Erfolgreich tiefgestapelt

 Manuel Pestalozzi
9. Januar 2019
Das Generationenprojekt hat viele Verantwortliche, wie sich an der Pressekonferenz zeigte. Bild: Manuel Pestalozzi
Die Erneuerung des Hochschulgebiets Zürich Zentrum (HGZZ) nimmt Form an. Am 8. Januar 2019 präsentierten die Verantwortlichen die ersten zwei Projekte. Sie versprechen eine interessante Entwicklung in Massstab und Dichte.
Die Katze ist nun etwas mehr aus dem Sack. Und das «Design» der vermittelten Inhalte war dieses Mal deutlich griffiger als bei früheren Gelegenheiten. Schon verschiedene Male berichtete dieser Redaktor zum HGZZ oberhalb der Altstadt von Zürich, meistens unter dem Stichwort «Berthold», dem Namen, den man dem Umbauprojekt des Universitätsspitals Zürich (USZ) gegeben hat. Beteiligt an der tief greifenden Umwandlung und Verdichtung des Quartiers sind daneben aber auch die Universität Zürich (UZH) und die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), hinzu kommen Kanton und Stadt Zürich. Alle schickten ihre Verantwortungsträgerinnen und –träger an den Presseanlass vom 9. Januar, gerade noch knapp fanden sie auf dem Podest im Lichthof des Hochbauamts der Stadt Zürich gemeinsam Platz.
 
Grund für die Versammlung waren die Resultate des Wettbewerbs für die Wässerwies, auf dem das «FORUM UZH» entstehen wird, und des Studienauftrags USZ Kernareal im Zeichen von «Berthold». Bereits im November 2018 waren die Siegerteams bekannt gegeben worden: Herzog & de Meuron im Falle von «FORUM UZH», Christ & Gantenbein beim USZ Kernareal Ost. Nun wurden die Projekte der beiden Basler Büros für die Öffentlichkeit enthüllt. Mit diesem Akt verliert die Generationenaufgabe am Hang des Zürichbergs ihren abstrakten Charakter und erhält zum ersten Mal ein konkretes Gesicht.
 
Als wichtiges Sprungbrett für diese Entwicklungsstufe gilt das so genannte Weissbuch, dessen Wert insbesondere die Vertreterinnen und Vertreter der Politik nochmals ausdrücklich würdigten. Es wurde nach dem mit dem HGZZ-Masterplan 2014 erzeugten initialen Schock unter Berücksichtigung der Wünsche der Öffentlichkeit verfasst. Das Weissbuch enthält verbindliche Vorgaben für die Ausbildung der Aussenräume. Sie mussten von den Teams, die sich am Wettbewerb resp. am Studienauftrag beteiligten, eingehalten werden.
Das Weissbuch-Gebiet mit den beiden Neubau-Projekten. Bildquelle ARGE Vulkan KCAP
Wirkung im Stadtbild
Auffällig an der Pressekonferenz war, dass die Gesamtwirkung im Stadtbild das vorrangige Thema war. Der Inhalt der Bauten schien für einen Moment zweitrangig, Hauptsache bildete die Erbringung des Beweises, dass das Weissbuch nicht bloss ein Stapel unbedeutendes Papier ist. Man muss anerkennen, dass die Beweisführung überzeugte. Die Furcht vor sich aufbäumenden Megamonstern, welche die Stadt erdrücken, wurde gebannt. Die Visualisierungen zeigen Projekte, welche sich geschickt und mit einer gehörigen Portion Demut in den Kontext einordnen. Alles ist weniger mächtig, als viele befürchtet hatten. Das gilt besonders für das USZ-Projekt, welches die Maximalhöhen deutlich unterschreitet. Wie schaffte man das? Ein Grund war das Auslagern bestimmter Funktionen, insbesondere die Trennung der stationären Behandlung von der ambulanten, welche dereinst beim Flughafen Zürich im Projekt The Circle erfolgen soll.
Das «FORUM UZH» in der Ecke Rämi-/Gloriastrasse. Bild Herzog & de Meuron
«FORUM UZH» mit raumhaltiger Terrasse
Das «FORUM UZH» wurde vom UZH-Rektor Prof. Michael O. Hengartner als Kollegiengebäude des 21. Jahrhunderts vorgestellt. Die Lösung von Herzog & de Meuron besteht in einem kompakten, im Grundriss trapezförmigen Baukörper, dem talseitig eine Terrasse vorgelagert ist. Während im Masterplan noch ein Grossvolumen mit Lichthöfen den gesamten bestehenden Sportplatz und den Standort der bestehenden Turnhalle einnahm, gelang es dem Projektteam, eine Freifläche zu schaffen, welche das Weissbuch noch nicht vorwies oder verlangte. Die Terrasse macht die Einmündung der Gloriastrasse in die Rämistrasse zu einem grosszügigen, urban wirkenden Platz. Geschickt profitiert der Entwurf vom abschüssigen Terrain entlang der Rämistrasse. Das eigentliche «Forum» gruppiert sie um einen versenkten, begrünten Hof auf dem Niveau des 2. Untergeschosses. Das 1. Untergeschoss ist von der Rämistrasse ebenerdig erschlossen und führt beidseits des Hofs unter der Terrasse in den dahinter liegenden Hochbau. Die Terrasse ist also raumhaltig, unter ihr befinden sich Turnhallen und diverse öffentliche Nutzungen, die über den Hof mit Tageslicht versorgt werden.

Das «FORUM UZH» soll jederzeit öffentlich zugänglich sein und so aktiv zum allgemeinen Quartierleben beitragen. Die Intervention bewirkt einen deutlichen Urbanisierungsschub, der Hochbau begrenzt verschiedene Strassenräume und führt zusammen mit seinem Terrassensockel im Quartier einen neuen Massstab ein. Das klar umrissene Grossvolumen mit der Fassade aus vorgelagerten, beweglichen Lamellen wirkt einerseits fast klassizistisch streng und formell. Es bildet so in respektvoller Distanz ein würdiges Gegenüber zum Unigebäude von Karl Moser aus dem frühen 20. Jahrhundert. Andererseits wirkt die Terrasse fröhlich und «volksnah». Das Projekt gibt dem Begriff «Verdichtung» ein plausibles und anmutiges Antlitz, das gut zu einem sich weiter entwickelnden Zürich zu passen scheint.
Der neue Eingangstrakt des Universitätsspitals. Bild: Ponnie Images
Einzelvolumen für das USZ
Auch das Spitalprojekt erreicht die Mantellinien des Masterplans an vielen Orten nicht und wirkt im Vergleich zu früheren Volumenmodellen ausgesprochen bescheiden. Das Team um Christ & Gantenbein operierte für die Kernarealbereiche Ost und Mitte mit grossen, streng orthogonalen Solitären, die mit einer Ausnahme Innenhöfe besitzen und über mehrgeschossige Brücken miteinander verbunden sind. Der Abstand zum schützenswerten bestehenden Spital von Häfeli Moser Steiger beträgt hangseitig rund 30 Meter, der beim Masterplan befürchtete lange Schlitz wird damit deutlich relativiert. Ausgearbeitet für die Realisierung werden die beiden Volumen des Kernareals Ost an der Gloriastrasse, die durch ein Scharnier mit Erschliessungsanlagen miteinander verbunden sein werden. Auf Hochpunkte, wie ihn der Masterplan zuliess, verzichtet das Projekt völlig. Stattdessen folgen die Volumen in der Höhe dem ansteigenden Terrain. Der neue Haupteingang befindet sich im südlichen Baukörper, der mit einem Kupplungsstück in den Häfeli Moser Steiger-Bau überleitet und so auch zu diesem sanft auf Distanz geht. Die Fassadengestaltung mit umlaufenden Gesimsen besitzt in der Dimensionierung eine gewisse Ähnlichkeit zu dem Bestand. Mit dieser Rasterung der Fassade, die die mächtigen Kolosse «weichzeichnet», ist das neue Kernareal Ost aber auch ein Kind seiner Zeit und gleicht in seiner horizontalen Gliederung erstaunlich stark dem «FORUM UZH»-Projekt von Herzog & de Meuron. Man kommt zum Schluss: Wenn es gross sein muss, ist es so richtig. Mit der Durchwirkung von Neubauten, Bestand und Grünraum dürften die beiden Projekte interessante Beiträge zur Nachverdichtung in innerstädtischen Bereichen liefern. Sie sollen bis 2026/2027 realisiert sein.
 
Aktuell sind für die Gestaltungspläne der beiden Areale noch Rekursverfahren hängig. Regierungsrat Markus Kägi, Baudirektor des Kantons Zürich, teilte am 9. Januar mit, dass man mit den Rekurrenten im Dialog stehe und zuversichtlich sei, eine Lösung zu finden. Vertreter der letzteren waren ebenfalls am Anlass zugegen. Zwar kämpfen sich noch immer um eine Reduktion in der Höhe, zeigen sich aber durchaus gesprächsbereit.
Vogelperspektive des Hochschulgebiets nach aktuellem Planungsstand. Bild: HGZZ
Bis am 8. Februar 2019 ist im Amtshaus IV der Stadt Zürich, Lindenhofstrasse 19, 8001 Zürich, im Stadtmodell-Saal eine Ausstellung zum künftigen Hochschulgebiet mit den beiden Siegerprojekten von USZ und UZH zu sehen (Öffnungszeiten von 8 bis 17 Uhr, Sa/So geschlossen). 

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