Eine Aufforderung zum Spiel

Susanna Koeberle
30. August 2019
Die Ausstellung «Creative Lab» in den ehemaligen SBB-Werkstätten zeigt Installationen, Projekte und Visionen aus unterschiedlichen Disziplinen. (Foto: Susanna Koeberle)

Die zweite Ausgabe der Design Biennale Zürich steht unter dem Motto «Play». Bis am Sonntag, dem 1. September 2019, können Besucher*innen eintauchen in die spielerische Welt des Designs. Dabei werden auch ernste Themen angesprochen.

Spielen ist eine universelle Tätigkeit und nicht nur Kindern vorbehalten. Viele kreative Prozesse können mit einem Spiel verglichen werden. Es geht darum, sich ins Ungewissen zu begeben, Neues zu wagen, etwas aufs Spiel zu setzen. Diese Eigenschaften prägen auch das Schaffen vieler Designer*innen. Die Design Biennale Zürich fokussiert auf den Prozess-Aspekt von Design und stellt nicht fertige Produkte in den Vordergrund. Mit diesem Ansatz soll die Disziplin Design auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Für die zweite Ausgabe haben die beiden Initiator*innen Gabriela Chicherio und Andreas Saxer die Kuratorin Maike Thies beigezogen, die das Thema Gamedesign in Angriff genommen hat. Denn gerade auch digitale Formate oder das Thema Klänge im Design sind Teil der Leistung von Designer*innen, das geht häufig vergessen. Zum ersten Mal wurde ein Gastland eingeladen. Die Wahl fiel auf die Niederlande, das Land stehe auch für einen spielerischen Umgang mit Design, wie Andreas Saxer ausführt.

Der niederländische Designer Tim Teven zeigt drei Projekte. Die Szenographie der Halle entstand in Zusammenarbeit mit Studierenden der Hochschule Luzern. (Foto: Susanna Koeberle)

Einer der Programmpunkte ist die Gruppenausstellung «Creative Lab» in den ehemaligen SBB-Werkstätten. Hier werden zeitgenössische Designprojekte und Installationen aus unterschiedlichen Disziplinen gezeigt. Der niederländische Designer Tim Teven zum Beispiel zeigt drei Projekte, die einen experimentellen Umgang mit Materialien aufweisen. Bei seinem Projekt «Recycling Reject» arbeitet der Designer mit Papierfaserabfällen, die nicht mehr weiter verwendet werden können (Papierzellulose kann mehrmals recycelt werden, danach ist sie zu entsorgen). Er fügt der Papierfaser einen weiteren Werkstoff hinzu und macht daraus Platten. Diese kommen sowohl im Bereich Möbeldesign zum Einsatz als auch als Auskleidung bei Innenarchitektur-Projekten. Möglich wäre auch die Verwendung in der Baubranche, zurzeit ist die Herstellung des Materials allerdings noch zu teuer. Bei zwei weiteren Objekten reizt Teven die Grenzen von Materialien wie Aluminium aus, indem er diese durch Druck verformt. 

Studierende der ETH Zürich haben «Clay City» gebaut, ein faszinierendes Stadtgebilde, das auch zum Spielen da ist. (Foto: Susanna Koeberle)

Ein Projekt, das nicht nur die Aufmerksamkeit von Architekt*innen auf sich ziehen dürfte, ist «Clay City». Im Entwurfsstudio von Alexander Brodsky an der ETH Zürich entstand während drei Monaten eine Idealstadt aus Lehm, die an der Design Biennale Zürich transformiert und umgestaltet werden darf und soll. Die einzelnen «Bauten» aus Ton sind eng aneinander gefügt und wirken wie ein grosses Geflecht, ein lebendiger Organismus quasi. Dieses fast surreale Gefüge lädt ein zum Nachdenken über Stadt. Über Träume und Ängste, die wir mit dem städtische «Getriebe» verbinden. Hier vereint sich die Aufforderung zum Spiel mit einem Nachdenken über unsere Rolle, zunächst einmal in diesem Modell. Und vielleicht später in der Wirklichkeit? Wer schreibt die Spielregeln? Wer macht Stadt?

Eine Stadt aus der Schachtel (Foto: Susanna Koeberle)

Wie Räume sich wandeln, interessiert auch die Textildesignerin Marie Schumann. Sie arbeitet schon mehrere Jahre an ihren «Softspaces», gewobene Textilien die Bewegungen und Licht erfahrbar machen. Textilien haben gerade in der Architektur grosses Potential, nicht nur, weil sie Räume wohnlicher und wärmer machen, sondern diese auch gliedern und damit mobil machen können. 

Viele Exponate sind digitale (zum Teil interaktive) Installationen oder haben Forschungscharakter. Hervorgehoben sei hier das Forschungsprojekt «DEATHign you final life». Bitten Stetter forscht über das Sterben. Ganz ohne falsche Betroffenheit widmet sie sich den praktischen Seiten dieses Vorgangs. Ihre Installation fordert zum Nachdenken über unsere Wünsche das Sterben betreffend auf. Dabei sollen oder dürfen Besucher*innen aktiv werden und ihre Gedanken auf Plakaten festhalten, die wiederum abfotografiert Teil des Forschungsprojekts werden. Bitten untersucht nicht nur die Bedürfnisse der Sterbenden, sondern auch jene der Angehörigen. Mit ihrem Label «final studio» setzt sie solche Erkenntnisse in Objekte um. Dass man auch ernste Themen spielerisch vermitteln kann, führt dieses Projekt auf eindrückliche Weise vor.

Weitere Örtlichkeiten der Biennale sind der Alte Botanische Garten mit einer besonderen Interpretation des Vita Parcours sowie das Museum für Gestaltung mit der «Swiss Game Design Lounge». Workshops, Vorträge und Design Promenaden runden das vielseitige Programm ab. Das Spiel kann beginnen!

Das Kuratorenteam (Foto: Lukas Beyeler)

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