Fünf Identitäten

Ulf Meyer
25. November 2020
Foto: World-Architects.com

Die neue Monographie des deutschen Büros GRAFT bezeugt den Moderne-Stress. Die Lektüre entspannt nicht.

Wenn ein modernes, topmodisches Architekturbüro eine neue Monographie herausgeben lässt, ist das Ergebnis natürlich ebenfalls topmodisch und modern. Doch was genau heisst das eigentlich? Diese Frage drängt sich Leser*innen und Betrachter*innen des Buches «Identity» gleichermassen auf, in dem die deutschen Erfolgsarchitekten von GRAFT aus Berlin 40 Gebäude und Entwürfe aus den Bereichen Kultur, Arbeitswelten, Markenarchitektur und Mobilität vorstellen. «Die Publikation dokumentiert Realisierungen, in denen die Unternehmenskultur in die facettenreiche Architektursprache GRAFTs eingeht», liest man dazu. An derlei vagen und holprigen Formulierungen lässt sich ablesen, was GRAFT umtreibt: Eine irgendwie «futuristische» Architektur voller geschmeidiger Formen aus dem Fahrzeugbau, die angestrengt modern wirken (wollen).

Foto: World-Architects.com
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Derlei parametrische Formenzauberei hat allerdings in den letzten Jahren ihren Zauber verloren, angesichts der oft lieblos umgesetzten Details, die sinnliches Erleben und handwerkliches Schaffen negieren. «Dialektische Essays über den Einfluss der Digitalisierung auf die Baubranche», die das Buch verspricht, helfen da kaum weiter. Deswegen mussten prominente Gastautoren her: In seinem kurzen Vorwort zum neongelben Graphiktummelplatz schreibt Kjetil Trædal Thorsen von Snøhetta, dass Identität eigentlich Vielfalt bedeute – fertig ist die Laube. Unter dieser Rubrizierung kann man dann ungeniert ungebaute Stromlinien-Hochhäuser in Tiflis und teure Kinderzahnarztpraxen im Kfz-Look zusammenwerfen. Chice Monorail-Stationen, eine DHL-Packstation in der afrikanischen Savanne und Voloports in Singapur dürfen natürlich auch nicht fehlen – neben den vielen Mercedes-Autohäusern in dieser verheissungsvollen Zukunft der Mobilität. 

Foto: World-Architects.com
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Vorne rechts in den Renderings ist wiederholt ein weisser Lamborghini geparkt. Da stellt sich schnell und dauerhaft Visualisierungs-Fatigue ein. Die beiden zuletzt fertiggestellten, grossen Wohnbauten von CRAFT in Berlin hingegen, «Charlie» und «Bricks» genannt, tauchen im Buch leider überhaupt nicht auf, obwohl sie sehr reizvolle Elemente zu bieten hätten. Die Texte sind nicht viel lebensnäher: Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, klagt im Interview über die «rejection of contemporary architecture» (quod erat demonstrandum!) – bei der Übersetzung der Diskussion über Heimat ins Englische gingen Nuancen verloren. Egal, Englisch ist weltmännisch. In einem Beitrag am Ende des Buches ehrt Rem Koolhaas im Rückblick die von ihm einst verdammte Berliner Städtebaupolitik «for preventing the most most vulgar aspects of neo-liberalism». Er schreibt: «One of the terrible effects of the market economy has been to erode thinking and to replace pluralism with variety or difference» – ein Schelm, wer Böses dabei denkt! 

Foto: World-Architects.com
Identity. New Commercial, Cultural and Mobility Architecture

Identity. New Commercial, Cultural and Mobility Architecture
GRAFT Gesellschaft von Architekten mbH
Vorwort von Kjetil Trædal Thorsen, Beiträge von Stefan Liske, Gesche Joost, Miguel McKelvey, Rico Zocher, Nikolaus Hafermaas, Peter Cachola Schmal und Rem Koolhaas.

280 x 220 Millimeter
360 Seiten
400 Illustrationen
ISBN 9783035619164
Birkhäuser
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