Einst heiss diskutiertes Pionierprojekt, heute bewährt und allseits akzeptiert: Die Siedlung Zelgliacker wird 40

Manuel Pestalozzi
10. November 2021
Die Kinder der ersten Bewohnergeneration sind längst ausgeflogen, der Spielplatz des Zelgliackers aber bleibt beliebt. (Foto © GEMIWO)

Idealerweise wären Wohnanlagen in jeder Hinsicht nachhaltig – sozial, ökologisch und auch ökonomisch. Doch das gelingt selten. In Windisch zeigt die kleine Siedlung Zelgliacker seit 40 Jahren, wie es klappen könnte.

Reihenhäuser zum Preis von Mietwohnungen

Die Siedlung Zelgliacker wurde von der Metron AG errichtet. Das Wohnen in den Reihenhäusern der Arbeitersiedlung mit schönen Wohngärten sollte nicht teurer sein als in gewöhnlichen Mietwohnungen. Gleichzeit mit der Idee zum Bau der Siedlung wurde die Gemeinnützige Mietwohn AG (GEMIWO) geschaffen. Deren Gründungsmitglieder waren Baufachleute, die der Metron-Gruppe nahestanden oder sogar für diese tätig waren. «Anstelle der damals beliebten Genossenschaft wurde mit der Organisationsform bewusst jene des klassischen Investors gewählt. So konnten die Verantwortlichen zeigen, dass der Betrieb von kostengünstigem Wohnraum und selbstbestimmter Verwaltung nicht im Widerspruch zur Rolle des Investors stehen muss. Weil allerdings kein solcher bereitstand, wurde der Wohnverein Metron gegründet, der die Siedlung ins Eigentum übernommen hatte», schreibt Stephan Bircher, der heutige GEMIWO-Geschäftsleiter, anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums des Zelgliackers.

Die Siedlung besteht aus drei Teilen mit je vier Reihenhäusern. Jedes der zwölf Häuser verfügt über 5,5 Zimmern, Bad, WC und einen Kellerhohlraum. Eine «Arbeitersiedlung» war der Zelgliacker insofern, als während der Planung in der benachbarten Couvertfabrik und dem ebenfalls nahen Kabelwerk umfangreiche Befragungen unter den Beschäftigten durchgeführt wurden, deren Ergebnisse in das Projekt einflossen. «Massgebend für die Gestaltung der Häuser waren die Wünsche der zukünftigen Nutzer, die Grundstücksgrenzen, die Bauordnung und die festgesetzten Kosten pro Wohneinheit. Die Einhaltung der Baukosten war dank radikaler Vereinfachungen möglich (CHF 190000 pro Einheit)», schrieb Metron direkt nach der Fertigstellung. «Es wurde statt eines Kellers lediglich ein Hohlraum erstellt. Die Gebäudeformen sind kompakt, ohne Vorsprünge und Einschnitte. Fensterläden, Sonnenschutz, Vorhangschienen und Simsbretter wurden weggelassen. Der Dachraum, also das fünfte Zimmer, wurde im Rohbau belassen und bildet so die Selbstbauzone des Hauses.» 

Die einfachen Grundrisse aus der Entstehungszeit bewähren sich nach wie vor. (Grundrisse © GEMIWO)
Anfängliche Schwierigkeiten sind längst vergessen

In Fachkreisen sorgten das Konzept und seine architektonische Ausformulierung für viel Aufmerksamkeit – und kontroverse Diskussionen. Wie sich heute zeigt, hat die Siedlung ihre ersten 40 Jahre gut überstanden. In den Jahren 2009 und 2010 wurden die Gebäudehüllen saniert und der Dämmwert auf Minergie-Niveau verbessert. Der architektonische Pioniergeist, den die Siedlung einst verkörperte, ist durch die Massnahmen allerdings etwas geschmälert worden. Und war die Siedlung einst nicht unumstritten, ist sie zwischenzeitlich sehr gut akzeptiert: «Während die Bauten zu Beginn von den Nachbarn heftig bekämpft und kritisiert wurde, ist die Siedlung heute sowohl in ihrer Erscheinung als auch in ihrer Wirkung bestens integriert ins Umfeld», freut Stephan Bircher. «Die Wohnungen sind geweisselt und haben Einbauküchen. Höchstens noch in den Dachräumen erkennt das geübte Auge da und dort letzte Resten von Selbstbau. Die Kinderschar der ersten Stunde ist ausgeflogen. Geblieben ist hingegen die starke Identifikation der Mieterinnen und Mieter mit ihrer Siedlung, eine lebendige Nachbarschaft und die Wertschätzung der vorhandenen Gestaltungs- und Nutzungsfreiheiten.»

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