde. Der Architekt und Kurator versteht das Festival als urbanes Projekt und will mit ihm auch den städtischen Charakter des Dorfes betonen. 2020 als Non-Profit-Organisation gegründet, möchte das SMAFF internationales Filmschaffen in all seinen Facetten fördern. Das viertägige Programm, das am heutigen Donnerstagnachmittag startet, sieht auch verschiedene Talks mit Künstler*innen der Filme sowie anderen geladenen Gästen vor. Mehrere Schweiz-Premieren sowie zwei Weltpremieren – darunter eine Zusammenarbeit zwischen dem Künstler Raphael Hefti, dem Choreografen und Tänzer Trajal Harrell und dem Regisseur Kosta Glušica gehören zu den Highlights des Festivals, das künftig jedes Jahr unter einem anderen Motto stattfinden soll. Das diesjährige Thema lautet «Face to Face». Der Kurator sagt dazu: «Das Gesicht ist der Ort des Menschseins und die Schnittstelle zum Anderen. Das Thema des Gesichts trifft auf viele grundlegende und aktuelle Themen: die Wiederaneignung unserer Gesichter nach einer Zeit, in der unsere Gesichter durch Masken verdeckt waren, die Entdeckung des Anderen in Zeiten des aufkommenden Populismus, die Herausforderungen der Biopolitik in einer Gesellschaft, in der die Kontrolle immer strenger wird.»

Das reichhaltige Programm richtet sich an Kunstinteressierte, Künstler*innen, Studierende sowie Filmschaffende und möchte den Austausch und das Gespräch zwischen unterschiedlichen Akteur*innen fördern. Ob auch die Bevölkerung von St. Moritz vom Angebot profitieren wird, muss sich erweisen. Die Resonanz auf den bevorstehenden Event schien jedenfalls positiv. Die Belebung eines so wichtigen Zeitzeugen wie der Reithalle soll möglichst vielen Menschen zugutekommen. Ebenso kann sich durch solche Veranstaltungen die Bedeutung von Kultur für den Tourismus konsolidieren. Das SMAFF wird die Bevölkerung hoffentlich dazu motivieren, dem Kredit zur Sanierung zuzustimmen.

Porträt des Kurators Stefano Rabolli Pansera durch Goswin Schwendinger (Foto: Goswin Schwendinger)

Der Besuch des Festivals ist für Jugendliche unter 18 Jahren gratis, ein Ticket für das gesamte Festival – inklusive eines Events und einer Party im legendären Dracula Club – kostet 300 Franken. Es können auch Billettes für Einzeleintritte gekauft werden.

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