Food Revolution!

 Susanna Koeberle
5. Dezember 2018
Die Küche der Zukunft als Labor? Officina Corpuscoli - Maurizio Montalti: «System Synthetics». Bild: Maurizio Montalti
Eine Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur stellt 50 internationale Design- und Forschungsprojekte zum Thema Essen vor. Vier Erzählstränge nähern sich der komplexen Thematik an.
Essen ist ein globales Thema. Zum einen betrifft es alle Menschen (körperlich und gesellschaftlich), zum anderen stehen viele Probleme, welche gerade die Globalisierung mit sich gebracht hat, mit Essen und Ernährung in Zusammenhang. Eine der Hauptursachen für Klimawandel etwa ist unser Fleischkonsum. Nicht nur stossen Kühe das schädliche Treibhausgas Methan aus, das Füttern der Tiere verbraucht zudem auch wertvolle Ressourcen: Wasser und Pflanzen. Lebensmittel sind heute meist Massenprodukte, also das Ergebnis von globalisierten Herstellungsverfahren. Essen ist in unseren Breitengraden eine der wichtigsten Konsumaktivitäten, zugleich leiden weltweit knapp eine Milliarde an Hunger. Angesichts dieser erschreckenden Fakten, müssen wir uns fragen, was und wie wir in Zukunft essen wollen.

Die Aktualität dieser komplexen Thematik widerspiegelt sich auch in der Tatsache, dass in den letzten Jahren an den Universitäten viele Food-Departments entstanden sind. Forschung dazu findet auch an Designhochschulen statt. Denn Essen ist nichts anderes als in Form gebrachtes Material. Und Kochen ist eine kulturelle Praxis, bei der auch gestalterische Elemente mitspielen. Vor diesem Hintergrund ist die Schau im Gewerbemuseum Winterthur ein wichtiger Beitrag zu einem hochaktuellen und brisanten Thema. «Food Revolution 5.0» ist eine Zusammenarbeit vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg und dem Gewerbemuseum Winterthur. Die von Dr. Claudia Banz kuratierte Schau wurde für Winterthur um einige Projekte aus der Schweiz ergänzt. Präsentiert werden überzeugende Best-Practice-Beispiele.
 
Fleisch aus Algen: «Sea-Meat Seeweed von Hanan Alkouh. Bild: Tom Mannion
Einstieg bildet der Bereich «Farm», bei dem alternative Produktionsmethoden vorgestellt werden. Zum Beispiel der Bienenstock für den städtischen Raum vom Designerkollektiv «Bee Collective». Paradoxerweise bieten Städte für Bienen einen besseren Lebensraum als überkultivierte Landschaften. Urban Gardening, Brachen und Grünräume tragen zur Biodiversität bei. Ziel des einfach zu handhabenden Bienenstocks ist, dass jeder Städter zum Imker wird. Gemüseanbau in der Stadt verkürzt zudem die Transportwege. Das hat auch mit Raumplanung zu tun. Architekten können durchaus auch dazu beitragen, Produktionsstandorte so einfach und sinnvoll wie möglich zu gestalten. Das Projekt «Greenhouse Pigs» vom Büro Gottieb Paludan Architects führt dies vor, indem es überschüssige Wärme, Strom, CO2 und Nährstoffe einer Schweinefarm für ein angegliedertes Tomatengewächshaus nutzt. Stadtfarming wirkt zudem auch gegen die wachsende Entfremdung der Menschen von Foodproduktion. Welches Kind weiss heute noch, dass Karotten aus der Erde kommen? Überhaupt, woher das Essen kommt. Eben nicht einfach aus dem Supermarkt, dieser ästhetischen Ikone des globalen Kapitalismus. Der Lebensmittelmarkt ist eine Geschichte, die vor allem von Macht handelt.

​Der Themenraum «Markt» widmet sich beispielsweise dem in Supermärkten herrschenden Verpackungswahnsinn. Bilder von Plastikmüll im Ozean gehen zwar medial um die Welt, aber Konsumenten fühlen sich häufig machtlos. Der Designer und Biochemiker Maurizio Montalti vom Design-Studio Officina Corpuscoli erforscht, wie pilzartige Organismen benutzt werden könnten, um alternatives Material zu Plastik zu produzieren. Wer weiss, vielleicht wird in Zukunft jede Küche zum Labor? In welchem wir etwa selber kompostieren (mit «WormUp», einem Zürcher Start-up-Unternehmen). Oder wir stellen daheim nicht nur Brot oder Essig, sondern vielleicht sogar unser eigenes Fleisch her, das wir entweder in-vitro züchten oder aus Seetang produzieren (wie dies das Projekt «Sea-Meat Seaweed von Hanan Alkouh zeigt)? Der Ausstellungsbereich «Küche» zeigt, wie der Konsument sich so zum Produzenten wandeln könnte. Im Kapitel «Tisch» schliesslich geht es auch um die soziale Dimension von Essen. Designer wenden Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung an, beschäftigen sich mit neuen Formen der Esskultur und entwickeln Zukunftsszenarien. Dass wir die Zukunft alle selber mitgestalten können, ist eine der zentralen Botschaften dieser gelungenen Ausstellung. Der letzte Teil präsentiert ergänzende Projekte, die Besucherinnen und Besucher dazu anregen sollen, selber aktiv zu werden. Dazu geben auch Workshops und Veranstaltungen Gelegenheit.

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