Fünf Punkte zur Solarkultur – vom Bewahren und grüner Energie

Manuel Pestalozzi
14. Juni 2022
Das Tiny House von Saikal Zhunushova funktioniert als passiver Sonnenkollektor. Dazu wurden neben einer grossen Fensterfläche eine Stampflehmwand und eine Fensterbank aus schwarzem Granit verbaut, um für ein behagliches Raumklima zu sorgen und Energie zu speichern. Eine 22-jährige Psychologiestudentin hat das kleine Gebäude unter Anleitung der Architektin selbst errichtet. (Foto: Sebastian Seiler)
«Das Netto-null-Ziel erreichen wir nur, wenn wir gleichzeitig beim Bauen, bei der Verbrauchsreduktion und bei der Energieproduktion massive Fortschritte erzielen.»

Patrick Schoeck, Schweizer Heimatschutz, in: «Eine neue Solarkultur», Heimatschutz/Patrimoine 2.2022

Wie können wir die wunderbare Natur- und Kulturlandschaft der Schweiz für die Zukunft bewahren, unser reiches baukulturelles Erbe pflegen und gleichzeitig entschlossen auf den Klimawandel reagieren? Besonders knifflig wird dies mitunter, geht es um historische Bauten. Denn die Vorgaben zum Wärmeschutz und die Forderung nach Photovoltaikanlagen können in Widerspruch zum Erhalt der architektonischen Anmutung und Qualität treten.

In der aktuellen Ausgabe «Eine neue Solarkultur» seiner Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine macht sich der Schweizer Heimatschutz Gedanken über den Ausbau der Solarenergie. Dass dieser wünschenswert und nötig ist, steht dabei ausser Frage. Der Heimatschutz unterstützt ausdrücklich das Netto-null-Ziel. Auch sei es wichtig, sich von Energieimporten aus dem Ausland unabhängiger zu machen. Der schreckliche Krieg in der Ukraine ruft dies nachdrücklich ins Bewusstsein.

Bis 2050 sollen hierzulande gemäss der Energiestrategie des Bundes rund 34 TWh Strom durch Solarenergie produziert werden. Das heisst nicht nur, dass die Nutzung von Solarenergie bei Neubauten künftig Standard werden wird, sondern auch, dass der gesamte Bestand an schützenswerten Bauten entsprechend behandelt werden muss; wie eingangs erwähnt, ist das eine schwierige Aufgabe für Architekt*innen, Bauherrschaften, Denkmalpflege, Natur-, Landschafts- und Heimatschutz. Doch wie kann sie gemeistert werden? Der Heimatschutz hat fünf Punkte formuliert. Auffällig ist dabei, dass ein Lowtech-Ansatz klar präferiert wird. Denn es ist wenig hilfreich, wenn aufwendige Anlagen viel Energie produzieren, die anschliessend genutzt wird, um durch Heizen oder Kühlen Fehler in der Planung auszubügeln. Die intelligente Nutzung der Sonne ist auch gar nicht neu, vermittelt Patrick Schoeck in seinem Beitrag «Für eine neue Solarkultur» (Heimatschutz/Patrimoine 2.2022), sondern hat in der Schweiz bereits ein lange Tradition, angefangen beispielsweise bei der geschickten Nutzung der Topografie durch die Walser im Bündner Safiental. Wichtig ist auch der Hinweis, dass es nicht reicht, Energie umweltfreundlicher zu produzieren. Auch der CO2-Ausstoss und der Energieaufwand im Zusammenhang mit dem Bau und Unterhalt von Gebäuden und Infrastrukturen müsse dringend sinken, so der Heimatschutz. Was schlüssig klingt, wird in der Praxis noch grössere gesamtgesellschaftliche Diskussionen erfordern, weil es schlussendlich ein Überdenken der Anspruchshaltung eines jeden einzelnen erfordert.

 

Beim Umbau «Wolfen» im Tösstal setzten Marazzi Reinhardt nicht auf Zahlen und Tabellen, sondern auf eine Reduktion der Komfortansprüche der Bewohnenden. Im Winter werden zum Beispiel nur wenige Räume bewohnt und beheizt. (Foto: Ladina Bischof)
Foto: Ladina Bischof
Foto: Ladina Bischof
«Solarkultur bedeutet, mit Ressourcen und Energie sparsam umzugehen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Reduktion des CO2-Ausstosses sind untrennbar miteinander verbunden. Reduziert werden muss nicht nur die Energie, die wir durch die Nutzung von Gebäuden aufwenden, sondern ebenso die Energie, die in den Gebäudepark und die Infrastrukturen fliesst. An dieser ganzheitlichen Dekarbonisierung sind Bauindustrie, Immobilienwirtschaft, Raumplanung, Städtebau und alle architektonischen Disziplinen zu messen.»

Patrick Schoeck, Schweizer Heimatschutz, in: «Eine neue Solarkultur»

Die fünf Punkte des Schweizer Heimatschutzes für eine neue Solarkultur sind im Einzelnen:

1. Solarkultur ist Baukultur

2. Solarkultur ist orts- und objektspezifisch

3. Lowtech vor Hightech

4. Reduktion vor Produktion

5. Solarkultur ist zukunftsgerichtet

In Bauma hat Saikal Zhunushova ein historisches Flarzhauses umgebaut. Geheizt wird der Bau nur mit der Sonne und einem zentralen Ofen, der mit Naturstein verkleidet ist. Der Boden und eine Fensterbank aus dunklem Schiefer (3 Zentimeter stark) dienen als Speichermasse und passiver Kollektor. Die Holzkonstruktion und Lehmputze sorgen für ein wohliges und gesundes Raumklima. (Foto: Philipp Stäheli)
Grosse Fensterflächen bringen Sonnenenergie ins Haus. Die spezielle Lage des Grundstücks im Zürcher Oberland und die Ausrichtung des historischen Baus kamen dem Konzept zugute. (Foto: Philipp Stäheli)
Foto: Philipp Stäheli

Der Schweizer Heimatschutz ist der Auffassung, dass die Nutzung von Solarenergie objekt- und ortsspezifisch sein muss. Auch sei nicht jedes Gebäude und jeder Landschaftsraum gleichermassen geeignet, um Solarenergie zu produzieren. Will heissen: Die Gewinnung erneuerbarer Energien mittels wenig ästhetischer Anlagen soll in Industriezonen und grauen Gewerbegebieten eher forciert werden als in schönen Naturlandschaften oder an wertvollen Baudenkmälern. 

Entsprechend kritisiert der Heimatschutz die Revision des Energiegesetzes 2022. Denn die Kompetenzen der Kantone und Gemeinden würden etwa im Bereich der Solaranlagen auf Fassadenflächen zu stark eingeschränkt. Das sei wenig hilfreich und laufe noch dazu dem föderalistischen Grundgedanken der Schweiz zuwider. Sinnvoller als Eingriffe in die Kantons- und Gemeindehoheit seien Subventionen für Investitionen am richtigen Ort mit einer hohen Baukultur; oder Finanzhilfen an Gemeinden zur Erstellung von Solarplanungen. Konkret beantragt der Schweizer Heimatschutz «den Verzicht auf die Erweiterung der Bewilligungsfreiheit» für Solaranlagen auf Fassadenflächen im Raumplanungsgesetz. 

Es ist davon auszugehen, dass die Debatte in den nächsten Monaten und Jahren immer mehr Schwung aufnehmen wird – gerade in der Schweiz mit ihrem grossen Bestand an historischen Bauten und wertvollen Landschaftsräumen, die wesentliche Bausteine nationaler Identität sind. Beispielhafte Um-, aber auch Neubauten können dabei wichtige Beiträge sein.

 


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