Fachpublikumsmagnet CAD

 Manuel Pestalozzi
30. November 2016
Geschnitten und möbliert. Vectorworks-Präsentation im Multiplex-Saal. Bilder: Manuel Pestalozzi
Ob es an BIM liegt? Das Interesse am Vectorworks-Anwendertag war riesig. Die Organisatoren konnten am 29. November 2016 ein komplettes Multiplex-Kino füllen. Der Altersdurchschnitt der Teilnehmenden war auffallend niedrig.
Es gab einen Moment im frühen Jahrtausend, da bestand das Gefühl, die CAD-Softwareanbieter hätten ihr Pulver verschossen. Dass die Architekturbüros sich mit dem, was an digitaler Planfertigung geboten wird, zufrieden geben. Updates, wozu? Man hatte alles, was man brauchte und nützlich war. Mit den Möglichkeiten von Internet 2.0, Industrie 4.0, Clouds und dem Nahen der Virtual Reality bahnte sich dann aber ein neuer Schub an. Im Bauwesen krönt ihn in einem gewissen Sinn das Building Information Modelling (BIM), das aktuell energisch gepusht wird.
 
Was trieb die rund 890 Teilnehmenden am 29. November zum Anwendertag in die Arena Cinemas von Zürichs Sihlcity? War es Neugier oder die Sorge, den Anschluss zu verlieren? Betrachtete man die ausgelassene Stimmung und das meist jugendliche Alter der Angereisten, so war es wohl eher das erste. Die Organisatoren der ComputerWorks AG, welche Vectorworks-Kunden in der deutschen Schweiz betreuen, erschraken fast ein wenig ob der Menge, die sie mit dem Event anlockten. «Die Anmeldungen übertrafen unsere Erwartungen», gab Computer-Works-CEO Andreas Kling zu, «noch mehr Leute könnten wir nicht angemessen empfangen.»
Digitales Arsenal und Anwender-Knowhow scheinen sich in den Architekturbüros auf ganz unterschiedlichen Levels zu bewegen. Pause am Vectorworks Anwendertag. Bild: Manuel Pestalozzi
Digitale Klassengesellschaft?
Anwendertag, das war wörtlich gemeint: In den Sälen des Multiplexkinos wurden in einem Stundenrhythmus parallel verschiedene Vorträge gehalten, die einen direkten Bezug zur CAD-Praxis hatten. Grundsätzlich ging es darum, die Möglichkeiten der Software zu erläutern. Dafür bietet ComputerWorks allerdings auch Webinare an, CAD-Ausbildung ist grundsätzlich ein klassisches eLearning-Fach. Trotzdem zogen die Beiträge mit Tipps und Tricks das grösste Publikum an. Gelegentlich kam es auch zum Austausch zwischen dem Publikum und den Experten vor der Kinoleinwand. Offensichtlich bieten die CAD-Programme derart viele Möglichkeiten, dass die Anwendenden ahnen, dass sie deren Potenzial nicht ausschöpfen.
 
Überraschend für den anwendungsfernen Beobachter war die Kluft, die sich in der CAD-Gemeinschaft offenbar noch immer zwischen 2-D und 3-D öffnet. Der mehrmals wiederholte und grossen Anklang findende Vortrag «Neuerungen Vectorworks 2017» verharrte bei den Neuigkeiten erstaunlich lange in der zweidimensionalen Ebene. Offenbar reicht sie für viele Büros in mancher Hinsicht noch aus. Durch verschiedene Partnerschaften bietet aber auch dieser Softwareanbieter mittlerweile ein umfassendes und BIM-taugliches 3-D-Angebot an. Es wurde unter anderem in der spielerisch aufgezogenen Präsentation «Einführung ins 3-D-Modellieren» vorgeführt. Biplab Sarkar, CEO von Vectorworks Inc., und dessen Chefentwickler Steve Johnson reisten aus Amerika an und teilten dem Publikum mit, dass man sich mit dem Erreichten nicht zufrieden geben wird. Das Unternehmen will CAD-Lösungen für die ganze Stadtplanung anbieten und auch die Möglichkeiten der Augmented Reality (Stichwort digitale Brille) und des Machine Learning in seine Software integrieren. Grosse Aufmerksamkeit schenkt man ausserdem den Möglichkeiten, mit denen Architekturbüros ihren Kunden und Partnern über digitale Präsentationen zeigen können, was sie vorhaben und wozu sie überhaupt fähig sind.
 
Angesichts der aktuellen Phase einer hard- und softwaremässigen Hochrüstung stellt sich die Frage, ob bei dem rasenden Entwicklungstempo eine digitale Zweiklassengesellschaft entsteht und welche Folgen eine solche Entwicklung hätte. Für Architekturbüros ist der Fortschritt auf diesem Gebiet eine externes Ereignis. Die aktuelle Digitalisierungsstufe beansprucht zumindest sporadisch finanzielle, personelle und mentale Ressourcen. Zudem zweigt sie unter Umständen Aufmerksamkeit vom Kerngeschäft ab. Kritische Gedanken weckt auch die völlig atektonische Design-Zentriertheit, welche die 3-D-Architekturmodellierung am Bildschirm charakterisiert. Es entstehen  Objekte ohne Massstab und materialspezifische Eigenheiten, Einsturzwarnungen kennen CAD-Programme für Architekturbüros nicht.
Die Highend-BIM-Anwendung funktioniert. Marc Pancera von Itten+Brechbühl AG präsentierte das soeben mit dem Arc-Award «BIM-Innovation/Performance» ausgzeichnete, realisierte Projekt SwissFEL des Paul Scherrer-Instituts in Würenlingen. Bild: Manuel Pestalozzi
Als «Dessert» des Anwendertags wurde gegen Ende des Tages der Vortrag «Genügt uns das? … immer dichter» von Kascha Knapkiewicz und Axel Fickert angekündigt. Ihnen gaben die Veranstalter Carte blanche. Obwohl als konventionelle, wenn auch besonders detaillierte und durchdachte Projektpräsentation konzipiert, liess sie sich ihr Referat als Echo auf die eben erwähnten Bedenken verstehen. Zwar wurde CAD als Planungstool nicht erwähnt, doch die Kritik an neuerer Architektur, die graphisch und nicht tektonisch ist, war unüberhörbar. Das menschliche Mass muss auch in Zeiten fortschreitender Digitalisierung gewahrt bleiben, lautete eine der Kernbotschaften.

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